Oft ist es ein Konkurs, auf dessen Ruinen dann erst etwas Neues, etwas Schönes entstehen kann. Hier war es der Konkurs des Deutschen Kaiserreiches am Ende des Ersten Weltkrieges, der Konkurs der chauvinistischen, wilhelminischen und meist auch schon nationalistischen Werte, die nicht nur in die Weltkriegskatastrophe geführt haben sondern auch dafür sorgten, dass sich Menschen eben nicht entfalten konnten, wie sie wollten und konnten. Und daher tat sich für etwas eineinhalb Jahrzehnte eine Art von Fenster auf, in dem möglich war, was vorher und nachher nicht mehr ging, vielleicht heute auch nicht mehr geht. Gerade für Frauen.
Man kann die Kunst dieser Jahre und die Menschen kaum verstehen, ohne über das Thema Liebe und Sexualität zu sprechen. Denn in dieser Zeit, in der nicht nur bürgerliche Werte plötzlich obsolet schienen, sondern auch das mit dem Ansparen von Geld aufgrund der Inflation nicht mehr der Sinn des Lebens sein konnte, erschienen intensiv ausgelebte Gefühle plötzlich der Kern aller Erfüllung zu sein. Und so flirtete man, mit Männern, mit Frauen, für die Karriere, für den Spaß, für die Erkenntnis und für was auch immer. Und wenn sich daraus dann ein Dreieck (oder eine andere geometrische Figur) ergab, umso besser. Klappte das mit den Beziehungen gerade nicht, suchte man sich andere intensive Hobbies, wie Boxen oder richtig schnelles Autofahren, Reisen durfte es notfalls auch sein, solange man dabei mehr Geld ausgab als man eigentlich hatte. Drogen spielten auch eine Rolle, und natürlich machte man all das auch noch öffentlich - im Adlon, im Cafe des Westens oder im Romanischen Cafe. All diese Orte waren voll von vielversprechenden Frauen.
Nicht alle von diesen sind berühmt geworden, aber doch immerhin eine ganze Menge davon. Schön und clever mussten diese sein, um Erfolg zu haben. Aber immerhin gab es doch genug davon, dass ihre Namen uns heute noch ein Begriff sind, wie Marlene Dietrich, Erika Mann, Else Lasker-Schüler, Claire Waldorf, Helen Hessel und Vicki Baum. Doch wie es halt im Leben so ist, wenn man extrem lebt, ist das Ende auch nicht weit. Anita Berbers Körper verfiel aufgrund ihres Lebens, sie starb früh. Andere brachten sich um. Am Ende blieb dann nur Exil - oder ein Arrangement mit dem Bösen. Denn obwohl die Nationalsozialisten das Heimchen am Herd propagierten, boten sie auch einer Leni Riefenstahl ein Betätigungsfeld.
Und so war es denn bald vorbei, mit den herrlichen, freien Zeiten in dieser großartigen Stadt. Schön aber, dass dieses Buch daran erinnert.