Wenn es ginge, würde ich zweieinhalb Sterne geben, denn mein Urteil fällt sehr zwiespältig aus. Es hängt stark davon ab, mit welcher Leseerwartung man an dieses Buch geht.
Wer einen historischen Roman im heute gängigen Format erwartet, wozu einen die ersten Seiten durchaus ermutigen, wird mit fortschreitendem Verlauf wahrscheinlich enttäuscht. Ort und Zeit des Geschehens lassen sich zwar schnell lokalisieren, aber spätestens nach einem Viertel des Umfangs kommt die Handlung arg ins Stocken, reduziert sich fast ganz auf die Innensicht einer symbioseartigen Master-Slave-Beziehung zwischen den zwei Hauptpersonen und erst gegen Ende kommt noch einmal ein wenig Bewegung in die Sache. Wer es bis dahin nicht durchhält und das Buch irgendwo zwischen Seite 50 und 150 beiseite legen will, sollte es vielleicht wirklich tun.
Weiterlesen lohnt sich möglicherweise nur noch für diejenigen mit einem abstrakteren, im weitesten Sinne philosophischen Interesse, denn es geht zunehmend um die Frage nach der Identität; Aspekte wie Doppelgänger, alter ego und Rollentausch treten in den Focus. Immer weniger weiß die Umwelt die beiden Protagonisten zu unterscheiden, möglicherweise wissen sie am Ende selbst nicht mehr, wer von beiden sie sind... Und wenn man sich dann noch der Deutung anzuschließen vermag, dass die Erzählung vielleicht eine Parabel über Islam und Christentum sein will: zwei Partner, die sich immer ähnlicher werden, je mehr sie voneinander wissen und miteinander teilen, dann könnte man das Ganze als einen Beitrag zu interkulturellen Dialog begrüßen und drei Sterne geben. Wenn aber nicht, dann hätte Pamuk schlechte Karten und nur zwei verdient...