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Dieses Tier, das es nicht gibt: Ein Bestiarium
 
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Dieses Tier, das es nicht gibt: Ein Bestiarium [Broschiert]

SAID

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Liebeserklärung an den Baran

Ein Streifzug durch die Tierwelt mit dem Lyriker Said

Der persisch-deutsche Lyriker Said hat vor Jahresfrist an dieser Stelle in einem kurzen Prosastück die «bekenntnisse eines chamäleons» abgelegt; schlüpfte der zwischen zwei Sprachen lebende Dichter damals selbst in die wechselfarbige Echsenhaut, so präsentiert er den Lesern nun mit seinem neuesten Buch ein handliches «Bestiarium», das mehr oder minder bekannte Vertreter der Tierwelt in gleichzeitig surrealen und prägnanten Vignetten fixiert.

Den Baran, so lernen wir etwa, verurteilt seine stets männliche Natur zu so lautem Schnarchen, dass er keine Lebensgefährtin findet. Fast wäre die Leserin dennoch versucht, um die Pfote oder Tatze dieses Wesens anzuhalten – macht es doch in seinem Tagewerk die nächtlichen Verfehlungen mehr denn gut, indem es den Lärm der Städte listig behändigt, im Bauchbeutel verschwinden lässt und ihn abends, in einsamer Vorstadtwohnung vor dem Fernseher sitzend, zusammen mit einigen Schlucken Malzbier vertilgt. – Solch innovative Ergänzungen zu «Brehms Tierleben» – es wären unter anderem noch der Animalule, die Mukarina oder der (nicht mit seinem arktischen Artgenossen zu verwechselnde) Schneebär zu erwähnen – sind zwar unter den 73 Tierporträts die Ausnahme; aber auch vertrautere Geschöpfe werden unter überraschend neuen Gesichtspunkten dargestellt. Die Lemminge, heisst es, «fürchten nur die Globalisierung der Sterbehilfegesetze»: liebenswürdiger kann sich nachtschwarzer Humor nicht präsentieren. Wenn man den Tukan, seinen Proportionen entsprechend, als hälftig in Schnabel und «Antikörper» aufgeteilt betrachtet, drängt sich der logische Schluss auf, dass der glückliche Vogel damit gleich auch gegen Krebs gefeit sei; und die feinsinnig als professionelle Erbschleicherin porträtierte Katze teilt vor dem eigenen Ableben noch einen giftigen Krallenhieb aus: «die katze lässt sich nicht tolerieren – im gegensatz zu anderen minderheiten – und stirbt oft an achselnässe.»

Derlei skurril-hintersinnige Einsichten hat der Dichter über elf Jahre hin zusammengetragen. Die jeweils in der Überschrift evozierte Tierkontur fängt er im Netz sozialer Verbindlichkeiten ein – politische und religiöse Neigungen wie auch Paar- und Gemeinschaftsleben kommen regelmässig zur Sprache –, verleiht ihr mit einigen sprachlichen Glanzlichtern Farbe und entlässt sie gleich wieder ins Reich der reinen Phantasie, wo Katzengold ein Zahlungsmittel und ein silbernes Paillettenkleid heimlicher Winternachtstraum des Karpfens ist. Aus Assoziationen oder Alliterationen werden Betrachtungen gesponnen, Wortbedeutungen listig gekippt, wenn etwa die Wanze, «ein sehr armes tier», vom unlauteren Verdacht informeller geheimdienstlicher Tätigkeit reingewaschen werden muss.

Ein Spiel, zu klug und poetisch angelegt, um nur als Leichtgewicht zu gelten; verquer, witzig und auch erdnah genug andererseits, um den Leser nicht mit prätentiöser Bedeutungsschwere zu behelligen. Wir wissen zwar nicht, wie es dem Autor im berühmten Vorläuferwerk, Franz Bleis «Grossem Bestiarium der modernen Literatur», ergangen wäre: diesem Säurebad, dem kaum einer der in mehr oder minder tierischer Gestalt herzitierten Literaten ohne grössere Verätzungen entkommt. Im bescheideneren Rahmen einer Buchbesprechung aber sei Saids zoologischer Exkurs allen Liebhaberinnen und Liebhabern nicht ganz senkrechter Literatur von Herzen ans Herz gelegt.

Angela Schader

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Die Zeit, 11.11.1999
In einer Kurzbesprechung weist Stefan Weidner auf diese "kleine tierische Sternstunde der Literatur" hin. Zu Unrecht seien die Bücher des in Deutschland lebenden Iraners Said als Exilantenliteratur abgestempelt. Denn hier beschäftige sich Said humorvoll gerade mit deutschen Obsessionen, Tieren eben. Bei ihm erfährt man etwa, dass der Regenwurm "durchsichtig wird, wenn er hungert". Weidner bedauert allerdings, dass Said beim ebenfalls beschriebenen "Goldenen Kalb" ("es besitzt mehrere partner-agenturen") nicht die E-Mail-Adresse mitteilt.

© Perlentaucher Medien GmbH

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