"Und es gibt eine Literatur für die Stunden der Verzweiflung. Diese letztere war es, die Ulises Lima und Belano wollten."
Die wilden Detektive ist kein Detektivroman, nicht im klassischen Sinne, um das vorwegzunehmen. Der Titel der deutschen Übersetzung von Bolaños 1998 erstmalig erschienen Roman Los detectivos salvajes suggeriert offenbar eine Mischung aus der Wilden 13, Die Wilden Kerle sowie Emil und die Detektive, das waren die häufigsten Spontanassoziationen Bolaño-Fremder, wenn ich über das Buch gesprochen habe. "Worum geht es denn?" - nun ja, so ziemlich um alles, handelt es sich doch um ein "bolañoeskes" Werk (F. von Lovenberg, FAZ).
Der Chilene Roberto Bolaño Ávalos, bereits 51jährig im Jahr 2003 - auf eine Spenderleber wartend - verstorben, hat der Leserschaft mit 2666 sein umfangreiches und komplexes Vermächtnis hinterlassen, ein "literarisches Ereignis". Die wilden Detektive ist in mancherlei Hinsicht vergleichbar zu seinem Opus magnum (welches auch sein Opus summum werden sollte), jedoch weder ein wirklicher Vorläufer noch ein Versuch. Ein kurzer Versuch, den Facettenreichtum von Die wilden Detektive zu beschreiben, muss unweigerlich scheitern oder ausufern, besser gesagt: in ein unendliches Verknüpfungsmuster, in die Vielfalt des Möglichen mäandern. Wetten?
Los geht's: Der Roman besteht aus drei Teilen, beginnt und endet mit den Tagebuchaufzeichnungen des 17jährigen Mexikaners Juan García Madero aus den letzten Tagen des Jahres 1975 und den ersten des Folgejahres. Madero, eigentlich Student der Rechte in Mexico City, wird berauscht von der revolutionären Stimmung der Dichterszene und gerät in den Kreis der sog. Realviszeralisten, einer Gruppe von jungen Dichtern und solchen, die es gerne wären, angeführt von Arturo Belano und Ulises Lima, mysteriöse Poeten im Stile eines Arthur Rimbaud (Arturo!). Belano und Lima begeben sich auf die Suche nach Cesárea Tinajero, der "Mutter aller Realviszeralisten" und ihren vermuteten Schriften. Dass sie ihr Einkommen nicht der Schriftstellerei, sondern offensichtlich durch den Verkauf von Dope Marke Golden Acapulco bestreiten, mag eine Marginalie sein. Oder auch nicht. Einen selbstverfassten Vers der beiden jedenfalls wird der Leser nicht zu Gesicht bekommen. Ein Gedicht, ein einziges, von Cesárea Tinajero finden sie in den Archiven der Hauptstadt, ein Bildgedicht, ein Witz vielleicht?
Die Spur von Cesárea Tinajero führt in die Wüste, in den Bundestaat Sonora, und Belano und Lima folgen ihr. Oder flüchten sie? Immerhin haben Sie neben Madero noch die junge Prostituierte Lupe im Auto, deren Zuhälter Alberto sie durch Wüste und nach Sonora verfolgt. Dieser dritte Teil des Romans hat Züge eines Roadmovies und einen Showdown nach mexikanischer Art. Ein Ende also, wie es Bolaño-Kenner nicht erwarten, alles weitgehend transparent und nachvollziehbar?
