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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
123 von 126 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Beginn einer rätselhaften Krankheit; Ursachenforschung.,
Rezension bezieht sich auf: Die zitternde Frau: Eine Geschichte meiner Nerven (Gebundene Ausgabe)
Während die schöne Siri Hustvedt an einem blauen Maientag im Jahr 2006 in Minnesota anlässlich der Einweihung einer Fichte zu Ehren ihres vor zwei Jahren verstorbenen Vaters eine Gedenkrede hält, befällt sie ein unerträgliches Zittern und Schlottern der unteren Gliedmaßen. Ihr Vater war Professor am St. Olaf College. Das krampfartige Zittern vom Hals abwärts ist nicht zu beherrschen. Die Mutter erlebte als Zuhörerin ihren Zustand, als wohne sie einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl bei. Für das Glamourpaar der New Yorker Intellektuellenszene, den Schriftsteller Paul Auster und seine Frau Siri Hustvedt, bedeutet ihre Erkrankung eine massive Herausforderung. Gelegentlich erlebt sie bei späteren Vorträgen und Lesungen erneute Zitteranfälle.Auf der Suche nach Erklärungen für ihren unwürdigen und desolaten Zustand bemüht Siri Hustvedt alle ihre bisherigen Studien zur Psychopathologie von Geist, Körper und Seele. Einer Archäologin der Seele gleich begibt sie sich auf die Suche nach den Ursachen ihrer Krankheit. Ihr vorliegendes Buch über ihre eigene Erkrankung gleicht einem Sachbuch zum Thema Psychopathologie von körperlich nicht diagnostizierbaren Störungen. Sie befasst sich mit der Diagnose "Hysterie" und mit den Merkmalen von Konversionssymptomen und liest einschlägige Fachliteratur. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis,"... dass Hysterie eine systemische Spaltung sei, die es einem abtrünnigen Selbst erlaubt, sich ohne Führung davonzumachen." Unter dem Gesichtspunkt, dass Umwelteinflüsse Störungen herbeiführen können, fragt sie sich gleichzeitig, warum "...der, der von einem Elternteil schlecht behandelt wurde, ein Psychopath wird, und ein anderer, dem es ähnlich erging, an schweren Depressionen leidet, und ein Dritter mit einer unerklärlichen Lähmung reagiert..."Zuletzt fragt sie sich, ob sie womöglich die Trauer um ihren verstorbenen und sehr geliebten Vater verdrängt habe. Auf ihrer Suche nach den wahren Gründen für ihr Leiden lässt Siri Hustvedt kein Fachbuch aus und bezeugt Erfolge, die auf dem Gebiet der Neurologie inzwischen zu verzeichnen sind. Gebannt folgt man ihren differenzierten Recherchen, sich mit ihrem Leiden auseinanderzusetzen. Dabei öffnet sie ihr Herz und berichtet über sehr persönliche Erinnerungen aus ihrer Kindheit, die feinsinnige Seelenzustände berühren. Sensibel und wach beobachtet sie sich und andere und umkreist die philosophische Frage, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen. Psychiatrie, Neurologie und Psychoanalyse werden in ihren Denkrichtungen und Forschungsergebnissen hier zusammen geführt, denn es besteht offensichtlich eine Wechselwirkung zwischen Umwelt, psychischem Leiden und Veränderungen in den Hirnstrukturen. Das Zusammenwirken der verschiedenen Disziplinen macht die Zusammenarbeit unter den Fachrichtungen unabdingbar. Detailversessen und genau zitiert die Autorin zahlreiche bekannte Wissenschaftler aus Geschichte und Gegenwart von Freud über Charcot bis zu heutigen Forschern und gibt präzise und vielseitig Auskunft über die verschiedenen Ansätze zur Erforschung unseres Seins. Sie berichtet in ihrem Buch über Subjektivität im Denken und in der Wahrnehmung, über Irrationalität und Traumata; sie schreibt über Dissoziation und Spaltungen im Bewusstsein, und man erfährt eine Menge Wissenswertes über die Psyche, die uns Streiche spielt und uns in die Irre zu führen versteht. Das Sachbuch, gekoppelt mit biographischen Abhandlungen, ist mit Verstand geschrieben und mit Belegen für die unterschiedlichsten Thesen versehen. Zahlreich Fallbeispiele und Geschichten aus dem Leben ergänzen den fachlichen Teil; sie lassen die Lektüre zu einem spannenden Abenteuer werden! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Intellektuelle Abwehr, literarisch verpackt und gut vermarktet,
Von
Rezension bezieht sich auf: Die zitternde Frau: Eine Geschichte meiner Nerven (Taschenbuch)
