Taramis, unser alles andere als namensloser Held in der Welt Berith, wird in einer Minenkolonie gefangen gehalten. Dort müssen die Gefangenen einen wertvollen Stoff abbauen, der kriegsentscheidend für die Eroberung der Welt ist. Doch das kann er nicht auf sich sitzen lassen! Aus einer Mischung aus Gerichtigkeitssinn und Rache getrieben, schart er Vertraute mit unterschiedlichen Talenten um sich, mit denen er gemeinsam ausbrechen will.
Nein, wir sind nicht in einem neuen Ableger der Fantasy-Rollenspielserie Gothic gelandet, sondern in Ralf Isaus erstem Teil seiner neuen phantastischen Trilogie.
Isau beschreibt seinen Erstling über die Welt Berith damit, dass die ehemals jugendlichen Fans der Neschan-Trilogie hier nun einen erwachseneren Roman vorgelegt bekommen, um der Entwicklung jahrzehntealter Fans gerecht zu werden. Ein mutiger Versuch! Doch wie sieht es wirklich aus? Wie realisiert er das "Erwachsen-Sein", und werden alte Neschan-Gefühle wieder aufgeweckt?
Starten wir mit zweiter Frage. Das Buch beginnt mit dem Kampf gegen ein Ungeheuer, von dem unser Held zwar schon einmal gehört, es jedoch nie zuvor selbst gesehen hat.
Wo der gutmütige, doch gänzlich kampfunerfahrene Yehonathan im ersten Neschan-Teil noch in einem Erdloch zufällig über den magischen Stab HaScheveth stolpert, mit dem er dann einen Erdfresser besiegt, ist Taramis schon von Geburt an mit Ez - quasi dem schwarz gefärbten Pendant von HaScheveth - ausgestattet. Und er stolpert nicht in den Kampf, sondern er hat sich bewusst darauf eingelassen - als stärkster Krieger hat sein Dorf alles auf ihn gesetzt, um endlich das Ungeheuer loszuwerden.
Ralf Isau spielt in seiner Neschan-Trilogie mit althebräischen Wörtern, um allem und jedem einen passenden Namen zu geben. Ähnliches tut er auch in "Der zerbrochenen Welt", so dass der Kenner die Verwandtschaft erkennt. Doch sonstige Gemeinsamkeiten? Beide Welten spielen in einem ähnlichen theologischen Rahmen; mehr habe ich nicht gefunden.
Nun jedoch zu dem Punkt, der mir persönlich den Lesespaß an diesem interessanten Versuch von Isau geraubt hat: Das Erwachsensein. Mit dem "Silbernen Sinn" ist es nun schon Jahre her, dass Isau mit seinen Werken nicht bloß Kinder und Jugendliche, sondern gezielt Erwachsene ansprach. Dabei hat er meistens Thriller geschrieben, die auf den ersten Blick an Dan Brown erinnern. Doch in bester Isau-Manier wurden die spannenden Geschichten nicht bloß durch phantastische Elemente / übernatürliche Kräfte der Protagonisten gewürzt, sondern auch bestens recherchiert. Aus jedem einzelnen kann man etwas über Geschichte, Naturwissenschaft oder moderne Technik und ihre Gefahren lernen. Isau-Leser sind keine Fachidioten!
Mit der zerbrochenen Welt bricht Isau diese Tradition von phantastischen Thrillern, die in der realen Welt spielen, und verlagert die Handlung in die fiktive Welt Berith. Diese ist so phantastisch, wie es sich selbst Isau nie zuvor getraut hatte. Nicht nur, dass es keine echten Menschen, sondern nur menschenähnliche Amphibien, die "Guten", und fischköpfige Feuermenschen, die "Bösen" gibt, sondern es gibt ganz neue, unvorstellbare Stoffe, die die Welt Berith mehr nach einer Galaxie als einem einzigen Planeten erscheinen lassen.
Und in dieser unglaublichen Welt wird der Leser gleich in einen blutigen Krieg geschickt. Der Protagonist hat schon vor Beginn der Handlung seine Kriegerausbildung längst abgeschlossen und kennt alle Regeln und Überlebenstricks, an die sich ein Kämpfer eigentlich halten sollte. Gut gerüstet für einen harten Story-Verlauf wird er dann auch durch so ziemlich jedes unglaubliche Elend geschickt, die die Welt bergen kann, über das man mit Kindern am liebsten nicht redet. Dem Tod von Familie und Freunden, der Entweihung der persönlichen Heiligtümer, Kämpfe bis an den Rand des Todes, und Entscheidungen, bei denen man for the greater good Todesurteile sprechen muss. Starker Tobak. So stark, dass die Handlung des ersten Teils nur dadurch beendet werden konnte, dass nach einer Odyssee durch die gesamte Welt wortwörtlich der Deus ex machina hervorgezaubert wurde.
Passt das alles zu Isau?
Meiner persönlichen Meinung nach nicht.
Jonathan Jabbok und Taramis sind zwei Helden, die die Welt retten sollen, deren Schicksal es ihnen vorschreibt. Der eine ist 14 und unschuldig und rettet die Welt letztlich durch seine Güte. Der andere ist weltweit respektierter Krieger, der viel weniger zimperlich mit seinen Kontrahenten umgeht. Geht es in Neschan noch um Liebe, geht es in Berith um Respekt gegenüber dem ehemaligen Lehrmeister und Gerechtigkeit. Oder doch Rache?
Aus jedem Isau zuvor habe ich etwas mitgenommen. Einen neuen Blick auf Theologie aus Neschan, als ich selbst noch 14 war. Begeisterung für Antike und Mythologie aus dem Museum der gestohlenen Erinnerungen. Interesse an politischen Zusammenhängen aus dem Kreis der Dämmerung oder dem Echo der Flüsterer. Zweifel an wissenschaftlichen Selbstverständlichkeiten in der Galerie der Lügen oder Wissen über amerikanische Geschichte im Mann, der nichts vergessen konnte.
Doch die zerbrochene Welt nun? Ja, Isau hat phantasievoller denn je eine neue Welt erschaffen, doch das lässt mich nicht nach seinen Büchern greifen. Es ist die Moral, die man aus seinen Büchern sonst mitnimmt. Die Gedanken, die einen noch Wochen später beschäftigen. Hier indes gibt es höchstens die immer und immer wieder dem Helden gestellte Frage, die man nicht nur ihm, sondern einem jeden Menschen stellen kann: Wenn man nun ehrlich zu sich selbst ist, handelt man wirklich for the greater good ("ich will Gerechtigkeit") oder doch eher personal gain ("du willst nur Rache erreichen").
Lieber Ralf Isau, wie geht es nun weiter?
Neschan war von der ersten bis zur letzten Seite eine Geschichte voller Ruhe und Ehrlichkeit, die durch den jungen und doch so reifen Jonathan Jabbok / Yehonathan personalisiert wurde.
Berith ist unruhig. Schön und zugleich kriegshässlich. All diese Unruhe spiegelt sich in einem erwachsenen Taramis wieder, der pubertärer auftritt, als es der 14-Jährige Protagonist in Neschan jemals tat.
Die zerbrochene Welt ist eine neue Leseerfahrung, die sich kein Isau-Fan entgehen lassen wird. Die Frage ist nun, ob man sie gebraucht hat.