Ruiz ist ein rastloser Zuvielfilmer mit viel bröckligem Mumpitz in seiner Werkeliste, doch dieser Versuch einer Umsetzung des letzten Bandes von Prousts Maximalwerk ist größtenteils gelungen - wenn auch zuweilen etwas langweilig, aber das macht gar nichts. Zwar halte ich John Malkovich für fehlbesetzt, wie es in "Eine Liebe von Swann" auch schon Alain Delon war (wäre Helmut Berger nicht ideal gewesen?), aber dafür haben wir Deneuve und Beart, die machen vieles wieder wett. Den Geist des Buches, wenn auch nicht dessen philosophischen Gehalt, konnte Ruiz ins Filmische hinüber retten. Die Figur des Marcel bleibt nur skizzenhaft, doch die kultivierten, gewitzten, boshaften Dialoge (mögen sie auch nicht das Format eines Oscar Wilde haben), die Räume und Häuser, das Licht und das Meer - hier wurde tatsächlich mit großem Gespür und mit viel Liebe zum Detail und zum großen Ganzen gearbeitet, obwohl vieles auf der Strecke bleiben muss. Doch wer hätte erwartet, dass Ruiz Seite für Seite in Szene setzt? Dann wäre es wohl ein Mehrteiler geworden. Eine formal außergewöhnliche, zum Lachen reizende Idee, die ich kontextuell gar nicht so recht einordnen kann, sind die Möbelstücke, die wie von Geisterhand auf einer Geraden verschoben werden, als sei dies alles eine Pappkulisse, sogar ganze Stuhlreihen bewegen sich nach links und rechts. Sind das die Gegenstände, die Marcel im Kopf hin- und herschiebt, arrangiert und neu ordnet, wie die Erinnerungsstücke, die er niederschreibt, verbindet und ausfeilt? Oder ist das alles nur Komödie? Hinreißend ist die Idee, einige Emporkömmlinge der Salongesellschaft, die vollends versnobt sind, in einem affektierten, unsinnigen Hochsprech nuscheln zu lassen. Für Zuschauer mit Hang zum Kostümfilm, zu ornamentalen Kulissen und austenhafter Liebe in besserer Gesellschaft mit nassem Hemd und Schmachten auf dem Pferd ist "Die wiedergefundene Zeit" ungeeignet. Obwohl mir "Les Destinees Sentimentales" überhaupt nicht behagt, hätte ich noch lieber eine Fassung von Olivier Assayas gesehen. Oder von Rivette. Der hätte daraus einen 11-Stunden-Film gemacht.