Kehlmanns erster Arbeitsschritt: Zu behaupten, beim Schreiben gebe es keine Professionalität. Sein zweiter: Sich einen Fragesteller zu erfinden, der ihm auf die Schliche kommt und seine eingangs proklamierte Behauptung widerlegt. Denn zweifelsohne ist Kehlmann ein Profi, er hat einen Plan: es gehe ihm um das "Brechen mit Wirklichkeit". In "Beerholms Vorstellung" werden Grenzen zwischen Traum und Realität verwischt, "Der fernste Ort" erzählt aus der Sicht eines Toten und "Ich und Kaminski" enthält Picasso- und Matisse-Zitate über Kaminskis Werk, über das Werk einer fiktiven Figur. Doch die Professionalität in der Literatur zeichne sich nicht nur durch den Inhalt ab, durch "ein Element existentieller Wahrheit", sondern auch formal: Während der Profi die Handlung mit Beschreibungen von Gesten begleite, seien schwächere Autoren auf Weingläser, an denen gelegentlich genippt, und auf Zigaretten, an denen gezogen wird, angewiesen.
Der zweite Teil des Textes beschäftigt sich mit dem Roman "Die Vermessung der Welt". Dabei wiederholt Kehlmann das bereits in dem Essay "Wo ist Carlos Montúfar?" bearbeitete Verhältnis von Realität und Erfindung.
Wer mit "Diese sehr ersten Scherze" einen literaturwissenschaftlichen Sachtext erwartet, der wird enttäuscht werden. Stattdessen beweist Kehlmann erneut seinen ausgeprägten Sinn für Literatur und setzt die lebendige Erzählweise der in dem Band "Wo ist Carlos Montúfar?" versammelten Rezensionen und Essays stilecht fort. Das an den sokratischen Dialog angelehnte fiktive Verhältnis von Frager und Befragtem führt sich selbst ad absurdum und endet in origineller Komik - und genau so lieben wir unseren Kehlmann.