Lebensverdruss ist ganz gewiss keine Tugend, doch sehr wohl ein literarisches Stilmittel. Wer sich darunter jetzt nichts vorstellen kann, möge sich dieses Buch zu Gemüte führen. In einem vermutlich als gutteils autobiographisch zu begreifenden Entwicklungsroman entführt der aufstrebende Jungautor Jürgen Heimlich den Leser in einen Kosmos nicht enden wollender Schwermut. Konkret handelt es sich um die, in frühen Jahren ansetzende, Erzählung vom Werden eines jungen Mannes, der die Welt - seine Mitwelt - als metaphysisches Grauen erfährt, verdichtet in der Derbheit bedeutsamer Anderer. Denn diese Welt ist grausam, von kleinen Teufeln bevölkert (Die Hölle, das sind die Anderen; - Sartre), und in ihrer alles erschlagenden Sinnwidrigkeit wahrlich gottlos. Ideal gedachtes Menschsein ist darin in der Tendenz verunmöglicht. Wer feiner empfindet, Aristokrat von seelischer Herkunft ist, der ist hierin zu einem trostlosen Dasein verurteilt. Heimlichs Schrift ist nun denn auch ein Text finsterer Schatten, ohne lichte Flut, eine Dialektik aus Adel und Pöbel ohne Hoffnung auf Synthese. Die Sonne ist erloschen, die Erde friert, denn der Mensch wird niemals Gott ähnlich sein. Heimlichs Held ist aus Ahnung um den ihn offerierten Leerlauf, wider jede Einsicht in die Notwendigkeit eigener Bestimmtheit, perspektivlos, panisch auf der Flucht, ständig in sich verkrochen, und bei aller (zurückhaltender) Menschenfreundlichkeit ein angeekelter Virtuose narzisstischer Gekränktheit. Hochbegabt, das sicher, aber in seiner an Genialität grenzenden Neigung verkannt und sohin achtlos dahingeschlachtet auf dem Altar eines nichtsnutzigen Zweckfetisch. Dass er anderes und mehr will, ist aufrührerischer Trotz wider die allgegenwärtige Selbstevidenz hegemonialer Trostlosigkeit. Manisch zelebriert er eine Gegenwelt literarischer Verweigerung, entwirft sich als untergehender Heros der Wortgewalt. Seine exzessiv gelebte Liebe zum Wort ist in der Tat jedoch weniger Ausdruck einer lyrischen Hingabe als einer zornigen Aversion gegen die hässliche Gestalt des Hier und Jetzt. Es ist die Passion einer seelenwunden Opferfigur, die ein übles Schicksal in eine Welt geworfen hat, deren Lebenslogik ihr - und wohl nicht nur ihr - feindselig ist. Und solcherart zum exquisiten Widerspruch reizt. In seinem delikaten Stile erinnert der Sebastian dann auch an die frühe, antithetische Melancholie eines Hermann Hesse. Atmosphärisch ist man an Schopenhauer gemahnt, denn wer kann schon sein unter jenen Überzähligen, die nicht sind, oder bestenfalls zu Lasten einer edleren, doch viel zu visionären, deshalb unmöglichen Idee von wegen Menschsein sind. Ist ihre verkörperte Wesenheit denn viel mehr als blinder Wille zum Nichtsein? Die, obgleich szenischer Erfrorenheiten (es ist Prosa der Vereinsamung, des Erkaltens), erstaunliche Vielschichtigkeit des Textes mag aus diesen fragmentarischen Anmerkungen zu erahnen sein. Leider, nicht so wenige Leser werden das in ihrer Bedürftigkeit nach Licht und Erwärmung freilich ganz anders sehen, scheut der Autor die letzte und gnadenloseste Konsequenz aus seiner Elegie. Und wendet - vielleicht aus gönnerhaftem Zartgefühl mit seinem alter Ego - den schwerblütigen Gesang einer am Weltekel orientierten Daseinsrhythmik ins Gewöhnliche ab, denn märchenhafte Rettung naht. Rettung in Gestalt holder Weiblichkeit, noch störrisch verhandelt, was das gleichaltrige Mädchen betrifft, doch dann ist sie erschienen, sie, die reife, vom Schicksal gezeichnete Frau, mütterlich und hurig, verwandelt zur guten Fee, zu einer den Frosch küssenden Prinzessin, och ja, die Liebe macht alles wieder gut! Gott Eros lindert die Not und zerbricht den Hochsinn einer antihumanistischen Wutprosa. Letztlich erfährt man, dieser Erwachte ist ein mehr oder weniger glücklich Verehelichter und so ist man verärgert ob eines dann doch allzu platten Happy Ends.