Pressestimmen
„Die Stärken von Charlotte Lynes Roman liegen in den poetischen Bildern, die sie durch ihre Sprache heraufbeschwört, und in ihrer Fähigkeit, den Leser in das 16. Jahrhundert zurückzuversetzen" (Schweizer Familie )
Kurzbeschreibung
In den Wirren der Reformation in England kämpft eine starke junge Frau um Glück, Freiheit und die Liebe ihres Lebens!
England im 16. Jahrhundert. Die junge Catherine Parr hat zwei Herzenswünsche: Sie will eines Tages ein Buch schreiben – ein für eine Frau undenkbares Vorhaben! Und sie will Tom Seymour, ihren Freund aus Kindertagen, heiraten. Doch alles kommt ganz anders: Am Hof Heinrichs des VIII. geraten Catherine und ihr Liebster in den Strudel einer stürmischen Zeit. Freie Geister leben gefährlich in dieser Ära dramatischen Wandels, und so muss Catherine mit Klugheit und Geschick darum kämpfen, sich und Tom vor Kerker und Fallbeil zu bewahren ...
Ein großartiger historischer Roman: detailgetreu, farbenprächtig und mitreißend erzählt!
Klappentext
Alex Dengler in der BILD am Sonntag
"Die Stärken von Charlotte Lynes Roman liegen in den poetischen Bildern, die sie durch ihre Sprache heraufbeschwört, und in ihrer Fähigkeit, den Leser in das 16. Jahrhundert zurückzuversetzen"
Schweizer Familie
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Da kommt er! Der Ketzer Cranmer kommt!«
Wie ein massiges Tier, ein Fabelwesen mit zahllosen Köpfen, bäumte die Menge sich auf. Maggie, an der Hand ihrer Patin, hüpfte, so hoch sie konnte. Für ihre sieben Jahre war sie ein großes Mädchen, aber der Männerrücken vor ihr erwies sich als unüberwindliches Hindernis. Das Graubraun seiner Kutte verschwamm in Tränen der Enttäuschung. Seit Stunden stand sie im feinen Regen am Hang des Stadtgrabens, ließ sich begaffen, gar befingern, und wartete. Ein fettes Weib hatte an dem Umschlagtuch aus königsblauem Samt, Maggies prächtigstem Kleidungsstück, gezupft, und ein Kerl hatte ihr ins Haar gelangt. »Oh, eine Herrschaftliche. Und was für hübsches Fell auf dem Köpfchen sprießt.«
Allem Ekel zum Trotz harrte Maggie aus. Nie zuvor hatte sie eine Hinrichtung erlebt und war entschlossen, sich diese durch nichts verleiden zu lassen. War nicht Kate, die sie Tante Kate nannte, obgleich sie einander nicht verwandt waren, eigens dazu mit ihr in die Stadt Oxford gereist? Gestern, in der noch nachtkalten Herrgottsfrühe, hatte sie Maggie aus dem Schlaf gerissen: »Kleide dich an. Wir reisen ein Stück, der Wagen wartet schon.«
»Aber weshalb, was tun wir?«
»Frag nicht, eil dich. Wir fahren zu einer Hinrichtung.«
Hinrichtung, so hatte Guy, der Sohn des Stallmeisters, erklärt, ist, wenn sie einen vom Leben, dessen er nicht wert ist, einem gewaltigen, grausamen Tod zuführen. Da graust es einem Christenmenschen, und im Grausen reinigt es ihn.
Auf den langen Stunden der Fahrt vergrub Tante Kate sich in gewohnter Wortkargheit. Von ihr war keine Auskunft zu erwarten, doch in dem Gasthaus, in dem sie schließlich einkehrten, schwatzten Wirt und Zecher sich die Köpfe heiß: Ein vorzügliches Spektakel sollte es geben, eine geweihte Versammlung vor dem Scheiterhaufen, für den Holz und Reisig längst aufgeschichtet waren. Maggie erträumte sich Bischöfe in leuchtenden Messgewändern, Gardisten der Krone im Prunk roter Schauben, Jongleure mit wirbelnden Keulen, Fiedler und Sänger, Stelzengänger und womöglich einen Bärenführer. Was hätte sie daheim in Chelsea zu berichten! Guy, der sie ständig verhöhnte, weil sie die Namen ihrer Eltern nicht kannte, wäre stumm vor Neid.
