Wolfgang Herrndorf, promovierter Historiker, eine Entdeckung, ein Riesentalent, , Verfasser der als "Pop Roman" gerühmten "Plüschgewitter". Für die Titelgeschichte seines neuen Buches "Diesseits des Van-Allen-Gürtels" hat er den Publikumspreises in Klagenfurt erhalten.
Da der Titel so etwas Kryptisches hat, sollte man da eine Erklärung vorwegschicken. Zwischen Himmel und Erde in 6 000 Kilometer Höhe liegt der Van-Allen-Strahlungsgürtel, benannt nach James van Allen. Es ist ein Torus energiereicher geladener Teilchen, die durch das magnetische Feld der Erde eingefangen werden. Von Gegnern der Apollo Missionen wurde immer wieder vorgetragen, dass die Durchquerung des Van-Allen-Gürtels ohne das Vorhandensein einer mindestens zwei Meter dicken Bleiummantellung nicht möglich sei. Es hat jedoch nicht zu dem Kollaps der bemannten Raumfahrt geführt, tatsächlich fliegt man hindurch und erhält eine Röntgendosis die unter dem Jahresmaximum liegt.
Dieser Strahlungsgürtel ist aber auch verantwortlich für das Nordlicht, dem Inbegriff von Naturschönheit. Und diese Kombination von ständig Lebensbedrohlichem und ästhetisch Schönem ist eine Metapher, die sich in vielen Geschichten ausdrückt. Der Blick der Protagonisten ist oft ein kalter, unmenschlicher, völlig neutraler Blick auf die Gesellschaft, auf Beziehungen zwischen den Menschen. Dabei verlieren sich die Figuren wie in einer Galaxie. Trotzdem bildet sich hinter dem Rücken des Helden, so etwas wie Schönheit in der Sprache und in der Erzählung,
Die Titelgeschichte zwischen einem depressiven, zwischenmenschlicher Bindungen unfähigen Mann und einem pubertierenden Jungen, erzählt dessen Traum vom Kosmonautenleben. Es ist ein Gespräch zwischen Ungleichen. Sie sitzen auf dem Balkon, bezichtigen sich gegenseitig der Spionage. Nachdem sie eine Flasche Martini und eine halbe Flache Sherry getrunken haben, tut der Kleine wie ein Erwachsener und der muffige Mittvierziger nimmt den Kleinen dann als Großen. Es ist im Grunde genommen eine tief traurige Geschichte, weil ein Mann voller Sadismus einem kleinen Jungen die Illusionen zerstört, die ihm so zu sagen schon durchs Leben zerstört sind.
Die meisten Erzählungen sind politisch unkorrekt und die Figuren reden wenig exakt. Es kommen sehr viele Figuren des öffentlichen Lebens in den Erzählungen vor, und man kann nur hoffen, dass der Autor keinen Ärger damit bekommt.
Durch dieses Forcierte und etwas an dem Medienzirkus entlang geschriebene, so an der Oberfläche der Gegenwart platzierte, wird hier mit kunstvoll verknappten Dialogen eine Romantik heraufbeschworen, die bedauerlicherweise sehr schnell nach dem Lesen in Vergessenheit gerät. Leider ist der Autor manchmal zu forsch, obwohl er ein riesiges Talent hat, die Komik des Alltags phantastisch zu beschreiben.
Das Buch wimmelt von realen Namen von Elke Heidenreich, Frank Schirrmacher, Joachim Lottmann usw. Insofern ist dieser Medienzirkus, wie oben bereist erwähnt, ein gewagtes Spiel. Diese Realitätspartikel schiebt Wolfgang Herrndorf gekonnt wie Würfel hin und her, spielt voller Spannung mit ihnen und doch sind die Physiognomien dieser Figuren, die man in Realität kennt, großartig gefasst. Die erzähltechnische Raffinesse verwandelt sie trotzdem irgendwie zu ikonischen Kunstfiguren.
Viele Geschichten sind miteinander verzahnt. Man empfindet es wie einen Staffellauf, wo die eine Figur der nächsten den Stab beglaubigt übergibt und damit die Authentizität der einen Geschichte auf die nächste überträgt. Das ist fraglos ein trickreiches Kompositionsmerkmal des Autors. Es ist aber auch ein Ton, eine Sichtweise, ein unverwechselbares Temperament das durch alle Geschichten hindurch geht. Man findet immer wieder die im Umland angesiedelte Bedrohungssituation, die sehr genau, sehr präzise mit einem coolen, unbeteiligtem Blick von außen darauf schauend, beschrieben wird.
Ein Buch von hohem Unterhaltungswert, rasant geschrieben, stark atmosphärisch auf den unterschiedlichsten Reflexionsebenen arbeitend.