Ich schätze Siri Hustvedt sehr - als Romanautorin . Umso enttäuschter war ich dann von diesem Werk. Ehrlich gesagt fühle ich mich sogar ein wenig an der Nase herumgeführt, um es nett auszudrücken. Denn das, was man sucht - nämlich tiefere Erkenntnisse und Verständnis für das, was ihr widerfährt - findet man in diesem Buch nicht.Das liegt natürlich nicht an der Unfähigkeit der Autorin, die wunderbar analyieren und gut formulieren kann. Sondern daran, dass sie dem Leser einen tieferen Blick in ihre Erlebniswelt, Vergangenheit und Psyche konsequent verweigert. Wer sich psychologisch etwas auskennt, kann sich einiges zusammenreimen, besonders die Kriegs-Vergangenheit des Vaters wird eine entscheidende Rolle bei ihrem "Zittern" spielen. Dennoch wirkt das ganze Buch wie eine geballte intellektuelle Abwehrstrategie in Form von theoretischen Abhandlungen über neurologische Untersuchungs-Ergebnisse. Sie selbst kennt das Phänomen des "Intellektualisierens" sehr genau, sie thematisiert es sogar kurz, und sie ist ja schlau genug, um zu wissen, was sie hier tut. Und das ist das eigentlich Ärgerliche daran. Zurück bleibt nach der Lektüre das schale Gefühl, nichts wirklich Relevantes, nichts wirklich tiefgehend Persönliches erzählt bekommen zu haben. Beispielsweise erwähnt sie nur lapidar, eine Psychoanalyse begonnen zu haben, aber nicht, was sie dort für Erkenntnisse gewonnen hat. So bleibt das Geschriebene unpersönlich und merkwürdig wenig berührend. Wer da schreibt und was sie zeigt, ist lediglich der "obere Teil", der gut funktionierende Kopf, die nicht zitternde, die kontrollierende, die hochintelligente Frau. Die kannten wir aber ja schon. Der "untere Teil", der die Kontrolle verloren hat, die zitternde Frau also, auf die die Leser/innen durch Aufmachung und Klappentext neugierig gemacht werden, bleibt (uns) eine Fremde. Es ist verständlich, dass man sein Leiden nicht vor Publikum ausbreiten möchte. Aber dann sollte man vielleicht auch kein Buch darüber schreiben. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
27 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Auf der Suche nach der eigenen Identität,
Von Erzbergwerkszwerg - Alle meine Rezensionen ansehen (HALL OF FAME REZENSENT) (VINE®-PRODUKTTESTER) (TOP 50 REZENSENT)
Rezension bezieht sich auf: Die zitternde Frau: Eine Geschichte meiner Nerven (Gebundene Ausgabe)
Als Siri Hustvedt drei Jahre nach dem Tod ihres Vaters auf dem Campus seiner ehemaligen Universität eine Gedenkrede halten soll, beginnt ihr Körper plötzlich zu zittern. Sie spricht ganz normal weiter, ohne in Panik zu verfallen, denn das Zittern betrifft nur ihren Körper - vom Hals an abwärts. Das Zittern wiederholt sich - fast immer anlässlich von öffentlichen Reden, die meist etwas mit ihrem Vater zu tun haben.Anlässlich der Zitteranfälle begibt sich die Autorin und Literaturwissenschaftlerin auf die Suche. Sie liest neurologische, psychiatrische und psychoanalytische Fachliteratur und lässt Erkenntnisse aus den Wissenschaften in ihre Ausführungen einfließen. Zusätzlich greift sie zahlreiche Beispiele aus der Literatur auf (z.B. Dostojewski etc.) und verflicht Fallbeispiele aus der (Fach)Literatur mit ihrer persönlichen Geschichte. Schritt für Schritt nähert sie sich der "schlotternden Frau" an und steht nicht selten vor ganz großen existenziellen Fragen nach unserer Identität u.ä. "Wer sind wir?" Diese Frage steht im Mittelpunkt dieses Buches. Gänzlich wird man diese Frage wohl nie beantworten können und das ist auch gut so. Zum Schluss steht für Hustvedt, die von den Ärzten keinerlei "verlässliche" Diagnose aufgetischt bekommt (MRT zeigt keine Veränderungen an etc.), fest: "Ich bin die zitternde Frau" - eine scheinbar einfache Feststellung, die in ihrer Aussage allerdings fundamental ist. Die zitternde Frau ist nicht etwa eine Krankheit, die einfach wegkuriert werden kann, sondern ein wichtiger Teil ihrer Identität. Hustvedts Betrachtungen sind klug und faszinierend. Es ist spannend, mitzuverfolgen, wie sie sich einem wichtigen Teil ihres Selbst annähert. Sie analysiert vieles auf der sprachlichen Ebene, was zu aufschlussreichen Feststellungen führt - wie z.B., dass psychische Krankheiten und Zustände mit dem Selbst gleichgesetzt werden, während körperliche Erkrankungen eher als etwas Fremdes wahrgenommen werden ("ich habe Krebs" gegenüber "ich bin schizophren" etc.) Sehr interessant finde ich hier auch, dass man vor Augen geführt bekommt, wie sehr psychische Befindlichkeiten/ Zustände etc. pathologisiert werden. Liegt es an unserer Kultur? An der Zeit? (Wohl kaum - früher waren es eben Dämonen o.ä., heute sind es Krankheiten) Wenn die Suche nach dem Ergebnis (der Krankheit) erfolglos bleibt, kann man sich einfach fragen: Ist es vielleicht normal, dass das zum Menschsein dazu gehört? Bin das nicht ich? Was ist der Mensch? Diesen Weg (vom Fremden zum Eigenen in mir) kann man hier sehr gut mitverfolgen - deshalb finde ich die Lektüre von Hustvedts jüngstem Buch sehr empfehlenswert. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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