INHALT: "La rosa blanca", die Weiße Rose, ist eine Hazienda im Mexiko der 1920er, auf der die Besitzer und Arbeiterfamilien seit Generationen in großer Eintracht und Idylle leben. Das Leben als Selbstversorger ist einfach, aber glücklich. Doch dann wird auf dem Gebiet Öl entdeckt und eine große amerikanische Ölfirma setzt alles in Bewegung, um das Land zu erwerben, was schließlich mit kriminellen Mitteln und sogar einem Mord auch gelingt. Die Plantagen werden umgegraben, und die Arbeiter finden als Angestellte der Ölfirma ein neues Auskommen.
AUTOR: Das Buch ist ein Klassiker aus dem Jahr 1929 von B.Traven, dem Pseudonym eines recht geheimnisvollen deutschen Autors, der selbst lange in Mexiko gelebt hat und eine Reihe sozialkritischer Romane schrieb, darunter das bekannte "
Totenschiff" und "
Der Schatz der Sierra Madre".
KRITIK: Der Stil ist sauber, das Deutsch so gewählt und schön, wie es leider heute nur noch selten zu finden ist. Traven hat die Charakterprofile sehr fein ausgearbeitet und geht tief auf die Psychologie der Beteiligten ein. Er setzt besonders die Liebenswürdigkeit, aber auch Naivität der einfachen Bauern in Kontrast zur Bigotterie und Rücksichtslosigkeit des Öl-Vorstands.
Der Roman ist allein von daher lesenswert. Richtig interessant wird er durch seine grundlegende Kritik am Kapitalismus und der Globalisierung: Der Verlust des Besitzes und damit der Unabhängigkeit. Auf den ersten Blick scheint sich die Situation am Ende für alle Beteiligten zumindest finanziell verbessert zu haben: der Eigentümerfamilie geht es zwar schlechter, doch die Ölfirma verdient nun gut mit dem Öl, und die Arbeiter haben höhere Einkommen und einen besseren Lebensstandard als je zuvor. Was die Arbeiter nicht realisieren, ist der Verlust des Landes als größter Bilanzposten ihrer Farm. Während ihre Familien über Generationen autark und frei von diesem Land gelebt haben und in ein sicheres Sozialgefüge eingebunden waren, sind sie nun abhängig vom Arbeitsangebot und den Löhnen der Ölgesellschaft - eine Situation, die sich jederzeit gegen sie wenden kann. Die Ölquellen sind nur eine Einnahmequelle für wenige Jahrzehnte, was danach kommt, ist ungewiss. Die Millionengewinne aus den Ölverkäufen werden - typisch für die Globalisierung - in das Ausland transferiert, eine lokale soziale Verpflichtung, wie sie die alte Eigentümerfamilie verspürte, ist nicht mehr existent. Sobald das Öl ausgebeutet ist, wird ein Stück abgeholzte Wüste übrig bleiben und eine schlimmere Armut herrschen als je zuvor.
Es ist geradezu ernüchternd, wie selbstverständlich Traven die Entwicklungen beschreibt, alle Teilnehmer verhalten sich erwartungsgemäß nach den Regeln unserer heutigen Welt, und das Drama nimmt konsequent seinen Lauf. Der Öl-Vorstand steht für das Denken vieler CEOs, die moralische und soziale Werte gegen Gewinnerwartungen relativieren, ansonsten wären sie nicht in ihrer Position. Das Schicksal der "Weißen Rose" kann mit dem der meisten indogenen Völker und ganzer Staaten verglichen werden. Viele heute hoch verschuldete Dritte Welt-Länder waren vor ihrem Ausverkauf für Jahrtausende sich selbst versorgende, stabile Naturparadiese. Ähnlich ist es mit der deutschen Infrastruktur, von den Bürgern erstelltes und bezahltes Volkseigentum, das derzeit zu Taschengeldpreisen an Heuschreckenfonds im Ausland verkauft wird. Zusätzlich zu den Gebühren müssen nun die Profite privater Investoren bezahlt (und erarbeitet) werden, die Kontrolle über grundlegende Dinge wie Trinkwasser, Heizen, Telekommunikation oder die Währung liegt nun im Ausland. Wer die Rechnung nicht zahlen kann, kriegt halt kein Wasser - so ist das Prinzip privater Investoren ohne soziale Verpflichtung. Traven hat die Idylle und Romantik auf der Hazienda sicherlich gezielt überzeichnet, doch dieser Klassiker ist in Zeiten des globalen Raubtierkapitalismus, Ausverkaufs und Ölkriege (leider) brandaktuell.