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Differenz-Feminismus vs Gleichheits-Feminismus


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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 26.05.2009 22:29:14 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.05.2009 19:19:38 GMT+02:00
kpoac meint:
Herr Christian Sturm schrieb eine bedeutsame Zusammenfassung einer Theorie von Peter Mersch:

Zum Differenzfeminismus: Der Feminismus gliedert sich grob in Gleichheits- und Differenzfeminismus. Alice Schwarzer und Simone de Beauvoir (und überhaupt die Mehrheit der Feministinnen) gehören dem Gleichheitsfeminismus an. Hieraus entspringt auch der Gender-Begriff: Man wird nicht als Frau geboren... Gender ist also ein Geschlecht, was sozial konstruiert ist. Ziel des Gleichheitsfeminismus ist im Grunde die Angleichung der Lebensentwürfe (statistisch betrachtet, nicht notwendigerweise individuell) beider Geschlechter. In "Die Antwort" wird das sehr deutlich gemacht. Darin redet Alice Schwarzer vom neuen Menschen, den sie gerne sähe, und bei dem die Geschlechterunterschiede geringer sein sollten, als die individuellen Unterschiede. Simone de Beauvoir schwebte sogar eine Zwangsangleichung vor: "No woman should be authorized to stay at home to raise her children. Society should be totally different. Women should not have that choice, precisely because if there is such a choice, too many women will make that one." So hat sie es tatsächlich mal gesagt, und das ist schockierend.

Die unterschiedlichen Positionen haben natürlich auch gesellschaftspolitische Auswirkungen. Sagt man etwa: Frauen und Männer sollten im Schach oder Tennis das Gleiche verdienen, auch wenn sie in separaten Frauen- und Männerwettbewerben antreten, dann ist man Differenzfeminist. Bejubelt man bei der Olympiade Jelena Issinbajewa für ihre übersprungenen 5,05 im Stabhochsprung (= Weltrekord), dann ist man Differenzfeminist. Fordert man dagegen Quotenregelungen für Top-Manager oder Professoren, dann ist man Gleichheitsfeminist.

In unserer Gesellschaft hat sich der Gleichheitsfeminismus mehr oder weniger durchgesetzt, weil er im Interesse der Wirtschaft ist. Bezüglich den Lebensentwürfen ist sein grundsätzliches Konzept: Frauen und Männer gehen beide einer Erwerbsarbeit nach (und versuchen dort ggf. Karriere zu machen). Wenn sie Kinder haben, teilen sie sich die Familienarbeit.

Dies hat u. a. dazu geführt, dass die Zahl der Erwerbspersonen relativ gesehen seit 1970 um ca. 7,5 Millionen zugenommen hat. Da die Zahl der Arbeitsplätze seit 1970 zwar auch gestiegen ist, aber leider nicht so schnell, ist es gleichzeitig zu einer immer stärkeren Arbeitslosigkeit gekommen, die zwar auch mit der Konjunktur variiert, aber im Grunde davon unabhängig ist (es gibt eine kontinuierliche Zunahme). Für die Unternehmen ist das positiv, da sie nun auf ein Heer an Erwerbspersonen zugreifen können. Die Folgen sind: Arbeitslosigkeit, Lohndumping, Frühverrentungen, prekäre Arbeitsverhältnisse, HartzIV. Auch können Unternehmen nun sowohl auf qualifizierte Frauen und Männer zugreifen. Früher mussten sie im Wesentlichen mit qualifizierten und weniger qualifizierten Männern vorlieb nehmen.

Durch die niedrigen Geburtenraten kam es gleichzeitig zu einer Absenkung des Binnenbedarfs: Weniger Kinder bedeuten weniger Wohnraum, Nahrung, Lehrer, Kinderärzte, Barbies etc. Durch die wenigen Kinder gingen also Arbeitsplätze (für Kinderbedarf) verloren, während gleichzeitig die höhere weibliche Erwerbsbeteiligung immer mehr Erwerbspersonen produzierte: Eine weitere Steigerung der Arbeitslosigkeit war die Folge.

