Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Die weiße Festung von Orhan Pamuk, Ingrid Iren. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wir gingen sofort ans Werk. Der Hodscha besaß jetzt die Entschlußkraft eines Menschen, der sein Ziel klar vor Augen hat. Mir gefiel diese Entschiedenheit, die ich zuvor nie so recht bei ihm wahrgenommen hatte. Da man ihn, wie wir wußten, am nächsten Tag wieder rufen würde, entschieden wir uns fürs Zeitgewinnen. Über eines aber einigten wir uns sogleich, nicht allzuviel mitzuteilen nämlich, doch müßte, was wir mitteilten, sich auch umgehend bewahrheiten. Mit seinem von mir so bewunderten Scharfsinn war der Hodscha sehr schnell zu der Ansicht gelangt: »Weissagen ist Narrheit, doch gut dafür, den Toren zu imponieren!« Er ließ seine Zustimmung erkennen, als ich ihm erklärte, die Pest sei ein Verhängnis, dem man nur mit vorbeugenden Maßnahmen beikommen könne. Gleich mir bestritt auch er nicht den Willen Allahs in dieser Katastrophe, doch war dies nur etwas Mittelbares, weswegen wir Sterblichen ohne Skrupel tätig werden und gegen die Seuche vorgehen konnten, und das würde Allah in seinem Stolz auf keine Weise verletzen. Hatte nicht auch der heilige Omar den Ebu Übeyde von Syrien nach Medina beordert, um dessen Heer vor der Pest zu bewahren? Der Hodscha würde vom Sultan zu dessen eigenem Schutze erbitten, seinen Umgang mit anderen auf ein Mindestmaß zu beschränken. Uns kam sehr wohl der Gedanke, dem Herrscher Furcht vor dem Tod ins Herz zu senken, um ihn zum Verordnen der notwendigen Maßnahmen zu zwingen, doch war dies gefährlich. Man ließ den Padischah nicht zur Genüge allein, so daß es kaum möglich sein würde, ihn mit poetischen Darstellungen vom Sterben in Furcht zu versetzen, und selbst wenn ihn des Hodschas Beredsamkeit bewegen sollte, so gab es noch die stupide Menge um ihn herum, mit welcher er diese Furcht teilen und am Ende wieder besiegen konnte. Zudem vermochten jene ebenso Unverschämten wie Dummen jederzeit den Hodscha des Unglaubens zu bezichtigen. Wir griffen aus diesen Gründen auf meine Kenntnisse der Literatur zurück und erfanden eine Geschichte.
Was dem Hodscha am meisten Sorgen machte, war die Forderung nach einer genauen Voraussage für das Ende der Pestilenz. Ich ahnte, daß wir die tägliche Zahl von Pesttoten beachten mußten, doch machte dies wenig Eindruck auf den Hodscha, als ichs ihm sagte. Er werde, um Zählungen davon zu erhalten, den Padischah um Hilfe bitten, das aber mußte wieder mit einer anderen Geschichte maskiert werden. Ich glaube nicht unbedingt an die Mathematik, doch waren uns die Hände gebunden.
Er machte sich am nächsten Morgen auf den Weg zum Palast, ich ging in die Stadt, mitten hinein in die sich ausbreitende Seuche. Meine Furcht vor der Pest war unverändert groß, doch der Wunsch, den gewaltigen Strom des Lebens, die Geschicke der Welt, wenn auch nur ein klein wenig, mit eigener Hand zu lenken, hatte mir den Kopf verdreht. Es war ein kühler, windiger Sommertag, und während ich zwischen Toten und Sterbenden umherlief, dachte ich, daß mir das Leben seit Jahren nicht mehr so lieb gewesen war. Ich betrat die Höfe der Moscheen, notierte die Zahl der Särge auf einem Zettel, lief dann durch die umliegenden Viertel und suchte nach dem, was meine Beobachtungen und die Zahl der Toten verband. Es war nicht leicht, in all den Häusern, den Menschen, dem Gedränge, der Fröhlichkeit, der Trauer und der Freude einen Sinn zu erkennen. Außerdem gewahrte mein seltsam hungriges Auge nur Teilstücke aus anderer Leute Leben, erfaßte glückliche, ausweglose, gleichgültige Momente, die die in einem Hause beisammenwohnenden Menschen als einander Nahestehende, als Geschwister erlebten.
