Ob Web 2.0 oder Cybersex, Identitätstourismus oder Online-Nation, Rollenspiele wie World of Warcraft oder digitale Kunst: Roberto Simanowski ist es mit diesem exzellenten Buch gelungen, den Cyberspace anhand von Fallstudien aus den unterschiedlichsten Bereichen digitaler Kunst und Kultur zu erforschen und vor dem Hintergrund eines brillianten Einleitungsessays zur Debatte um die Postmoderne so differenzierend wie erhellend und so zeitgemäß wie kritisch zu erklären und zu interpretieren.
So zeigt er beispielsweise an dem berühmten Fall von "lonelygirl15", dass interaktive Kultur keineswegs per se "befreiend" ist sondern durchaus auch der Kulturindustrie zuarbeiten kann. Oder dass die Aktionen der amerikanischen Performance-Gruppe The YesMen ( - die beispielsweise auch kurz nach den US-Wahlen eine gefälschte New York Times, datiert auf den 4. Juli 2009, veröffentlichten, um Barack Obama an seine Wahlversprechen zu erinnern) zwar einer "Ästhetik der Täuschung" zu zu rechnen sind aber trotzdem der Wahrheitsfindung dienen -' so klug, kritisch und medienwirksam wie wenig andere Gegenwartskunst.
Simanowski ist ein herausragender Experte für digitale Ästhetik, der die besten Traditionen deutscher und amerikanischer Kulturwissenschaft vereint. So gelingt ihm in seinem Buch auch mit beeindruckender Leichtigkeit das Kunststück digital Unerfahrene in die komplexe Welt des Cyberspace einzuführen und zugleich den "digital natives", der nachwachsenden Generation der "Eingeborenen des Digitalzeitalters", eine kritische Revision ihrer Kultur an die Hand zu geben. Noch scheint dieses Buch ein Geheimtipp zu sein, aber es hat zweifellos das Potential, um zum Standardwerk der Medienwissenschaft zu werden.
Auch wenn der Titel "Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft" vielleicht etwas zu "trocken" bzw. akademisch geraten ist '- nicht abschrecken lassen. Dahinter verbirgt sich ein großartiges und leicht zu lesendes Buch, das ich allen, die verstehen wollen, was es bedeutet im 21. Jahrhundert zu leben, nur dringend empfehlen kann.