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Repräsentation - ein einfacher Begriff, dessen Negativkraft allerdings alle Poren verstopft. Nichts steht für etwas anderes. „Differenz und Wiederholung" geht an die Wurzeln des Negativen und setzt kühn etwas dagegen. Während Deleuze Begriffe wie Repräsentation, Identität, Analogie, das Universale, Allgemeinheit und ihre Verwendung in der Philosophiegeschichte in ihrem ganzen Negativspektrum auffächert, setzt er dagegen eine größere Komplexität, bejaht sie in ihrem Herzen und zeigt wie das Singuläre und das Besondere im Spiel von Differenz und Wiederholung entstehen. Was bleibt ist eine Welt der simulacren, Trugbilder die das ausmachen, was der Gemeinsinn Realität nennt - die Identitäten sind nur simuliert [was bei Baudrillard wieder auftaucht]. Der gesunde Menschenverstand ist alles andere als gesund.
Im Jahr 1968 mit sehr viel Weitsicht als Deutung der Zeichen der Zeit geschrieben (Heideggers Spätphilosophie, der Strukturalismus, die damalige Kunst und der Roman) ist diese Theorie heute alles andere als Avantgarde. Kultur inklusive Popkultur sprechen die Sprache von Wiederholungen und Differenzen, partiell allerdings so abgelutscht, dass ein Rekurs auf das abstrakte Räderwerk und Funktionieren läuternde Wirkung hat. „Differenz und Wiederholung" ist insofern nicht aktuell, sondern das Werden der Aktualität. Später tat Deleuze das Werk [augenzwinkernd] als zu kantianisch ab, für Foucault war es hingegen das „Theater des Jetzt", Ende und Anfang der Philosophie.
Das Buch hat aber auch seine klarsten Momente. Zitat: „Der Repräsentant sagt: „Alle Welt anerkennt, dass ...", aber es gibt stets eine nichtrepräsentierte Singularität, die nicht anerkennt, eben weil sie nicht alle Welt oder das Universale ist. „Alle Welt" anerkennt das Universale, da sie ja selbst das Universale ist, das Singuläre aber erkennt es nicht an, das tiefe sinnliche Bewusstsein nämlich, das jedoch dessen Unkosten tragen soll. Das Unglück beim Sprechen besteht nicht im Sprechen, sondern darin, für die anderen zu sprechen oder etwas zu repräsentieren."
Anhand von Begriffen und Problemen aus Mathematik, Biologie, Chemie, Psychoanalyse, Philosophie, Linguistik und Ästhetik zeigt Deleuze seine Interventionen gegen Reduzierung, Negation und Ausgrenzung. Was abhanden kommt, wenn jemand beginnt allgemeine Aussagen im Namen von irgendetwas zu machen, stellt Deleuze in den Mittelpunkt. Unschärfe, Differenz und Paradox [letzteres später gesondert untersucht in „Logik des Sinns"] sind dabei weniger entrechtete Revolutionäre mit neuen totalen Visionen; vielmehr gehen Sinn und Ereignis verloren, wenn sie die Störenfriede im Diskurs bleiben. Im Ergebnis schwankt der Boden, und halten kann sich nur, wer die Differenz bejaht und die simulacres nicht für „falsch" hält (denn mehr steht nicht mehr zur Verfügung). Die zentrale Position vor allem von Nietzsche, Bergson, Hume und Leibniz in der späteren Philosophie Deleuze's ist hier noch weniger explizit konturstiftend - von daher trägt das Werk als Grundlegung einer Philosophie der Differenz in seiner ungewöhnlichen Systematik (siehe sogleich zum Anhang des Buches) tatsächlich kantianische Züge, die Deleuze in allen folgenden Büchern vermied. Zugrunde liegt jedem Wort ein tiefer Anti-Hegelianismus und nichts als reine Immanenz.
Wie erschaffe ich ein echtes Problem? - diese Provokation provoziert nur in der isolierten Frage. Selbst die Philosophie hat mit ihrer klischeebelasteten Zuständigkeit zur Problematisierung die Probleme doch meist nur von ihrer Lösungsmöglichkeit her definiert, wobei in der Geschichte allein die Form der Möglichkeit variiert. Der Problemzuschnitt folgt den Kapazitäten der jeweiligen Theorien, eine Art Marketing der Theorien. Das Problem sollte freilich die Lösung bestimmen, daran misst sich die Leistungsfähigkeit einer Theorie, und ein echtes Problem ist die Leistung des Genies. Deleuze diagnostiziert keine Fehler, Widersprüche oder schwache Argumentationen, sondern das Wirken der Doxa, den Verlust des Singulären und des Ereignisses, die Negation des Positiven. Eine Theorie des Singulären wäre wohl ein Widerspruch in sich - dies ist Theorie der Differenz. In „Differenz und Wiederholung" stößt der Systematik daher ein Höchstmaß an Komplexität und Differenz zu, unter der sie beinahe verschwindet (wie der Papst im Gemälde Bacons). In den nachfolgenden Werken hat Deleuze daraus Konsequenzen gezogen. Von daher wird „Differenz und Wiederholung" zu wenig gelesen [die deutsche Deleuze-Rezeption oszilliert leider immer noch vornehmlich zwischen popkultureller Vereinnahmung und professoraler Marginalisierung], es ist das Räderwerk Deleuze'schen Denkens und erleichtert das Verstehen aller anderen Werke. Dafür ist es sehr viel schwieriger als alle anderen Werke.
Ein Einwand gegen Kant passt auf dieses Buch: Es wäre sehr viel kürzer [was die Lesezeit betrifft], wenn es etwas länger wäre [was die Erklärungen angeht]. Auch die Entgegnung Kants passt aber: Manches Buch wäre viel deutlicher geworden, wenn es nicht so gar deutlich hätte werden sollen. So deutlich soll es gar nicht sein. Insofern ist Differenz und Wiederholung" nicht wirklich lesbar, wenn man darunter versteht, abends die Füsse hochzulegen und sich erstmal ein Kapitel vorzunehmen. Eher ein Gebirgsmassiv in dem man mühsam klettert, die Orientierung verliert, ständig neue Ansichten erlangt und letztlich das Zurückgelassene ziemlich unbedeutend und schön erscheint.
Am Ende befindet sich ein Sachregister, ein Personenregister, eine Konkordanz zur französischen Ausgabe und eine ungewöhnliche Bibliographie mit kurzem Hinweis, unter welchem Aspekt das entsprechende Werk benutzt wurde. Die Fußnoten befinden sich auf der jeweiligen Seite. Zuletzt sei auf die hervorragende Übersetzung von Joseph Vogl [heute Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte und Theorie Künstlicher Welten an der Bauhaus-Uni Weimar] hingewiesen, der dafür 1988 den deutsch-französischen Übersetzerpreis bekam.
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