Doch statt der Märzsonne, die Maggies Festtag vergolden sollte, fiel seit dem Morgengrauen dünner Regen. Von Bäumen getriebene Blüten klebten zertreten auf Pflastersteinen, in den Nebel duckten sich die Bauten des Balliol College, und die Versammlung wurde in eine Kirche verlegt, zu der Frauen und Kinder keinen Zutritt hatten. Zwischen Leiber in stinkenden Kleidern gezwängt, warteten Maggie und ihre Patin ab, bis man den Ketzer brachte. Tante Kate stand wie üblich still, als könne kein Sturm sie erschüttern, Maggie aber hätte vor Erregung zappeln wollen. Hatte der Unhold wüstes Haar, glühten seine Augen vom Höllenfeuer? War er ein Riese wie die Ringer auf dem Fischmarkt, zerrte er an Ketten und stieß Flüche gegen die Zuschauer aus? »Sie kommen!«, schrie eine Frau. »Das ist der Mann, dem unsere Königin ihr Unglück dankt!«
»Brennen soll der Gotteslästerer!« »Lang lebe Königin Mary!«
Noch einmal versuchte Maggie sich an einem Sprung, doch ohne Erfolg. Zornig stampfte sie mit dem Fuß, dass der Schlamm der Uferwiese der Patin den Mantel bespritzte. Ihren Trauermantel. Tante Kate trug niemals lichtere Farben. Gleich darauf fühlte Maggie sich an den Armen gepackt und in die Höhe gestemmt. »Recht so, kleine Mistress. Einen Satansbraten wie den bekommst du dein Lebtag nicht noch mal zu sehen.«
Der Mann, der hinter ihr gestanden und sie aufgehoben hatte, setzte sie sich auf die Schultern. Ihr Herz polterte dumpf, derweil die Worte des gehässigen Guy ihr an die Schläfen hieben: Warum wohl spricht die Patin nie von deinen Eltern? Weil sie Satansbraten sind, die in der Hölle schmoren. Die Brut von Ketzern bist du. Über der Kappe des Mannes ballte Maggie die Fäuste. Dann sah sie die Prozession.
Die Straße hinunter kamen sie, vorbei an der Reihe umnebelter Gebäude, umsprungen von einem Buntgekleideten, der eine kleine Flöte blies. Vorneweg tanzte ein wenig Volk, trippelten ein paar Kinder, dann folgten die Trommler, die spanischen Mönche, deren Kutten in der Nässe schleiften, dahinter der Pulk des Klerus und schließlich die Wachen mit dem Verurteilten. Maggie entfuhr ein Laut der Überraschung, den das Wutgeheul der Menge schluckte. Sie hatte einen Riesen mit höllischen Augen erwartet, doch die Gestalt, die sich stolpernd schleifen ließ, war ein Greis mit zerzaustem Bart.
»Verbrennt ihn, Rache für More und Fisher!«
»Gott schütze unsere gute Königin!«
Der Greis trug nichts als einen Kittel am Leib und eine Bundhaube um den geschorenen Kopf. Er friert, durchfuhr es Maggie. Aber an Kälte würde er nicht sterben. Entschlossen packte sie ihren Träger bei den Ohren und beugte sich vornüber. Jetzt sah sie den schmächtigen Alten deutlich, jede Furche in dem wohl hundertjährigen Gesicht. Am Arm riss einer der Schergen ihn voran. »Na wird's bald, Eminenz. Da vorn wartet ein wackeres Feuerchen auf Eure Frostbeulen.«
Gelächter. Johlen. Eine Frau reckte die Faust und schleuderte dem Greis eine Verwünschung entgegen. Der Ketzer, in dem doch kein Funken Kraft mehr zu stecken schien, blieb so ruckartig stehen, dass er die Schergen zum Halt zwang.