Glücklicherweise nicht, denn es gibt den ungleich umfangreicheren Mittelteil des Romans, bestehend aus Aussagen von Weggefährten und Bekanntschaften von Belano und Lima, aus Anekdoten und Berichten von Dichtern, Verlegern, Buchhändlern und einigen Menschen, die zufällig oder auch nicht ebenfalls dort waren, wo Belano oder Lima waren, in Mexiko, in Amerika, in Europa und in Afrika. So erfahren wir, wo sich die beiden in der Zeit von 1976 bis 1996 aufgehalten haben, mit wem sie Kontakt hatten, womit sie Geld verdient haben. Wir bekommen zumindest Anhaltspunkte. Häufig nur kurze Lebenslichter von zwei Menschen, die getrieben sind, ständig unterwegs, die als Seemann wieder in Erscheinung treten, als Campingplatzbewacher (einer von Bolaños Jobs nach seiner Emigration nach Spanien, eines von vielen sicherlich autobiografischen Elementen), als Straßenräuber und Literaturplauderer. Vom Poeten ist der Habitus geblieben und das Interesse. Und wundersame Sachen passieren zwischendurch, eine mystische Aura umgibt Belano und Ulises. Mir scheint, es ist schon lang nicht mehr die Aura des Dichters, des Revolutionärs und seiner "großen Sache"; auch nicht die Aura der Kriminalität oder des undurchsichtigen Weltreisenden. Es ist die Aura der schieren Existenz, das Unfassbare des Lebens, das gnadenlos die bloße Vorstellung von den Lebensmöglichkeiten begleitet.
Dieses komplexe Geschichtengebilde legt sich zeitlich in die Tagebuchrahmenhandlung des Juan García Madero, berichtet von Dingen, die sich innerhalb des Tagebuchs bewegen und erzählt insbesondere von Ereignissen, die sich nach Maderos Aufzeichnungen abspielen (werden), nach dem Showdown in Sonora. Genaue Grenzen innerhalb von Abläufen und Ursachen und Wirkungen zu ziehen ist - nicht anders als bei 2666 - schwierig, Zusammenhänge fließen ineinander und ergeben ein Optionsgeflecht. Wem berichten die Zeugen? Warum berichten sie?
"Bolañoesk" also, es geht um alles und alles ist möglich, alle Verbindungen sind denkbar und viele werden gedacht, Orientierung und Kausalität funktionieren nicht wie gewohnt, Verschwörungstheorien drängen sich auf, werden abgedrängt. Das Geschehen gleicht einer Liste von Ereignissen, einer Liste von Erzählungen und Bildern. Listenhaft, andeutend und reihenfolglich ist insgesamt das Schreiben von Bolaño. Es gibt Listen mit Einteilungen von spanischsprachigen Dichtern in "Schwule", "Tunten", "tattrige Schwuchteln" etc., Listen von Fachbegriffen aus der Metrik, Listen von lateinamerikanischen Dichtern und eine Abrechnung mit ihnen und dergleichen mehr.
Viele der "Zeugenaussagen" erzählen eigene Lebensgeschichten, eine bestimmte Sicht auf Ereignisse und können kontextlos als kleine Psycho- und Soziogramme gelesen werden. Einige Zeugen melden sich mehrfach zu Wort, allen voran Amadeo Salvatierra, der Belano und Lima über Cesárea Tinajero Auskunft geben kann, und dessen Bericht durch seine Datierung eine besondere Bedeutung bekommt.
Liebe und Sex, Literatur und Literaturbetrieb, Erwachsenwerden und Anderssein, Drogen und Städte, Gewalt und Kriminalität, es geht um Exil, Wohlstand und Armut, Politik, Polizei und Krieg. Natürlich geht es auch um Cesárea Tinajero, um ihre Bedeutung für den Durchbruch der realviszeralistischen Dichtung, um ihren Verbleib in der Wüste von Sonora, um das "eigentliche" Leben der Cesárea Tinajero. Belano und Lima werden scheinbar abgelenkt von ihrer Suche nach Idealen und von der Revolution im Herzen, werden in ihrem Schicksal damit vielleicht - ohne es zu wissen - Cesárea Tinajero immer ähnlicher. Wie Rimbaud fliehen Sie vor der Literatur (vor dem Herstellen von Literatur) ins Abenteuer des Überlebens, aus Enttäuschung vielleicht. Anders als Rimbaud haben sie zudem ganz praktische Gründe, ihrer Exilheimat den Rücken zu kehren.
Beide Werke, 2666 und auch Die wilden Detektive werden ihren Platz in der Weltliteratur finden. Ich möchte das Erlebnis dieser Lektüren sehr empfehlen. Was Besseres als dieses Buch ist mir in der letzten Woche nicht passiert. Beim Schreiben dieser Rezension entstehen mir so viele Fragen, dass ich es eigentlich sofort ein zweites Mal ... quod erat demonstrandum!