"Nicht nachvollziehbar" sollte es eigentlich heißen. Denn ich beziehe mich hierbei auf das grausame Geschehen, das Unvorstellbare, das schlechterdings nicht Akzeptable, nämlich den Tod des eigenen (jungen) Kindes. Genau das ist eben nicht nachvollziehbar, nicht zu begreifen, nicht zu verstehen. Und genau darüber versucht eine Mutter, nämlich die Autorin Anna Patell, uns zu berichten, indem sie bruchstückhaft den Unfalltod ihres Sohnes Dilip während einer Klassenfahrt ins Gebirge schildert.
"Schwierig nachvollziehbar" bezieht sich dann aber auf die vorliegende Publikation und die hier geschilderten Reaktionen, Gedanken, Erlebnisse und Erfahrungen.
Dieses Buch ist also zunächst einmal nichts anderes als die minutiöse Selbstdarstellung des Versuches dieser Mutter (gelegentlich auch der "Rest-Familie" mit Vater und zwei jüngeren Söhnen), den Tod dieses Schülers in irgend einer Weise zu verarbeiten. Dabei scheint sie allerdings alle zu überfordern: sich selbst, besonders aber die Mitschüler und die Lehrer, die immer wieder befragt werden, deren Hilflosigkeit nicht erkannt wird oder deren Schweigen nicht auch als eine mögliche Trauerreaktion akzeptiert werden kann. Ich kann also beispielsweise in dem, was ich gelesen habe, nichts erkennen, was man mit einigem Recht als "würdelose Umstände der Aufklärung" bezeichnen könnte.
Und noch etwas: Die Autorin will nicht akzeptieren, dass die eigene existentielle Katastrophe ("das Leben mit Dilip und das Leben nach Dilip") eben nicht die gleiche Dimension auch für die Mitschüler oder Lehrer haben kann. Mir fehlt die Erkenntnis und das Verstehen für die unterschiedliche Nähe, die der Tod von Dilip hat, einmal für die Mutter, dann für die Geschwister oder für Mitschüler und Lehrer und schließlich für den Leser dieses Buches. Und mir fehlt der Hinweis auf die daraus resultierenden natürlich ganz unterschiedlichen Reaktionen.
Vielleicht ist es "Trauerarbeit", dass man möglichst exakt alle letzten Handlungen oder Worte oder Äußerungen des verlorenen Kindes wissen zu müssen glaubt; aber unablässig und immer wieder die Klassenkameraden oder Lehrer danach auszufragen und so einen immensen Druck aufzubauen, bleibt mir nicht nachvollziehbar. Ich bin weit entfernt davon, dies als egozentrisch in der Trauer zu bezeichnen, dennoch bleibt bei mir, dem vergleichsweise unbeteiligten Leser, an dieser Stelle eine Spur von Unbehagen.
Aber vielleicht würden heute manche Passagen von der Autorin auch ein klein wenig anders formuliert werden, nachdem sie sich ja sehr verdienstvoll mit psychologischem Beistand bei vergleichbaren Katastrophen - etwa in Schulen - einsetzt.