»Ja, flucht mir, gute Frau«, rief er. »Ich bin ein schändlicher Sünder, denn ich habe mein Wort verleugnet. Aber alles gilt, alles gilt! Meinen Widerruf schrieb ich in Todesangst, und meine Hand soll dafür brennen.«
Die Versammelten heulten vor Empörung auf. Ein rot gekleideter Hüne sprang hinzu und versuchte, dem Greis den Mund zuzuhalten. Dieser aber kämpfte sich einen Herzschlag lang frei. »Wenn es den Antichristen auf Erden gibt, so ist es der Papst mit seiner klobigen Kirche, die uns den Blick in den Himmel versperrt.«
Ehe die Wachen ihn niederrangen, schien es Maggie, als hefte sich sein Blick auf ihr Gesicht. »Gott schaue auf Euch«, hörte sie seine Stimme. Im nächsten Moment hatte Tante Kate sie an den Beinen gepackt und von den Schultern des Mannes gezerrt.
Sie landete unsanft auf einem Fuß und fand sich eingekeilt zwischen Leibern in feuchter Wolle. »Ich sehe nichts mehr«, begehrte sie auf. »Was tun die, ich muss doch sehen, was sie tun!«
»Sie schlagen ihn. Das musst du nicht sehen, wie eine haltlose Horde auf einen alten Mann einschlägt.« Die Patin zog Maggie an sich, begrub des Kindes Gesicht in den Mantelfalten. So standen sie still, und die Welt schien auch stillzustehen, an Maggies Wangen die Wärme nassen Stoffes, die Geborgenheit des Leibes, der darin eingewickelt war. Dann ließ die andere sie los. Maggie blinzelte. Die Menschenmenge hatte sich rings um die Richtstätte verteilt, in die Länge gezogen, so dass sie beide sich zwischen zwei Körpern nach vorn drängen konnten. Alle Köpfe waren starr geradeaus gewandt.
Holz und gebündelter Reisig umgaben den Pfahl, der in den steingrauen Himmel ragte. Geschrei und Gejohle waren verstummt. In die Stille platzten die Flöte des Buntgekleideten und die Frauenstimmen, die neben Maggie tuschelten. »Wenn's weiter so aus Kübeln schüttet, wird's wie bei dem Ridley, den sie letzthin geröstet haben.«
»Ihr sagt es. Bei dem Hundewetter hat es eine Ewigkeit gedauert, bis der Teufel den geholt hat, und wie Vieh verreckt ist der.«
»Wie ein Mann gestorben ist er.« Der hellen Mädchenstimme folgte das Klatschen einer Ohrfeige. Über das Reisig schleiften die Wachen den Greis hinauf an den Pfahl. Einer riss ihm die Haube vom Kopf, zwei weitere bogen ihm die Arme nach hinten und schlangen eine Kette um seinen Leib. Der Regen war nicht stärker geworden. Er fiel dünn wie verschlissenes Tuch. Das Spiel der Flöte brach ab. Die Wachen hakten die Kette am Pfahl fest. Dann sprangen sie zu Boden und ließen den alten Mann allein.
Ins Flüstern des Regens fiel der verhaltene Wirbel der Trommeln....
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Da kommt er! Der Ketzer Cranmer kommt!«
Wie ein massiges Tier, ein Fabelwesen mit zahllosen Köpfen, bäumte die Menge sich auf. Maggie, an der Hand ihrer Patin, hüpfte, so hoch sie konnte. Für ihre sieben Jahre war sie ein großes Mädchen, aber der Männerrücken vor ihr erwies sich als unüberwindliches Hindernis. Das Graubraun seiner Kutte verschwamm in Tränen der Enttäuschung. Seit Stunden stand sie im feinen Regen am Hang des Stadtgrabens, ließ sich begaffen, gar befingern, und wartete. Ein fettes Weib hatte an dem Umschlagtuch aus königsblauem Samt, Maggies prächtigstem Kleidungsstück, gezupft, und ein Kerl hatte ihr ins Haar gelangt. »Oh, eine Herrschaftliche. Und was für hübsches Fell auf dem Köpfchen sprießt.«
Allem Ekel zum Trotz harrte Maggie aus. Nie zuvor hatte sie eine Hinrichtung erlebt und war entschlossen, sich diese durch nichts verleiden zu lassen. War nicht Kate, die sie Tante Kate nannte, obgleich sie einander nicht verwandt waren, eigens dazu mit ihr in die Stadt Oxford gereist? Gestern, in der noch nachtkalten Herrgottsfrühe, hatte sie Maggie aus dem Schlaf gerissen: »Kleide dich an. Wir reisen ein Stück, der Wagen wartet schon.«
»Aber weshalb, was tun wir?«
»Frag nicht, eil dich. Wir fahren zu einer Hinrichtung.«
Hinrichtung, so hatte Guy, der Sohn des Stallmeisters, erklärt, ist, wenn sie einen vom Leben, dessen er nicht wert ist, einem gewaltigen, grausamen Tod zuführen. Da graust es einem Christenmenschen, und im Grausen reinigt es ihn.
