Neue Zürcher Zeitung
Das Gespenst der neuen Stadt
R. Ka. Manch alte Weisheit taugt heute nur noch bedingt. Dass Stadtluft frei mache, hört man zwar immer wieder gern. Aber in Zeiten, in denen die öffentliche Sphäre mehr und mehr zur blossen Konsum- und Erlebniswelt degradiert wird, ist diese Aussage fragwürdig und die Stadt zur Beute vorrangig immobilienwirtschaftlicher Überlegungen geworden. Zumindest nach Meinung von Klaus Ronneberger, Stephan Lanz und Walther Jahn. Die drei Autoren, soziologisch geschulte Stadtplaner, umreissen in ihrem locker geschriebenen Buch ein Szenario, das den Leser bedenklich stimmen muss. Ihre Diagnose besagt, dass sich die politische Aufmerksamkeit mehr und mehr auf den Lebensstil der finanzstarken Mittelschicht fokussiert, deren Ansprüche an den städtischen Raum befriedigt werden sollen. Seit gut zehn Jahren würden allenorts geeignete Stadtteile zu einem konsumierbaren Produkt umgeformt, indem ein spezifisches kulturelles Ambiente mit entsprechenden Angeboten erstellt wird. «Die städtische Politik setzte nun vermehrt auf internationale Projektentwickler und machte sich dabei deren Rationalität zu eigen. Je grösser das Vorhaben, je höher die Investitionssumme, desto deutlicher schien die Übereinstimmung zwischen der Zukunft der Stadt und den Interessen der Investoren zu sein», und dies nicht unbedingt zum Nutzen ihrer Bewohner, lasse doch die schöne Welt der Shopping Malls und Freizeitparks keinen Platz für Randgruppen. Die neuen Stadtbürger wollen unter sich bleiben. Marmor, Natursteintapeten, Chrom und Glas, garniert mit Wasserspielen und exotischen Pflanzen, fungieren als gleichsam normierte Zeichenträger für eine gewünschte Atmosphäre, die (nur) dem «Bessergestellten» eine symbolische Identifikation gewährt. Man muss nicht der gleichen Meinung sein, um diese Zustandsbeschreibung würdigen zu können als das, was sie trotz mancher plakativer Überzeichnung tatsächlich ist: eine ebenso kritische wie engagiert für eine ausgleichende Politik Stellung ergreifende Interpretation unserer schnell sich verändernden Städte und der Strategien, Auslöser, Motive und Akteure, die sich dahinter verbergen.
Perlentaucher.de
"Ein zentrales Handbuch für den Widerstreit", lobt Jochen Becker den Band. Die Autoren, die an der "Innenstadtaktion gegen Privatisierung , Ausgrenzung und Sicherheitswahn" mitarbeiten, zeichnen nach Becker ein verheerendes Bild der neoliberalen Stadtentwicklung: Von der "Integrationsmaschine" Stadt zur "lebensberuhigten Zone" , in der private Sicherheitsdienste unnachgiebig für ungestörten Konsum sorgen. Die Autoren, schreibt Becker, durchleuchten dabei in einzelnen Kapiteln die Schattenseiten der "marktförmigen Regulation städtischer Politik". So schaffe die bauliche Umgestaltung der Innenstädte (Errichtung neuer Einkaufszentren) immer größere, privatwirtschaftlich kontrollierte Stadtzonen, die nur den Konsumenten in ihrem Bereich duldeten. Selbst die Politik unterwerfe sich zunehmend Marktmechanismen. So weiche die "sozialräumliche Gerechtigkeit", immerhin Grundlage des Länderfinanzausgleichs, zunehmend einer "Konkurrenz der Regionen". Vorbild der neuen Stadtpolitik in Deutschland sei New York mit seiner "zero tolerance"-Politik. Becker lobt den "angenehm nichtwissenschaftlichen Ton" des Handbuchs und die "poppigen Kapitelüberschriften".
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