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Sigrid Damms «Einsamkeit ohne Überfluss»
Glücksmomente: der Duft des Geissblatts in den sonnigen Gärten von Algier, die Stille des Meeres unter dem strahlenden Himmel der Ägäis, die flirrende Mittagshitze über den Dächern der Provence. Diese Augenblicke vollkommenen Lichts entschädigten den französischen Schriftsteller Albert Camus für die Qual des Schreibens und die Angst vor der Unausweichlichkeit des Alters. Auch in dem gerade erschienenen Buch von Sigrid Damm wechseln Licht und Schatten, flackern Feuer und Flamme. Wie ihr existentialistischer Kollege in den 50er Jahren seine mediterranen Impressionen in einem Tagebuch festhielt, notiert die Autorin aus Berlin 40 Jahre später die Erfahrungen einer Schottlandreise. Ein Camus-Zitat stellt sie ihrem Text voran, als wolle sie eine Wahlverwandtschaft dokumentieren: «Entweder diese Einsamkeit ohne Überfluss oder das Gewitter der Liebe, nichts anderes interessiert mich auf der Welt.»
Nachdem Sigrid Damms erste beide Romane aus den Jahren 1985 und 1987 das unerfüllte Leben des Aufklärers Jakob Michael Reinhold Lenz und der Goethe-Schwester Cornelia in einem historisch-belletristischen Mischverfahren zu rekonstruieren versucht hatten, kehrte die promovierte Literaturwissenschafterin 1992 von der Reise aus dem 18. Jahrhundert zurück. Ihr drittes Buch spielt in der gerade erst vergangenen Gegenwart: «Ich bin nicht Ottilie» ist ein Werk mit autobiographischen Zügen. Es schildert die Befreiung der Germanistin Sara aus den Verflechtungen eines langjährigen Doppellebens. Ein privater Neubeginn, der einhergeht mit dem politischen Umbruch in der vergehenden DDR.
«Diese Einsamkeit ohne Überfluss» heisst in Anlehnung an Camus nun Sigrid Damms jüngster, ebenfalls autobiographisch geprägter Band. Er versetzt den Leser in den schottischen Frühling des Jahres 1993. Die Ich-Erzählerin, als Writer in Residence nach Glasgow und Edinburg unterwegs, zeichnet ihre Beobachtungen von Land und Leuten auf und lässt sich von Wind und Wetter aus dem gewohnten Trott bringen. Mit dem wachen Blick der Alleinreisenden kehrt sie in fremde Häuser ein, wandert über Hochmoore und durch Nebelschwaden, bringt Goethes «Leiden des jungen Werther» den schottischen Studenten nah. Nur ein paar Flugstunden von zu Hause entfernt macht sie die Bekanntschaft mit dem Freiheitsgefühl, «Deutschland, dieses unfreudige Land, für eine Zeit, für fast ein Vierteljahr von mir abzutrennen».
Das Fest der Sinne und der Besinnung durch Wolkenspiele, Wetterwechsel oder den brennenden Scheiterhaufen der Walpurgisnacht untermalt löst seelische und körperliche Verkrampfungen. Es ist, «als ob das Krüppelhafte in Bewegung geriete». Die anfänglich missglückten Schreibversuche der Erzählerin weichen Stunden fruchtbarer Arbeit, in denen die Sätze von der Hand aufs Papier fliessen. «Worte in verschwenderischer Fülle lagern im Zimmer.» Der Rausch der Farben entlädt sich auf mehr als zweihundert Seiten in einer Flut von Adjektiven. «Flaschengrün», «fiebergrün», «armeegrün», «zart zartgrün» schimmern die Highlands. «Tintenschwarz», «zinngrau», «pfifferlingsfarben», «wüstensandgelb» und schier unerschöpflich strahlt der Himmel je nach Laune der Natur. Ein gewaltiges Wetterleuchten, ein Wust von fleissigen, doch um Originalität zu sehr bemühten Stilübungen.
Auch neigt die Autorin dazu, im Ansturm der Gefühle gewagte Bilder zu benutzen. Pathetische Schwere und ein Hauch von Kitsch ziehen dann in ihre Konstruktionen ein, als müsse die dichterische Feinfühligkeit dem Leser gewaltsam eingetrichtert werden. So kommt es zu folgenden Entgleisungen: «Der Instinkt des Lebens schlägt um sich.» Oder: «Mühelos ziehen wir gemeinsam einen langen Faden Gespräch aus der Dämmerung.» Weder in den meteorologisch-beseelten Momentaufnahmen noch in den botanisierenden Streifzügen oder bildungsbürgerlichen Geographie- und Geschichtsexkursen liegt die Stärke von Sigrid Damms Schottland-Tagebuch.
