Wenn man in Bezug auf Oasis das Wort "experimentell" verwendet hat das mit Sicherheit eine ganz andere Bedeutung, als wenn man das auf Bands wie etwa radiohead anwendet. Prinzipiell handelt es sich beim neuen Album nämlich durchaus um ein typisches Rock'n'roll Album, aber Oasis schlagen mit dig out your soul deutlich psychedelischere Töne an als zuletzt. Und damit fahren sie wieder ein bißchen auf der Schiene des 2000er Albums standing on the shoulder of giants, was das kommerziell am wenigsten erfolgreiche Oasis Album gewesen ist. Somit eigentlich durchaus mutig, diesen Weg fortzusetzen. Für mich krankte dabei SOTSOG vor allem an der Unausgewogenheit, es fanden sich ein zwei absolut großartige Songs (gas panic, go let it out) zusammen mit ein paar der schwächsten Oasis Songs überhaupt (i can see a liar, put your money where your mouth is) auf der Platte wieder. Dieses mal vermisst man vielleicht die absoluten Übersongs (falling down mag man als Ausnahme bezeichnen), dafür ist die Platte um einiges runder. Wenn man jedoch auch einige Zeit braucht, um das Album insgesamt schätzen zu lernen. Gerade eingefleischte Oasisfans werden anfangs ihre Probleme haben. Viele kleine geschickte Veränderungen (man nimmt beispielsweise erstmals auf einem Oasis Album den Bass direkt wahr) haben zu einem neuen Sound geführt. Der ein oder andere Song ist vielleicht nicht ganz so catchy geraten, wie man das von Oasis gewöhnt ist, macht allerdings im Albumkontext für mich stets Sinn. Insgesamt scheint mir das Gesamtpaket schlicht weg stärker als seine einzelnen Teile das vermuten lassen.
Bag it up, the turning und the shock of the lightning lassen ja auch die instant rock'n'roll fans auf ihre Kosten kommen. I'm outta time ist meiner Meinung nach ebenfalls sehr schön geraten, auch wenn es eine zweite Strophe vermissen lässt. Zweifellos ein großes Lennontribut, das man Liam so nicht unbedingt zugetraut hätte (sein Gesang ist hier i.Ü. deutlich besser als auf den letzten drei Alben). Wainting for the rapture zitiert meiner Meinung nach the white stripes, bleibt aber spannend im Kontrast mit Noels Stimme. Get of your high horse lady spaltet im Moment die deutsche Oasis Fangemeinde. Ich finds gut.
Falling down ist der stärkste Song auf dem Album, was nur deswegen ein bißchen schade ist, da er schon lange auf youtube in voller Länge zu hören war. Wäre er nochmal getoppt worden hätte man sich vielleichtt sogar wieder in Jubelarien über Oasis ausgelassen. Die hohe Erwartungshaltung, die dieser Song im Vorfeld schürte, können dann aber vor allem die letzten Tracks des Albums nicht einlösen: to be where theres life und soldier on find ich ganz cool, wenn auch nicht super originell. Nature of reality ist für mich der schwächste Song des Albums. Aint got nothing on me ist the meaning of soul vol 2.
Man fragt sich natürlich wieder mal, was aus stop the clocks und i wanna live in a dream in my record machine geworden ist (The boy with the blues wird zumindest auf der Bonus CD veröffentlicht). Zumindest beim zweiten Song find ich die ins Internet geleakte Demo sehr schön und hätte für mich auf dem Album durchaus Sinn gemacht. Aber Noel Gallagher hat vermutlich ganz gerne noch Dinge in der Hinterhand; in aktuellen Interviews heißt es wieder, man habe bereits Material für weitere drei Alben. Ich hoffe, es dauert dann nicht wieder drei Jahre bis zu einem neuen Album. Denn mit dig out your soul bleiben Oasis spannend und anderen großen Bands weiterhin voraus.