"Mit diesem Buch will ich die Ereignisse im Sudan durch den Fokus von Emma McCunes Leben beleuchten. Ich möchte den Bürgerkrieg und vor allem das Leiden der mehr als zwei Millionen Sudanesen, die er das Leben gekostet hat, für meine Leser in Europa und Amerika ins Bewusstsein rücken", schreibt Deborah Scroggins in der Vorbemerkung ihres Buches "Die weiße Kriegerin".
Jener weißen Kriegerin, der jungen Britin Emma McCune, begegnete die Autorin, als sie 1990 für eine amerikanische Zeitung aus dem Sudan berichtete. Doch während die Reporterin bald in ihre Heimat zurückkehrte, verliebte sich die 25-jährige Entwicklungshelferin Emma McCune in den sudanesischen Warlord Riek Machar, heiratete ihn und machte den Sudan zu ihrer neuen Heimat. Wie aber sieht diese neue Heimat aus? Wie lebt man in einem Land, in dem Gewalt und Vertreibung ebenso alltäglich sind, wie Hunger und Elend in den Flüchtlingslagern?
Deborah Scroggins begibt sich auf die Spuren von Emma McCunes Leben, spricht mit Verwandten, Freunden, Kollegen und skizziert die Lebensgeschichte dieser streitbaren Frau vor dem Hintergrund der ethnischen und politischen Konflikte im Sudan. Fernab romantischer Klischees beschreibt die Autorin den abenteuerlichen und leidgeprägten Alltag Emma McCunes und gewährt ihren Lesern dabei Einblick in die ernüchternde Realität der Entwicklungshilfe: "Wenn man im Fernsehen Bilder der hungernden Menschen in den Krisenregionen Afrikas sieht, entsteht oft der Eindruck von riesigen Krankenlagern im Sand, in denen heroische Helfer Nahrung an ausgemergelte Kinder verteilen. Was diese Bilder ausblenden, ist jene irrsinnige Stimmung in den Camps, die sich im Kern auf die Frage reduziert, wer etwas zu essen bekommt und wer nicht. Die Helfer würden diese Tatsache stets gern unter den Tisch kehren und die Männer mit den Waffen, die es in diesen Lagern immer gibt, dazu bringen, wenigstens so zu tun, als ließen sie selbstverständlich den Frauen und Kindern den Vortritt. Doch letztlich essen die Stärksten immer zuerst. Daher müssen sich die Helfer meist die Frage stellen, was das größere Übel ist - die Soldaten mit durchzufüttern oder alle anderen verhungern zu lassen".
Auf wessen Seite stand Emma McCune? Auf der Seite der Flüchtlinge oder der ihres Warlord-Ehemannes? Diese und noch weitreichendere Fragen, beispielsweise nach Sinn und Gestaltung von Entwicklungshilfe, wirft Deborah Scroggins exemplarisch am Leben Emma McCunes auf. Dabei gelingt es der Autorin, die Ambivalenz von Person und Umfeld der weißen Kriegerin in das Bewusstsein ihrer Leser zu rücken und ihnen ein Urteil selbst zu überlassen.
Wer vom Buch nichts als eine spannende Biografie erwartet, wird enttäuscht werden. "Die weiße Kriegerin", aus dem Englischen übersetzt von Katja Klier, bietet weit mehr als die Lebensgeschichte einer abenteuerhungrigen Britin. Der Bürgerkrieg im Sudan steht mit allen möglichen Intrigen und Verstrickungen in ganz Zentralafrika in Zusammenhang. Einige wesentliche Zusammenhänge weiß die Autorin kenntnisreich darzustellen, wie zum Beispiel die Verstrickung Sudans in den somalischen Konflikt, die sudanesischen Verbindungen Osama Bin Ladens und die rücksichtlosen Interessenkämpfe der Ölindustrie um das sudanesische Öl.
Zugegeben, die komplizierten Konflikte unter den Stämmen, die undurchsichtigen politischen Verstrickungen und Spaltungen der Rebellenbewegung im sudanesischen Bürgerkrieg und nicht zuletzt die Grausamkeit des beschriebenen Lebens im Sudan, machen "Die weiße Kriegerin" nicht zu einer leichten Lektüre. Obgleich Fußnoten und eine Auswahlbibliographie im Anhang zusätzliche Informationen und Erklärungen liefern sowie Schwarzweiß-Fotografien in der Buchmitte den Text untermalen, ist die Lektüre anspruchsvoll. Das Buch fordert vom Leser Geduld und Beharrlichkeit, die jedoch mit fortschreitender Seitenzahl durch neue Einsichten in afrikanische und weltpolitische Zusammenhänge belohnt werden.
"Die weiße Kriegerin" ist ein anspruchsvolles und sehr lohnendes Buch!