Dieses wunderbare und anspruchsvolle Buch für Jugendliche ab etwa 13 Jahren ist von Karsten Singelmann kongenial aus dem Englischen übersetzt worden. Dort in England hat es der Gymnasiallehrer und Jugendbuchautor Will Gatti im vergangenen Jahr veröffentlicht. Mehr als jedes andere Sachbuch über das Thema ist dieser Roman geeignet, jungen Lesern einen auch emotionalen Zugang zu verschaffen zu der Lebens- und Erfahrungswelt von Kindern und Jugendlichen in den Slums und Vorstädten dieser Welt.
An keiner Stelle des Buches wird deutlich, in welchem Land und in welcher Stadt genau die Handlung spielt und das ist Absicht, denn es könnten viele sein, zu viele.
Will Gatti erzählt die Geschichte von Demi und Baz, zwei Straßenkindern, die eines Tages von einer Frau namens Fay aufgelesen und bei sich aufgenommen werden. Wie etlichen anderen Kindern auch, bringt sie ihnen das Stehlen bei, verdient an den Kindern nicht schlecht, und bietet ihnen dafür einen Schutz, wie sie es auf der Straße nicht hatten. Dennoch verschwinden immer wieder Kinder, und so manches Mal, das ist jedenfalls der schreckliche Verdacht von Demi und Baz, verkauft Fay auch Kinder.
Demi und Baz sind ein eingespieltes Team, wobei Baz schon lange für Demi andere als nur geschwisterliche Gefühle hat. Als die beiden einer Frau einen kostbaren Ring stehlen können, den Fay natürlich sofort versteckt, träumen alle von einer besseren Zukunft, die ihnen dieser Ring verheißt. Doch was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: der Ring hat der Frau eines der mächtigsten Männer der Stadt gehört, ein Mann, der vor nichts zurückschreckt und über seine Spione über alles informiert ist, was in der Stadt vor sich geht.
Schneller als sie zunächst begreifen, sehen sich Demi und Baz ohne den Schutz von Fay, die sich indifferent verhält, von einer korrupten Polizei und brutalen Schlägertrupps des Slums gleichermaßen bedroht. Es geht um Leben und Tod, das spürt man auf jeder weiteren Seite dieses Buches, das sich rasend schnell zu einer Lektüre entwickelt, die man einfach nicht beenden kann. Man fiebert mit den beiden mit, nimmt erschüttert und tief bewegt Anteil an ihren furchtbaren Erfahrungen, der Gewalt und dem Elend, das sie sehen und zum Teil auch selbst erleben und man fiebert mit insbesondere mit der Hoffnung von Baz, die sich zusammen mit Demi in ein anderes Leben außerhalb des Slums träumt.
Will Gatti ist es sprachlich hervorragend gelungen, den Leser schon bald nach den ersten Seiten in eine Welt des Elends und der Gewalt, aber auch des bewundernswerten Kampfes von Menschen um ihr Leben und ihre Würde mit hineinzunehmen, dass man glaubt, man könne den Lärm hören und den Gestank riechen, der diese Welt Tag und Nacht umgibt.
Der Roman konfrontiert junge Leser mit einer fremden Wirklichkeit, lässt sie über die Identifikation mit den Hauptpersonen emotional an sie herankommen, und trägt mehr zu entwicklungspolitischen Bildung des Lesers bei als jedes Sachbuch. Die zarte Beziehung zwischen Demi und Baz, vor allem die unendliche Geduld von Baz mit ihrem geliebten Freund, der lange nicht spürt, was das Mädchen für ihn empfindet und welche Träume sie von einem Leben mit ihm in Freiheit hat, machen das dicke Buch auch zu einer schönen und zarten Liebesgeschichte mitten in einer Welt, wo die Liebe schon lange gestorben zu sein scheint.
Ein Roman, der reif ist für den deutschen Jugendbuchpreis.