Gegen Mittag setzte ich, betäubt vom Andrang der Lebenden und der Toten, auf das andere Ufer nach Galata über, ging in die Kaffeehäuser der Werkleute nahe der Werften, rauchte verstohlen eine Pfeife Tabak, und bloß weil ich die Sache verstehen wollte, aß ich in einer Garküche, suchte die Märkte auf und die Geschäfte. Ich wollte jede Einzelheit in mein Gedächtnis eingraben, um aus dem Ganzen ein Ergebnis zu ziehen. Todmüde kam ich nach dem Dunkelwerden heim und hörte mir an, was der Hodscha aus dem Serail zu berichten hatte.
Alles war wie geplant verlaufen. Die von uns erfundene Geschichte hatte den Sultan tief betroffen gemacht. Er war jetzt überzeugt davon, daß die Pest, um die Leute zu überlisten, dem Teufel gleich in Menschengestalt daherkam, und er hatte beschlossen, nicht mehr jedem Fremden Einlaß zum Palast zu gewähren und das Kommen und Gehen streng überwachen zu lassen. Befragt, wann und wie die Plage enden werde, habe er, der Hodscha, so großartige Worte gefunden, daß der Padischah furchtsam bekannt habe, er könne sich den wie trunken in der Stadt umherschweifenden Todesengel leibhaftig vorstellen, auf wen sein Auge falle, den ergreife er bei der Hand und ziehe ihn mit sich fort. Erschrocken hatte der Hodscha sofort korrigiert: Es sei nicht der Todesengel, sondern der Satan, welcher die Menschen zum Sterben verleite, und er sei nicht betrunken, sondern sehr listig. Dann hatte der Hodscha ganz wie geplant zum Ausdruck gebracht, daß man Krieg gegen den Satan führen müsse. Man müsse das Umherschweifen der Pest beobachten, um daraus folgern zu können, wann sie die Stadt freigeben werde. Obwohl manche aus der Umgebung des Sultans vorbrachten, daß man sich mit Maßnahmen gegen die Pest gegen Allah versündige, sei der Herrscher darauf nicht eingegangen. Er habe sodann nach den Tieren gefragt, ob der Teufel seine Falken, Habichte, Löwen und Affen mit der Pest behelligen könne? Gleich habe der Hodscha geantwortet, daß der Teufel zu den Menschen in ihrer Gestalt, zu den Tieren aber in der einer Ratte komme. Worauf der Herrscher befohlen hatte, aus einer weit entfernten, von der Pest verschonten Stadt fünfhundert Katzen bringen zu lassen, und auch, dem Hodscha so viele Leute zur Seite zu stellen, wie er für notwendig hielt.
Die nunmehr unseren Befehlen unterstellten zwölf Männer verteilten wir unverzüglich über ganz Istanbul, ließen sie durch jedes einzelne Viertel gehen, uns die Anzahl der Toten melden und alles, was sie sonst noch beobachten konnten. Eine Karte von Istanbul, die ich, sie nach anderen Büchern korrigierend, skizziert hatte, lag ausgebreitet auf unserem Tisch. Voll Angst und Wonne verzeichneten wir in den Nächten die Umtriebe der Pest und überlegten uns, was wir dem Sultan berichten sollten.