Ferner kam es zu Verarmungstendenzen, speziell bei Familien. Im Patriarchat galt die Regel, dass Familien ihre Kinder im Wesentlichen selbst zu ernähren hatten (hängt mit dem Ernährermodell zusammen = Wirtschaftsfunktion der Familie). Das war solange relativ fair, solange Frauen praktisch automatisch Hausfrau und Mutter wurden. Unter der Gleichberechtigung funktioniert das Modell aber nicht mehr, weil nun mit der Kinderzahl einerseits die Familienkosten steigen (mehr Kinder kosten mehr Geld), während gleichzeitig die Familieneinnahmen sinken (Ab einer bestimmten Kinderzahl - manchmal schon beim ersten - ist der Beruf nicht mehr mit der Familienarbeit vereinbar, weswegen mindestens eine Person die Arbeitszeiten reduzieren oder die Arbeit temporär aufgeben muss. Man lebt dann von einem Gehalt, hat aber aufgrund der Kinder höhere Kosten). Das hat dazu geführt, dass Mehrkindfamilien (3 oder mehr Kinder) sehr leicht verarmen oder nur noch in Armut entstehen, weil dort ja der Staat ernährt. Gemäß Soziologie (Bertram et al.) ist der Geburtenrückgang in Deutschland in erster Linie auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie zurückzuführen und weniger auf den Anstieg der Kinderlosigkeit. Das ist verständlich, weil die Mehrkindfamilie heute ganz häufig arm ist. Und wer will schon arm sein.

Hinzu kommt, dass die meisten familienpolitischen Maßnahmen die Mehrkindfamilie nicht adressieren: Mütter von Mehrkindfamilien benötigen keine Krippen, da sie ja selbst die Krippe sind. Beim Elterngeld werden sie ebenfalls schlechter behandelt, da sie über kein eigenes Einkommen verfügen. Ursula von der Leyen kümmert sich ausschließlich um die berufstätige Kleinfamilie und ignoriert die Mehrkindfamilie. Das liegt u. a. auch daran, dass die Hausfrau und Mutter ja ein unerwünschtes Lebensmodell ist. Man möchte sie loswerten, wie schon Simone de Beauvoir deutlich machte.

So, und damit komme ich noch einmal zum Differenzfeminismus. Simone de Beauvoir hat im "Das andere Geschlecht" die Vorteilhaftigkeit der sexuellen Fortpflanzung bestritten. Sie behauptet, dass die Parthenogenese (Jungfernzeugung) nicht schlechter sei und sich viele Frauen eine Fortpflanzung ohne Beteiligung von Männern wünschten. Die Biologie hat weiterhin keine offizielle schlüssige Erklärung für die Vorteilhaftigkeit der getrenntgeschlechtlichen Fortpflanzung. Darauf weist auch Precht in "Liebe" hin.

Dies wäre verwunderlich, da sich die getrenntgeschlechtliche Fortpflanzung bei allen höheren Lebewesen durchgesetzt hat.

Die wahren Vorteile hat nun meines Erachtens erst Mersch in "Evolution, Zivilisation und Verschwendung" aufgedeckt. Ein fiktives Beispiel habe ich bereits gepostet. Ein anderes praktisches Beispiel dürfte unsere Musikalität sein, die sich wohl über die männliche Seite (wie bei den Singvögeln) ausgebreitet hat. Wenn man sieht, wie Frauen noch heute auf Pop-Stars reagieren (Bill ich will ein Kind von dir), dann liegt das wohl auf der Hand. Musikalität lässt sich aber genauso wenig wie der Vogelgesang über die natürliche Selektion erklären, sondern nur über die sexuelle Selektion (= Gefallen-wollen-Kommunikation gemäß Mersch).

