Wunderschön schmückt die Autorin ihre Welt aus. Das Gesellschaftsbild in Hoch- und Tiefland wird zwar jeweils eher nur angedeutet, beiläufig werden die Lebensweisen beschrieben, und doch oder gerade deswegen kommt alles so rüber, als würde es genau so passen und nicht anders. Der Fantasyrahmen des Romans besteht vorrangig in den magischen Gaben der Hochlandbewohner, deren Mystik sehr realistisch wirkt, wie in einer anderen Rezension hier schon erwähnt gibt es einen Hang zum Schamanistischen. Zweitrangig ist diese fiktive Welt selbst als fantastisches Element zu sehen, und hier vor allem die Religion und die Legenden, die Literatur der Tieflandbewohner, die nebenbei immer wieder nur als Andeutung einfliesst, die aber doch das für mich schönste Stilmittel des Buches ausmacht. Die Autorin baut traumhafte, anmutige Märchen in eine Geschichte aus Geschichten ein. Ihre Märchen beginnen mit "Damals, als Cumbelo König war...", sie reichen von einer kranken Wittwe mit vier Töchter, die nur das Wasser aus der Quelle des Meeres heilen kann, bis zum Märchen vom Aschenprinz. Und diese Geschichten fliessend nicht als Gegenstände, sondern als direkt von den Personen der Handlung erzählte Geschichten ein. Das Geschichtenerzählen ist die eigentliche Welt der Hauptperson, des jungen Orrec, und nicht seine besondere Gabe, mit der er hadert.
Da der Autorin diese Verehrung des Geschichtenerzählens so wunderbar gelungen ist, treten die Fantasyelemente im Kern der Geschichte weit in den Hintergrund. Ich habe von Ursula K. LeGuin schon Bücher gelesen, die als literarisch so wertvoll gesehen werden könnten, dass es mir fast in der Seele wehtut sie in der klischeebehafteten Fantasyecke zu finden, und die Wilde Gabe ist ein absolut typisches Beispiel dafür.
Allein ihre Art Natur und Tiere in ihre Geschichten einzubinden liebe ich über alles, und auch dabei ist sie hier in ihrem neuen Roman wieder in Höchstform. In diesem Bereich können ihr sogar manch grosse Literaten nicht das Wasser reichen, sie beschreibt vom Ameisenhaufen bis zu den höchsten Berggipfeln und Baumwipfeln alles mit einer Grazie, die zum Träumen einlädt.
Einmal mehr ein Buch, an dass ich sehr hohe Erwartungen hatte, die sogar übertroffen wurden. Eine Fortsetzung finde ich wäre allerdings nicht nötig, denn das Ende der Geschichte ist zwar unerwartet, doch in sich schlüssig und trotz allem wunderschön.
Und einmal mehr ein Buch, das eine unbeachtete Perle auf dem unüberschaubaren Büchermarkt dastellt, vielleicht sogar ein verkanntes Meisterwerk.