Würde in einem Texterwettbewerb die Aufgabe gestellt, einen möglichst provokativen Titel für ein Referat zum Thema "Mittelmaß" zu finden, hätte "Diktatur der Gutmenschen" hohe Gewinnchancen. Und da Boris Grundl mit seinem Buch etwas bewegen will, greift er bewusst zu rhetorischen Mitteln, die schon immer wirkten. Es ist nur zu hoffen, dass vom Titel provozierte Zeitgenossen das Buch auch lesen und nicht gleich zu den üblichen Abwehrmaßnahmen greifen. Denn wie das aktuelle Beispiel von Thilo Sarrazin zeigt, werden Messer schon gewetzt, bevor man weiss, was mit ihnen zerlegt werden soll. Aber damit soll der "Vergleich" Grund-Sarrazin auch schon wieder beendet sein. Zumal mich die mediale Berichterstattung erahnen lässt, dass die beiden Autoren unterschiedliche Ziele, Lebensläufe und Charaktereigenschaften haben. Kurz: Boris Grundl erst lesen, dann urteilen.
Von Vorworten in der Regel wenig angetan, wusste ich bei diesem Buch sofort, dass sein Autor mir etwas zu sagen hat. Denn Boris Grundl erzählt die Geschichte der unerfüllbaren Aufträge, die von Menschen erteilt werden, die vor anderen immer gut dastehen wollen. Und damit weiß der Leser bereits, was Grundl unter "Gutmenschen" versteht. Sie tun so, als würden sie sich für andere aufopfern und nichts für sich selber tun. Ob Eltern, Politiker, Sozialarbeiter, Lebensberater, Blogger oder Führungskräfte. Dass Gutmenschen mit ihrem Verhalten aber das Gegenteil bewirken, ist ihnen nur selten klar. Auch weil ein solches Eingeständnis ihr Selbstbild empfindlich stören würde. Denn schaut man genauer hin, sind solche Gutmenschen gierig nach Status und Anerkennung, harmoniesüchtig, narzisstisch und von unverarbeiteten Ereignissen tief verletzt. Um die Kluft zwischen gewünschten und tatsächlichen Verhaltensmustern zu verringern, predigen sie Wasser und trinken Wein. Damit stehlen sie sich aus der Verantwortung, schieben anderen die Täterrolle zu und verhindern die Entwicklung von Menschen.
Das ist natürlich alles sehr verkürzt formuliert. Anschaulich erklärt daher Brosi Grundl im ersten Teil, woran man die Gutmenschen erkennt. Und obwohl er sie typisiert, sehen wir beim Lesen reale Menschen vor uns. Daher werden uns Besserwisser, Gerechtigkeitsfanatiker, Idealisten, Machtlose, Helfersüchtige, Revolutionäre, Kuschelchefs, Angsteltern und Moralisten künftig eher auffallen, wenn sie uns ihre eigenen Schwächen anhängen wollen.
Im zweiten Teil "Woran die Gesellschaft der Gutmenschen krankt" macht Boris Grundl auf die Folgen aufmerksam, die Gutmenschen mit ihrer Macht bewirken. Es sind dies: Harmoniesucht, Kapitalismushass, Konsensstreben, Statusbesessenheit, Schwächebedürfnis, Verantwortungsscheu und Sensationsgier. Und um seinen Lesern auch gangbare Wege aufzuzeigen, wie sie den heimlichen Diktatoren begegnen können, macht Boris Grundl im dritten Teil ganz konkrete Vorschläge, was uns gesunden lässt und wie Menschenentwicklung möglich ist.
Das Buch wird Betroffenheit auslösen. Auch weil es Boris Grundls eigene Biographie den Lesern erschwert, ihn als Schreibtischtäter einzureihen, der vom wirklichen Leben keine Ahnung hat. Denn Grundl macht seine Betrachtungen vom Rollstuhl aus, kommt als Managementtrainer mit charakterlich schwachen Machtmenschen in Kontakt, hat als Gastdozent und in Schulveranstaltungen ein reales Publikum vor sich und versucht mit seiner Familie möglichst viel von dem zu leben, was er im dritten Teil seines Buches empfiehlt.
Mein Fazit: Über die geheimen Machtspiele von Menschen, die sich auf Kosten der Schwachen profilieren wollen, wurde schon viel geschrieben. Aber während es andere Autoren den Lesern ziemlich leicht machen, ihr zurechtgebasteltes Selbstbild aufrechtzuerhalten, setzt Boris Grundl Stolpersteine, die sich nicht so einfach aus dem Weg räumen lassen. Und weil er Optimist ist, hilft er auch gerne beim Aufstehen, wenn man es trotzdem versucht und dabei auf die Nase fällt. Boris Grundl weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht einfach ist, aus bekannten Verhaltensmustern auszubrechen.