Mersch behauptet nun, dass wenn man die Lebensentwürfe im Mittel angliche, die sexuelle Selektion langfristig zum Erliegen käme. Die Menschheit könnte sich dann nur noch über die natürliche Selektion (über den Kampf ums Dasein sozusagen) an die Umwelt anpassen. Diese wäre aber nicht leistungsfähig genug. Die entscheidende Funktion des männlichen Geschlechts wäre damit auch obsolet. Man bräuchte dann eigentlich keine Männer mehr, sie wären sogar im Wege. Denn die beiden Geschlechter haben für ihn - grob gesprochen (aber gut begründet) - die folgenden unterschiedlichen Aufgaben: weiblich = Fortpflanzung, männlich = Evolution. Bei einigen Tierarten ist diese Aufgabe ganz rigoros. Bei den sozialen Insekten haben die Männchen sogar nur noch diese eine Aufgabe überhaupt: für Evolution zu sorgen. Ansonsten sind sie faule Drohnen.

Mersch behauptet, dass die langfristigen Folgen des Gleichheitsheitsfeminismus verheerend sein werden. Zu nennen sind u.a.:
- Orientierungslosigkeit des männlichen Geschlechts
- gesellschaftliche Verarmung (hat längst begonnen)
- gesellschaftliche Verdummung (der durchschnittliche IQ der Deutschen fiel von 107 in 1981 auf jetzt ca. 98, passiert also längst, auch in den meisten anderen Industrienationen)
- zunehmender Egoismus und Kampf ums Dasein (ist längst feststellbar)

Mersch ist - wenn man das so sagen kann - Differenzfeminist. Er fordert, dass auch Familienarbeit mit eigenen Kindern unter bestimmten Voraussetzungen anerkannt werden kann. Er schlägt dazu den Beruf der FamilienmanagerIn vor. Das sind eine Art Erzieherinnen (mit Ausbildung und Arbeitsvertrag), die aber insbesondere auch für das Aufziehen ihrer eigenen Kinder bezahlt werden. Finanziert werden könnte das Ganze durch Unterhaltszahlungen von kinderlosen Arbeitnehmern oder eventuell Rentern (spätestens hier ist meist Schluss mit der gesellschaftlichen Solidarität und alle Ohren gehen zu).

Das Interessante ist, dass es in der Natur ja auch andere soziale Gemeinschaften gibt, in denen soziale Aufgaben von Weibchen wahrgenommen werden, z. B. die sozialen Insekten und die Terminten. In allen diesen Fällen ist so etwas wie das Familienmanager-Modell von Mersch herausgekommen (dort heißen die Damen dann allerdings Königinnen). Richard Dawkins behauptet, dieses Modell habe sich mindestens sieben Mal gänzlich unabhängig in der Natur herausgebildet. Es muss also wirkliche Vorteile besitzen. Mersch schlägt nun vor, es ein 8. Mal einzuführen, und zwar beim Menschen, allerdings in modifizierter Form. Er ist keineswegs dafür, dass nur noch Familienmanagerinnen Kinder bekommen, jedoch sollten sich die anderen nach Möglichkeit auf 0,1 oder 2 Kinder beschränken. Ersetzen wäre die Zukunftsdevise, nicht mehr vermehren, da ja die Erde längst voll ist.

Ich habe ein paar Mal mit Mersch per email kommuniziert. Er ist der Auffassung, dass wenn wir das mit dem Gender(Gleichheits)feminismus so weiter durchziehen, unsere Gesellschaft keine Überlebenschance besitzen wird. Ab 2030 dürfte dann der Sozialstaat zusammenbrechen. Das behaupten aber auch einige Wirtschaftsexperten: Wenn die Babyboomer in Rente gehen, gehen beim Sozialstaat die Lichter aus.

So, dies war nun eine Kurzdarstellung der Mersch'schen Theorie zur Sexualität.

C.
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