Auf den langen Stunden der Fahrt vergrub Tante Kate sich in gewohnter Wortkargheit. Von ihr war keine Auskunft zu erwarten, doch in dem Gasthaus, in dem sie schließlich einkehrten, schwatzten Wirt und Zecher sich die Köpfe heiß: Ein vorzügliches Spektakel sollte es geben, eine geweihte Versammlung vor dem Scheiterhaufen, für den Holz und Reisig längst aufgeschichtet waren. Maggie erträumte sich Bischöfe in leuchtenden Messgewändern, Gardisten der Krone im Prunk roter Schauben, Jongleure mit wirbelnden Keulen, Fiedler und Sänger, Stelzengänger und womöglich einen Bärenführer. Was hätte sie daheim in Chelsea zu berichten! Guy, der sie ständig verhöhnte, weil sie die Namen ihrer Eltern nicht kannte, wäre stumm vor Neid.
Doch statt der Märzsonne, die Maggies Festtag vergolden sollte, fiel seit dem Morgengrauen dünner Regen. Von Bäumen getriebene Blüten klebten zertreten auf Pflastersteinen, in den Nebel duckten sich die Bauten des Balliol College, und die Versammlung wurde in eine Kirche verlegt, zu der Frauen und Kinder keinen Zutritt hatten. Zwischen Leiber in stinkenden Kleidern gezwängt, warteten Maggie und ihre Patin ab, bis man den Ketzer brachte. Tante Kate stand wie üblich still, als könne kein Sturm sie erschüttern, Maggie aber hätte vor Erregung zappeln wollen. Hatte der Unhold wüstes Haar, glühten seine Augen vom Höllenfeuer? War er ein Riese wie die Ringer auf dem Fischmarkt, zerrte er an Ketten und stieß Flüche gegen die Zuschauer aus? »Sie kommen!«, schrie eine Frau. »Das ist der Mann, dem unsere Königin ihr Unglück dankt!«
»Brennen soll der Gotteslästerer!« »Lang lebe Königin Mary!«
Noch einmal versuchte Maggie sich an einem Sprung, doch ohne Erfolg. Zornig stampfte sie mit dem Fuß, dass der Schlamm der Uferwiese der Patin den Mantel bespritzte. Ihren Trauermantel. Tante Kate trug niemals lichtere Farben. Gleich darauf fühlte Maggie sich an den Armen gepackt und in die Höhe gestemmt. »Recht so, kleine Mistress. Einen Satansbraten wie den bekommst du dein Lebtag nicht noch mal zu sehen.«
Der Mann, der hinter ihr gestanden und sie aufgehoben hatte, setzte sie sich auf die Schultern. Ihr Herz polterte dumpf, derweil die Worte des gehässigen Guy ihr an die Schläfen hieben: Warum wohl spricht die Patin nie von deinen Eltern? Weil sie Satansbraten sind, die in der Hölle schmoren. Die Brut von Ketzern bist du. Über der Kappe des Mannes ballte Maggie die Fäuste. Dann sah sie die Prozession.
Die Straße hinunter kamen sie, vorbei an der Reihe umnebelter Gebäude, umsprungen von einem Buntgekleideten, der eine kleine Flöte blies. Vorneweg tanzte ein wenig Volk, trippelten ein paar Kinder, dann folgten die Trommler, die spanischen Mönche, deren Kutten in der Nässe schleiften, dahinter der Pulk des Klerus und schließlich die Wachen mit dem Verurteilten. Maggie entfuhr ein Laut der Überraschung, den das Wutgeheul der Menge schluckte. Sie hatte einen Riesen mit höllischen Augen erwartet, doch die Gestalt, die sich stolpernd schleifen ließ, war ein Greis mit zerzaustem Bart.
