22.Dezember 1989: die Ära des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu ist vorbei. Erst nach und nach kommen die schrecklichen Bilder von Kinderheimen ans Tageslicht, in denen vor allem kranke und behinderte Kinder unter menschenunwürdigsten Bedingungen untergebracht waren.
28.Oktober 1991: Pater Georg Sporschill begibt sich mit drei Kollegen auf die Reise nach Rumänien, ein Land, das schon bald seine zweite Heimat werden wird.
Empfangen wird Sporschill am Bahnhof von zahlreichen Kindern, die aus den Kanälen steigen, die Drogenlack schnüffeln, die betteln, die auf den Strich gehen. Sofort beginnt Sporschill mit seiner Aufgabe. Er sammelt Gelder, sucht Unterkünfte für die Kinder und versucht, ihnen eine Familie zu geben. Bis heute sind dabei zahlreiche Häuser und Gruppen entstanden, in denen die Kinder leben, aber auch eine Ausbildung als Bäcker, Tischler oder Schlosser absolvieren können. Viele ehemalige Straßenkids unterstützen den Jesuitenpater Georg Sporschill auch heute in seinem Team.
Gemeinsames Beten vor jeder Mahlzeit ist für die Kinder als Zeichen der gegenseitigen Achtung und vor allem der Gemeinschaft wegen äußerst wichtig. In den Gruppen lernen sie, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, denn neuen Kindern fällt es schwer, einen geregelten Tagesablauf mit Aufgaben und Pflichten zu akzeptieren. Und nur durch die stetige Betreuung sowie die Liebe seitens der Betreuer gelingt es ihnen ganz langsam, ein normales Leben zu führen. Nur zaghaft können sie an das Lernen herangeführt werden, denn sie haben meist nie gelernt, sich zu konzentrieren, waren teilweise durch die gefährlichen Drogenlacke ständig benebelt. Wenn sie aber lernen können, kann sie kaum noch jemand in ihrem Bildungswahn bremsen. Die Mitarbeiter von Concordia kümmern sich mit einem so wunderbaren Engagement um die Kinder wie es nicht häufig vorkommt. Sie sind Tag und Nacht für die Kids da, geben Halt und sind den Kindern die Stütze, die sie brauchen. Aktuell leben etwa 800 Kinder bei Concordia. Die Betreuung wird von rund 230 Mitarbeitern übernommen.
Die 'zweite Meile' stammt ursprünglich aus der Bibel, 'Setzt dem Bösen keine Gewalt entgegen, sondern wenn dich jemand zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, so geh mit ihm zwei!' ( Matthäus 5, 39-41), hier war es römischen Soldaten erlaubt, ihr Gepäck von judäischen Bügern eine Meile weit tragen zu lassen. Viele Judäaer sind daraufhin zwei Meilen mit dem Soldaten gegangen und haben somit das Verhältnis von Befehl und Gehorsam umgekehrt.
So ist der Titel 'Die zweite Meile' bei Concordia Programm: »Wer die Not berührt oder von ihr berührt wird, bekommt den Impuls, aktiv zu werden, eine zweite Meile zu gehen. Meine Arbeit macht mir Mut, weil ich täglich erlebe, was ein Einzelner, eine Gemeinschaft verändern kann.«
Besonders schön bei Concordia ist die Tatsache, dass die Kinder, die schon etwas länger dort sind, Betreuertätigkeiten übernehmen, weil nur sie ganz genau wissen, was Straßenkinder brauchen und oft bringen sie neue Schicksalsgenossen von der Straße in die Obhut von Pater Georg.
Es gibt jedoch auch Tage, an denen selbst Pater Georg mit dem Schicksal hadert. Immer dann, wenn er am Bahnhof entlang schlendert und Kindern begegnet, die ihn durch die Drogen und eingeatmeten Lacke gar nicht mehr erkennen, denn gegen diese Halluzinogene ist auch er leider ziemlich machtlos. Das Hadern hält aber nicht lange an, denn es kommt nicht selten vor, dass er von diesen Ausflügen doch irgendein Kind retten kann, für das er dann seine ganze Kraft braucht, was ihm wieder Hoffnung gibt.
»Im Einsatz für die Straßenkinder sind wir es, die gewinnen. Wir geben Brot und empfangen dafür Sinn und Lebensmut und die Fähigkeit, das eigene Glück zu spüren. Das ist nichts anderes als Dankbarkeit. Dankbare Menschen können genießen und geben.«
Das Buch bietet zahlreiche Abbildungen, die das Gelesene unterstreichen. Ebenso gibt es zahlreiche Beispiele über Schicksale, Kinder, die auch heute noch auf der Straße leben, aber auch Jugendliche, die es durch Concordia geschafft haben, eine Ausbildung zu absolvieren und anschließend eine Arbeit zu finden.
»Ivan erinnerte mich an Mose, als er die Schafe hütete. Gott sah, wie er einem verlorenen Schaf in die Wüste nachging, und dachte sich: Das ist der Hirte für mein Volk. Ivan rettete nicht nur den kleinen Razvan, sondern half mir oft am Bahnhof, beschützte mich, führte mich dorthin, wo Kinder in größter Not waren. Später lebte er mit anderen ehemaligen Straßenkindern in einer unserer Wohngemeinschaften, er arbeitete und holte nebenbei seinen Schulabschluss nach. Ivan hat zuerst gerettet und wurde dann selbst gerettet ' nicht umgekehrt.«
Seit 2004 gibt es den Verein Concordia auch im ärmsten Land Europas; Moldawien. Hier gibt es aber weniger Straßenkinder als Kinder, die von ihren Eltern einfach im Stich gelassen wurden. Die Eltern gehen fort ins Ausland, in der Hoffnung, dort Arbeit und die Aussicht auf ein besseres Leben zu finden.
Dabei sind die Kinder aber nur im Weg und werden zurückgelassen. Concordia hat hier bereits zwei Anlaufstellen für den Nachwuchs geschaffen. Wer jetzt denkt, dass Pater Georg mit diesen Projekten bereits viel Gutes getan hat und sich jetzt 'nur noch' um das Weitermachen kümmern muss, der kennt den unermüdlichen Pater Georg nicht, denn »Solange es Straßenkinder gibt, solange Wohlstandskinder ihr Leben wegwerfen, solange es Einsame, Nackte und Hungrige gibt, kann ich zwar gelegentlich glücklich, aber nicht zufrieden sein.« Als nächstes Ziel hat er sich die Ukraine erwählt, wo die wohl berühmtesten Bürger des Landes, die Klitschko-Brüder, als Schirmherren fungieren.