Eines gleich vorab: Auch wenn die hier besprochene Erstauflage des vorliegenden Werkes von Helmut Zwickl erst seit kurzem im Buchhandel erhältlich ist, so ist es dennoch angebracht, schon jetzt von einem Meilenstein auf dem Gebiet des qualitativ hochwertigen, deutschsprachigen Motorsport-Journalismus zu sprechen.
Ich möchte dieser Rezension einige Bemerkungen zum Autor voranstellen. Der Österreicher Helmut Zwickl hat über Jahrzehnte hinweg wöchentlich die Leser des Fachblattes "Motorsport aktuell" mit sauber recherchierten Informationen aus erster Hand versorgt. Da schrieb ENDLICH mal jemand über die Formel 1, der wirklich Ahnung von dieser Materie hatte, der Fan war und darüber hinaus auch noch schreiben konnte! So verfiel denn auch der Autor dieser Zeilen im zarten Alter von 13 Jahren Helmut Zwickls fesselnden Storys. Im Gegensatz zu den vielen (größtenteils unsäglichen) TV-"Fachkommentatoren" unserer Tage beginnt sein Fundus an Erinnerungen nicht erst mit dem massenhaften Auftauchen der "Rotkäppchen" an den Rennstrecken dieser Welt. Nein, meine Freunde: Die Formel 1 gab es auch schon VOR dem Zeitalter der "Schumi-mania" und wer begierig ist zu erfahren, wie denn diese "kleine Welt der Zirkusaffen" (Zitat Niki Lauda) vorher ausgesehen hat, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Man ist geneigt festzustellen, dass dies vielleicht die schönere Zeit gewesen ist.
Helmut Zwickl war ganz nah dran an den großen Protagonisten der Formel 1, und sein Wort hatte Gewicht. Fahrer wie Jochen Rindt, Niki Lauda, Gerhard Berger, Nigel Mansell und Ayrton Senna verdanken ihm ein gutes Stück ihrer Popularität im deutschsprachigen Raum - und sie haben es ihm gedankt, indem sie ihn an ihren Erlebnissen, Eindrücken und Gefühlen teilhaben ließen.
So erfuhr man z.B. wie ein Ayrton Senna, auf seine Gedanken vor der später dann legendären Startrunde zum verregneten Grand Prix in Donington-Park 1993 angesprochen, resümierte: "I knew - I must go for it!" Man wurde Zeuge einer Schilderung des damals noch jungen Gerhard Berger von einer "Chaosrunde" im Qualifying von Spa-Franchorchamps anno 1985 und wie er davon erzählte, dass "ausgangs Eau-Rouge auf dem Randstein noch 20cm Platz gewesen sei", woraufhin er bei der nächsten Durchfahrt mit seinem Arrows-BMW voll auf dem Gas geblieben sei...
Helmut Zwickl ist es zu verdanken, wenn wir erfahren, was für Sir Stirling Moss rückblickend die eindrucksvollste Erinnerung an seinen legendären Sieg bei der Mille Miglia des Jahres 1955 gewesen ist ("Der Futa-Pass!"). Nicht nur deshalb ist Helmut Zwickl die legitime deutschsprachige Antwort auf die britische Journalisten-Ikone Denis Jenkinson.
Zum Buch: Es ist in 17 Kapitel gegliedert, zuzüglich eines Prologes sowie einem Vorwort von Sir Stirling Moss und umfasst 220 Seiten. Die Schriftgröße ist eher klein gehalten, daher bekommt man als Leser viel Inhalt geboten für sein Geld. An prachtvollen Bildbänden über die Formel 1 herrscht auf dem deutschsprachigen Büchermarkt kein Mangel, und auch dieses Buch strotzt nur so von wunderschönen historischen Aufnahmen, teils in schwarz-weiß, teils farbig. Was aber dieses Buch über andere Publikationen zu diesem Thema herausragen lässt, ist seine Textlastigkeit auf hohem fachlichem wie auch stilistischem Niveau. Hier gibt es keine "Seitenschinderei" und es wird auch nicht mit überdimensional großen Zeilenabständen getrickst. Die einzelnen Kapitel befassen sich zum Teil mit den verschiedenen Epochen. Helmut Zwickl lässt dieses Buch mit einer Rückblende in das sagenumwobene Zeitalter der legendären Silberpfeile vor und nach dem zweiten Weltkrieg beginnen ("Als Grinzing noch bei Dessau war..."). Schon allein diese Geschichte, in der Zwickl seine Empfindungen bei einer Probefahrt in einem der sagenhaften Mercedes-Benz W154/11 von Rudolf Carraciola schildert, zeigt seine ganze Klasse. Andere Kapitel befassen sich mit charismatischen Rennfahrern und Weggefährten Zwickls wie Jochen Rindt ("Hinrichtung eines Champions") oder Ayrton Senna ("Der endgültige Rennfahrer"). Niki Lauda darf bei Zwickl natürlich nicht fehlen ("Niki Laudas Ahnung bei Kilometer 10,5"), das Kapitel über meinen persönlichen Favoriten Gilles Villeneuve ("Der Gigant") ist für meinen Geschmack leider zu kurz geraten. Erstaunlicherweise widmet Helmut Zwickl seinem Landsmann Gerhard Berger kein eigenes Kapitel, obwohl er immer wieder auf ihn zu sprechen kommt.
In weiteren Kapiteln werden diesen Sport prägende Persönlichkeiten wie Enzo Ferrari, Sir Frank Williams und - last, but definitely not least - Bernie Ecclestone thematisiert.
Es sind aber insbesondere die Geschichten, in denen der Leser mit wahrlich einmaligen, persönlichen Erlebnissen Zwickls konfrontiert wird, die dieses Buch zum Vergnügen machen ("Erinnerungen an Nigel", ich empfehle insbesondere die Schilderung des Mietwagen-Rennens zwischen Mansell/Zwickl und Prost/Laffite). Zum schreien komisch!
Es darf (und soll) aber nicht nur gelacht werden bei der Lektüre dieses Buches. Zwickl erinnert zu Recht an all die Rennfahrer, die ihre Passion mit dem Leben bezahlen mussten. Eindrucksvoll ist auch das Kapitel, in welchem er die Atmosphäre auf der legendären Kyalami-Ranch beschreibt ("Jenseits von Afrika").
Aufgrund der großen Popularität, die dem Formel 1 Rennsport vor allem seit den Erfolgen Michael Schumachers in Deutschland zuteil geworden ist, kann man es nur begrüßen, wenn Verlage sich dazu entschließen würden, die älteren (und leider schon vergriffenen) Titel von Helmut Zwickl neu aufzulegen. Kurzum: Ein Werk, das Maßstäbe setzt und auf keinem Gabentisch eines Motorsport-Enthusiasten fehlen sollte. Kaufen Sie dieses Buch!