»Verbrennt ihn, Rache für More und Fisher!«
»Gott schütze unsere gute Königin!«
Der Greis trug nichts als einen Kittel am Leib und eine Bundhaube um den geschorenen Kopf. Er friert, durchfuhr es Maggie. Aber an Kälte würde er nicht sterben. Entschlossen packte sie ihren Träger bei den Ohren und beugte sich vornüber. Jetzt sah sie den schmächtigen Alten deutlich, jede Furche in dem wohl hundertjährigen Gesicht. Am Arm riss einer der Schergen ihn voran. »Na wird's bald, Eminenz. Da vorn wartet ein wackeres Feuerchen auf Eure Frostbeulen.«
Gelächter. Johlen. Eine Frau reckte die Faust und schleuderte dem Greis eine Verwünschung entgegen. Der Ketzer, in dem doch kein Funken Kraft mehr zu stecken schien, blieb so ruckartig stehen, dass er die Schergen zum Halt zwang.
»Ja, flucht mir, gute Frau«, rief er. »Ich bin ein schändlicher Sünder, denn ich habe mein Wort verleugnet. Aber alles gilt, alles gilt! Meinen Widerruf schrieb ich in Todesangst, und meine Hand soll dafür brennen.«
Die Versammelten heulten vor Empörung auf. Ein rot gekleideter Hüne sprang hinzu und versuchte, dem Greis den Mund zuzuhalten. Dieser aber kämpfte sich einen Herzschlag lang frei. »Wenn es den Antichristen auf Erden gibt, so ist es der Papst mit seiner klobigen Kirche, die uns den Blick in den Himmel versperrt.«
Ehe die Wachen ihn niederrangen, schien es Maggie, als hefte sich sein Blick auf ihr Gesicht. »Gott schaue auf Euch«, hörte sie seine Stimme. Im nächsten Moment hatte Tante Kate sie an den Beinen gepackt und von den Schultern des Mannes gezerrt.
Sie landete unsanft auf einem Fuß und fand sich eingekeilt zwischen Leibern in feuchter Wolle. »Ich sehe nichts mehr«, begehrte sie auf. »Was tun die, ich muss doch sehen, was sie tun!«
»Sie schlagen ihn. Das musst du nicht sehen, wie eine haltlose Horde auf einen alten Mann einschlägt.« Die Patin zog Maggie an sich, begrub des Kindes Gesicht in den Mantelfalten. So standen sie still, und die Welt schien auch stillzustehen, an Maggies Wangen die Wärme nassen Stoffes, die Geborgenheit des Leibes, der darin eingewickelt war. Dann ließ die andere sie los. Maggie blinzelte. Die Menschenmenge hatte sich rings um die Richtstätte verteilt, in die Länge gezogen, so dass sie beide sich zwischen zwei Körpern nach vorn drängen konnten. Alle Köpfe waren starr geradeaus gewandt.
Holz und gebündelter Reisig umgaben den Pfahl, der in den steingrauen Himmel ragte. Geschrei und Gejohle waren verstummt. In die Stille platzten die Flöte des Buntgekleideten und die Frauenstimmen, die neben Maggie tuschelten. »Wenn's weiter so aus Kübeln schüttet, wird's wie bei dem Ridley, den sie letzthin geröstet haben.«
»Ihr sagt es. Bei dem Hundewetter hat es eine Ewigkeit gedauert, bis der Teufel den geholt hat, und wie Vieh verreckt ist der.«
»Wie ein Mann gestorben ist er.« Der hellen Mädchenstimme folgte das Klatschen einer Ohrfeige. Über das Reisig schleiften die Wachen den Greis hinauf an den Pfahl. Einer riss ihm die Haube vom Kopf, zwei weitere bogen ihm die Arme nach hinten und schlangen eine Kette um seinen Leib. Der Regen war nicht stärker geworden. Er fiel dünn wie verschlissenes Tuch. Das Spiel der Flöte brach ab. Die Wachen hakten die Kette am Pfahl fest. Dann sprangen sie zu Boden und ließen den alten Mann allein.
Ins Flüstern des Regens fiel der verhaltene Wirbel der Trommeln. Hinter dem Scheiterhaufen traten zwei Henker hervor, die...