Nach den grossartigen "Heimsuchung" und "Wörterbuch" hat Jenny Erpenbeck Stress. Sie wird immerzu nach ihrem naechsten Roman gefragt, aber sie hat doch so viel anderes zu tun, dass sie im Alltagstrubel als Autorin verschwindet.
Nicht nur sie selbst verschwindet, sondern vieles andere auch.
Dinge verschwinden als Individuum: die eine Socke, die Sonnenbrille..., oder generisch: die Splitterbrötchen, die Tropfensammler an der Kaffekanne....
Geschichte spiegelt sich in Trivia. Im kleinsten Ding steckt das Wissen der Zeit. Im Tropfensammler steckte das Wissen ueber die Verbrechen der Wehrmacht.
Gebäude verschwinden. Der Palast der Republik. Die Mauer als Mauer. Häuser verschwinden, Gärten, Zäune (wunderbares Morgenstern Zitat hier: wo sind die Zwischenräume abgeblieben?). Ist da ein wenig Ostalgie? Sicher weniger im politischen Sinn als im persönlichen: Vertrautes und Liebgewonnenes verschwindet.
Menschen verschwinden. Freunde sind keine Freunde mehr. Verwandte sterben. Man selbst altert. Wenn man verreist, ist man dann verschwunden? Ist die Fliege verschwunden, die man beim Radfahren verschluckt?
Verhaltensweisen verschwinden. Bartleby lehnt die Hilfeleistung ab: es passt ihm nicht.
Verschwinden ist Fortschritt.
Das Buch ist eine Sammlung wunderbarer kleiner Texte, Mini-Essays, fast tagebuchartig. Unbedingt zu empfehlen.