In jenen Passagen jedoch, die Erinnerungen an die Kindheit einfangen oder Geschichten von verflossener Liebe erzählen, entfaltet sie ein hohes Mass an Virtuosität. Auf den Spuren der verlorenen Zeit wandert die Autorin mit untrüglicher Sicherheit. Einfühlsam, präzise in der Beschreibung und mit einem feinen Gespür für die Details stellt sie Szenen der Vergangenheit nach. Da löst das Dösen vor einem Edinburger Kamin einen wunderbaren Tagtraum aus, der fast ein halbes Jahrhundert zurückführt. Zurück nach Thüringen, zurück zum ersten Feuer der Kindheit im Herd der alten Nachbarn, zurück auf das Küchensofa mit den geplatzten Sprungfedern. Der Leser hört das Prasseln der Scheite, sieht das Zucken der «Flammenmützen» an der Wand und taucht mit ein in diese Schutzzone der Behutsamkeit.
Wie das Thema in einer Sinfonie, wie das Licht in den Werken von Camus taucht bei Sigrid Damm das Feuer als Leitmotiv in allen Variationen und symbolisch hoch besetzt auf. Bedrohlich, verzehrend, wärmend, langsam verglühend, auflodernd. Und weil in Schottland selbst im Mai noch die Kamine brennen, gibt es Anlässe genug für das freie Spiel der Assoziationen. Immer wieder drängt sich die bedrückende Erinnerung an den «Mann von der Nehrung» auf an den verlorenen Geliebten, den verbohrten Schriftsteller, dessen «Schreibstimmung wie ein Gespenst im Haus hockte». In selbstzerstörerischen Aktionen verbrannte er seine Manuskripte, zündete ein Feuer der Verzweiflung an, verzehrte sich selbst und die anderen im Ringen um das Wort.
Durch die Sorglosigkeit und Abgeschiedenheit auf den Britischen Inseln gewinnt die Erzählerin ihre psychische Balance zurück. Die Auslandreise hat sie in die Kulissen des Inneren geführt. Permanente Gedächtnisarbeit sowie die bewusste Wahrnehmung der beschädigten Seele vertreiben die Schatten der Vergangenheit. Und auch weil es die Zuneigung des Leipziger Dichterfreundes gibt, der ein gewitzter und weiser Brief- und Lebenskünstler ist, können Zuversicht und die Lust am Augenblick noch einmal lodern, bevor das Alter kommt. So lässt Sigrid Damm ihr anrührendes Buch der Befreiung hoffnungsvoll ausklingen: «Warum braucht ein einziges Leben so viel Zeit, um falsche Anfänge hinter sich zu lassen. Liebe, geliebte, nicht geliebte, verlorene, zu findende. Es gibt sie. Ich werde nichts anderes interessiert mich auf dieser Welt sie finden.»
Christiane Schott -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Inmitten spröder und staunender Landschaftsbeschreibungen flackert dabei erinnertes Leben auf und glimmt in essentiellen Fragen nach.
Da ist zum einen die Problematik von Dichterpaaren: dem Leser offenbart sich die Geschichte einer hörigen Liebe zu einem Autor, die die Protagonistin ihr halbes Leben kostete und in deren Verlauf das existentielle Schreiben beider zum Kampf wurde und letztendlich einer zurückbleiben musste.
Dazu gesellen sich nun noch andere Probleme: ist das eigene Leben die Grundlage für das eigene Schreiben oder bildet das eigene Schreiben die Basis für ein eigenes Leben?
Die Lösungsmöglichkeit, die das Buch scheinbar anbietet, könnte tatsächlich diese eine platonische Dichterfreundschaft sein, die nur schreibend ausgelebt und nur ab und zu von purem Leben in Form von zeitlich begrenzten Begegnungen durchbrochen wird.
Der im Buch oft zitierte „Dichterfreund" gerät dadurch zu einer Person, mit der man bisweilen „hingerissen Leben spielen kann, alle Vorläufigkeiten, Unvollkommenheiten vergessend." Und das ist und bleibt für die Autorin „die möglichste der möglichen Näherungen."
So distanziert und unnahbar der Ton des Buches vor allem bei Beschreibungen von Zwischenmenschlichem - sei es der geliebte „Mann von der Nehrung", die Söhne oder der „Dichterfreund aus Leipzig" - wirkt, so weich und fast anmutig pathetisch (bisweilen leider auch kitschig) wird er bei der Darstellung der schottischen Naturlandschaften.
Tagebuchartig werden hier Wichtig- und Nichtigkeiten eines schreibenden Lebens dargestellt, das diese bestimmte Art der geistigen Einsamkeit, die man nur allein unter Menschen erfahren kann, für sich entdeckt und nutzbar gemacht hat.
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