Wer sich von dem selten dämliche Titel, der sich eher nach Sat1-Movie oder bestenfalls Rosamund Pilcher anhört, und dem ebenso sinnfreien Cover (Alfons, dat is en Krimi, da wird jestorben, da nehm wa mal n Fotto vom Friedhof, dat paßt immer) nicht abschrecken läßt, wird mit einem äußerst rasant erzählten Krimi belohnt, der zwar einige bekannte Elemente aufnimmt; so kennen wir z.B. die zunehmende Spannung zwischen in klaustrophobischer Enge aufeinander hockenden Verbrechern, die ihre eigene unheilvolle Dynamik entwickelt, aus "Die Terroristen" von Sjöwall/Wahlöö, den elegant gewandeten Kommissar, hier eine Nebenfigur, sowie die Vorliebe des Ermittlers für Jazz von Ake Edwardsons Held Eric Winter, aber gut geklaut ist allemal besser als schlecht erfunden.
Auch der Schauplatz, das südliche Schweden, ist bekannt - allerdings könnte der Unterschied nicht größer sein. Folgen wir Herrn Wallander, bekommt die Landschaft metaphorische Bedeutung, jede Jahreszeit fühlt sich verdächtig nach Herbst an und Melancholie senkt sich bleischwer auf uns. Joakim Hill, zentrale Figur in "Die zärtliche Zeugin", bewegt sich vor allem in Helsingborg und Lund, und bei ihm ist Schonen eine Landschaft, in der man sich ausruhen darf, ein Baum ist einfach ein Baum und der Öresund mit all seinen Schiffen und dem glitzernden Wasser ganz schlicht ein herzerfreuender Anblick. Es ist ein angenehmer Kontrast, einmal auf guter alter fester schwedischer Erde zu stehen und nicht in den seelischen Abgründen eines zerrissenen Helden.
Hill ist ein bodenständiger Mensch, er hat keine Neurosen und neigt nicht zu philosophischen Ausschweifungen. Er hört Jazz, hat eine Vorliebe für Clint Eastwood, er ist ein zäher, intelligenter Ermittler, der überlegt handelt und trotzdem beizeiten so richtig wütend wird ("make my day"), er verliebt sich ganz altmodisch, wir ahnten es schon, in die bekannte Zeugin, und wirbt ebenso altmodisch um sie, ohne daß der Leser gleich mit einem Übermaß an Selbstzweifeln, Weltschmerz und der Vergeblichkeit allen Seins behelligt wird.
Neben unserem Helden treten die anderen Personen zurück, aber trotzdem sind sie präsent und glaubhaft. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir den Tätern auf der Spur sind oder ihren potentiellen Opfern folgen, die Kollegen des Kommissars kennenlernen oder eine Horde durchgeknallter Motorradgangster. Wer immer einem in diesem Roman gegenübertritt, hat Fleisch auf den Knochen, Persönlichkeit, etwas Unverwechselbares. Dabei gelingt es der Autorin, der Phantasie des Lesers reichlich Spielraum zu geben, ohne beliebig zu werden.
Der Plot selbst ist stimmig und originell und die ständig zunehmende Spannung macht den Roman zu einem Pageturner. Obwohl über 300 Seiten lang erzählt wird, hängt der Spannungsbogen nie durch, nur gelegentlich legt die Autorin eine hochwillkommene Atempause ein, in der sie ihren Humor unter Beweis stellt. Es gibt kaum ein überflüssiges Wort, Martensson drückt mächtig aufs Tempo und das macht einfach Spaß.
Einziger Mangel ist die gelegentlich etwas holprige Übersetzung, als wäre Herr Wolandt erst in letzer Minute fertig geworden und hätte keine Zeit mehr gefunden, das Ganze zu polieren.
Insgesamt: Ein wunderbares Buch - mehr davon!