Besonders eindrucksvolle Kindheitserinnerungen knüpfen sich oft an Erlebnisse, die völlig gratis waren. Jemand hat uns seine Zeit geschenkt und ist deshalb bis heute unvergessen. Unsere Mutter sah stundenlang mit uns gemeinsam Bauarbeitern in einer Baugrube zu, der Opa ging mit seinen Enkeln geduldig immer wieder Schiffe oder Züge ansehen, wir ernteten hemmungsloses Gelächter, weil wir bei einer verrückten Unternehmung völlig schmutzig wurden. An ähnlich idyllische Kindheitserlebnisse erinnerten mich Hans Raths und Edgar Rais 88 Ideen, das eigene Kind in einem ganz neuen Licht zu sehen. Die Ideen der beiden Autoren kosten Zeit. Viele Erwachsene müssen in einer Sache ohne Ablenkung völlig zu versinken oder das Trödeln erst wieder lernen.
Bei einigen Vorschlägen wird man nass oder schmutzig, bei anderen geht man im übertragenen Sinne baden, wenn ein Projekt oder eine Idee sich leider nicht wie geplant verwirklichen lässt. Wenn das eigene Kind morgen zur Berufsausbildung das elterlich Haus verlassen würde, hat es dann zuvor gelernt, eigene Karotten auszusäen, kann es einen Brief handschriftlich verfassen und frankieren, kann es im Spiel verlieren, über sich selbst lachen oder Kritik einstecken? Noch ist Gelegenheit dazu, sich Geschichten zu erzählen, mit Abschieden umgehen zu lernen, sich selbst zu organiseren oder zivilen Ungehorsam zu probieren. Sie finden im Buch freie Anregungen wie "etwas bauen, das fliegt", Sie werden aufgefordert, einmal über den eigenen Schatten zu springen und ein Konzert oder eine Sportveranstaltung zu besuchen, für die sich nur Ihr Kind interessiert. Als Ausgleich könnten Sie sich von Ihren Kindern in Ruhe Social Media oder das derzeit angesagte PC-Spiel erklären lassen. Sie werden zum Nachdenken angeregt, wie Sie mit körperlichen Schmerzen oder Verzweiflung umgehen und was Ihr Kind aus Ihrem Vorbild lernen wird. Es geht in den Anregungen u. a. um das Wünschen, um Freundschaft, Danbarkeit, Zufriedenheit, um Wahrheit oder Lüge.
Zu dieser Jahreszeit spricht mich die Idee des Digitalfastens besonders an, eine Steigerung der Aktion "6 Wochen ohne", z. B. ganz ohne Fernsehen. Sie brauchen zum Digitalfasten nicht die notleidende Selbstfindungs-Industrie finanziell zu unterstützen oder einen Hektar Wald umzugraben, lästern die Autoren. Es genüge schon, die eigene ständige Erreichbarkeit infrage zu stellen oder die Kinder zu überzeugen, dass die Sonne morgen auch dann wieder aufgehen wird, wenn die digitale Pinnwand nicht im Stundenturnus überprüft wird. Für die, die selbst noch Eltern haben, folgt auf die 88 Vorschläge ein Bonustrack für eine unkonventionelle Beschäftigung mit den Eltern.
Was Sie mit 88 Vorschlägen anfangen sollen, die Zeit kosten, aber kein Geld? Sie können eines der vorgeschlagenen Projekte verschenken oder auch für den nächsten Adventskalender 24 Zettel mit den besten Ideen der Herren Rath/Rai beschriften. Mich haben die 88 Dinge daran erinnert, dass eines meiner Lieblingsbücher
Weltwissen der Siebenjährigen: Wie Kinder die Welt entdecken können noch viele weitere Ideen enthält, die nichts kosten.