Anfangs war unsere Hoffnung gering. Nicht wie ein schlauer Teufel spazierte die Pest durch die Stadt, sondern wie ein zielloser Vagabund. Heute holte sie vierzig Seelen in Aksaray, ließ wieder ab von dort und suchte morgen Fatih auf, um gleich anschließend auf dem gegenüberliegenden Ufer in Tophane und Cihangir zu erscheinen, und am nächsten Tag stellte sich heraus, sie hatte dort kaum einen Fuß hingesetzt, war nach Zeyrek gezogen, war eingedrungen in unser aufs Goldene Horn hinabschauende Viertel und hatte zwanzig Leben genommen. Auch aus der Anzahl der Toten ließ sich nichts schließen, fünfhundert Menschen starben an dem einen, hundert am nächsten Tag. Viel Zeit war schon verflossen, als wir endlich begriffen, daß man dort suchen mußte, wo die Plage ihr Opfer zuerst angefallen und infiziert hatte, und nicht da, wo sie es schließlich umbrachte. Wieder ließ der Padischah nach dem Hodscha rufen. Wir entschieden nach einigem Hin und Her, dem Herrscher vorzutragen, daß die Pest im Basargedränge umherstreife, auf den Märkten, wo die Leute einander betrogen, in den Kaffeehäusern, wo sie dicht beisammensaßen und tratschten. Damit ging der Hodscha fort und war abends zurück.
»Was kann man tun?« hatte der Padischah den Hodscha gefragt, der darauf erklärte, daß für Basare, Märkte, die ganze Stadt alles Kommen und Gehen wo nötig mit Stockhieben beschränkt werden müsse. Das neunmalkluge Gefolge des Sultans war natürlich sofort dagegen gewesen: Wie könne die Stadt mit Nahrung versorgt werden, das Leben stehe still, wenn der Handel zum Stillstand komme, wer hören würde, daß die Pest in Menschengestalt umherschweife, könne in Panik geraten, man würde meinen, der Jüngste Tag sei gekommen, und manche würden die Zügel ganz und gar schießenlassen, außerdem wolle niemand in einem Viertel eingesperrt sein, wo der Pestteufel umgehe, es werde zum Aufstand kommen. »Sie hatten recht!« sagte der Hodscha. Als dann aber ein Dummkopf fragte, woher man denn so viele Leute nehmen wolle, um das Volk dermaßen streng überwachen zu können, sei der Sultan höchst ärgerlich geworden und habe gedroht, jeden zu bestrafen, der an seiner Macht zweifle. In seinem Zorn habe er auch befohlen, des Hodschas Weisungen auszuführen, obwohl er dabei nicht versäumt habe, den Rat seiner Umgebung einzuholen. Der oberste Sterndeuter Sitki Efendi habe voll tödlichem Haß auf den Hodscha daran erinnert, daß von diesem noch immer keine genaue Voraussage für das Ende der Pest gemacht worden sei. Aus Furcht, der Sultan könne dem beistimmen, hatte der Hodscha versprochen, einen Kalender bei der nächsten Audienz vorzulegen.
Die Karte auf dem Tisch war von uns mit Zahlen und Zeichen gefüllt worden, doch ließ sich in den Wanderungen der Plage durch die Stadt durchaus nichts Logisches erkennen. Der Padischah hatte inzwischen die Restriktionen angeordnet, und sie wurden schon mehr als drei Tage angewandt. Janitscharen sperrten die Zugänge zu den Basaren, den großen Straßen und den Bootsstegen, sie heischten Auskunft nach dem Woher und Wohin: »Wer bist du? Wohin gehst du? Warum?« hatten sie jeden zu fragen begonnen. Sie schickten Reisende und Müßiggänger, damit die Pest sie nicht treffe, verwirrt und eingeschüchtert nach Hause zurück. Als wir vernahmen, das pulsierende Leben sei schwächer geworden im Großen Basar und in Unkapani, da waren die Toten des letzten Monats gezählt, verzeichnet, die Papiere an die Wand geheftet, und wir standen brütend davor. Wir würden wohl, sinnierte der Hodscha, vergeblich darauf warten, daß die Pest sich logisch verhalte, und wir müßten uns etwas ausdenken, um den Padischah hinzuhalten und unseren Kopf retten zu können.
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