In erster Linie handelt dieses Buch natürlich vom aufregenden Leben des Ingenieurs Josef Ganz und der Entwicklung des Volkswagen-Käfers. Aber das Vorwort macht deutlich, dass der niederländische Diplomingenieur Paul Schilperoord einige Persönlichkeitseigenschaften mit dem von der Geschichte vergessenen Josef Ganz teilt. Denn ohne das innere Feuer und die außerordentliche Hartnäckigkeit des 1977 geborenen Autors wäre aus unzähligen Puzzlesteinen nie ein so spannendes Buch entstanden. Als ich seinen Verfasser an der Vernissage im Verkehrshaus der Schweiz kennenlernte, war ich fasziniert, wie nüchtern er über die vielen Hindernisse berichtete, die er im Laufe seiner jahrelangen Recherchierarbeit überwinden musste. Denn vom VW-Betriebsarchiv erhielt er kaum Unterstützung. Und selbst nach dem Erscheinen seines Buches hatte man den niederländischen Diplomingenieur, Maschinenbauer und Produktedesigner nicht nach Wolfsburg eingeladen. Es scheint ganz so, als wolle man die wichtige Rolle von Josef Ganz bei der Entwicklung des Volkswagens nicht zur Kenntnis nehmen.
Da ein Mythos seine Kraft auch aus dem bezieht, was er verschweigt, ist das Stillschweigen rund um den begnadeten deutschen Automobilingenieur nachvollziehbar. Wenn es denn tatsächlich so ist, dass ausgerechnet ein Jude zu den geistigen Vätern von Hitlers Volkswagen-Idee gehörte, dann werden lieb gewonnene Bilder zerstört. Auch wenn vieles dafür spricht, dass Paul Schilperoord recht hat, muss kann das noch nicht die ganze Wahrheit sein. Denn Diskussionen mit anderen Fachleuten an der Buchvernissage zeigten mir, dass die Quellenlage ebenso schwierig wie verworren ist. Kommt hinzu, dass es auch der Zeitgeist ist, der Ideen kreiert.
Während auf Wikipedia nur wenig über Josef Ganz nachzulesen ist, wartet Paul Schilperoord mit 300 Seiten auf, von denen allerdings viel Platz für das ausgezeichnete und oft überraschende Bildmaterial weggeht. Nach dem Vorwort, den Verdankungen und dem Prolog wird der Leser ins 19. Jahrhundert entführt, in dem Dr. Hugo Markus Ganz seit 1888 als Auslandkorrespondent in Budapest tätig war und sich zehn Jahre später über die Geburt seines Sohnes Josef freute. Im Rückblick war Josef Ganz allerdings froh, dass er und seine Schwester Margit in Wien, dem damaligen kulturellen und intellektuellen Zentrum Europas aufwachsen durften.
Weil Paul Schilperoord die vielen Puzzlesteine seiner jahrelangen Recherchen nicht einfach auf dem Tisch ausbreitet, sondern als durchkomponierte Geschichte präsentiert, macht die Lektüre Spaß. Der Leser wird an den Geburtsort der Automobiltechnik mitgenommen, erlebt Weihnachten in Wien, Ausschnitte aus dem ersten Weltkrieg, die goldenen Zwanzigerjahre und erste Autorennen. Und wer überhaupt keine Ahnung hat, wie ein Motor funktioniert, erfährt auf spielerische Weise, wie eine neue Generation von Antriebsgeräte entstand.
Das Kapitel "Der Käfer wird geboren" beginnt ab Seite 64 und zeigt erste Testfahrten mit dem Benz-Tropfenwagen und den von Josef Ganz und Ardie gebauten Volkswagen. Wie und warum der Käfer dann sabotiert wurde erfahren wir im nächsten Kapitel, nach dem es mit Intrigen in Paris weitergeht. Mit dem kleinen "Maikäfer" gelang Josef Ganz in den 1930iger-Jahren ein Konzept, das die deutsche Automobilindustrie in den Bann zog. Unabhängige Radaufhängung, Pendelachsen, Rückgratchassis, niedriger Schwerpunkt und Heckmotor interessierten schließlich auch BMW. Und der AM1 kam dem angestrebten Volkswagen schon sehr nahe. Ein Kapitel ist der IAMA 1933 gewidmet, an der Hitler die Eröffnungsrede hielt und Ganz für seine Innovationskraft gratulierte. Zwei Monate später klopfte dann die Gestapo an dir Tür des jüdischen Konstrukteurs und klage Josef Ganz und Frank Arnau wegen Erpressung an. Weitere Kapitelüberschriften lauten: Volkswagen auf die Autobahnen - Hitler skizziert den Käfer - Hotel Kaiserhof, Berlin 1934 - Nacht der langen Messer - Der Schweizer Volkswagen - Zuflucht in Australien. Man sieht also, das auch die weitere Lektüre Spannung verspricht und den Leser in kulturellen, technische und politische Umfelder führt, von denen er bestimmt nicht so viel weiß, wie ihm der Autor mitteilen wird.
Mein Fazit: Ob Paul Schilperoord wirklich die Wahrheit über den VW-Käfer ans Licht bringt, kann ich als Automobiltechnik-Laie auch nach der Lektüre nicht beurteilen. Sicher ist nur, dass es Paul Schilperoord gelungen ist, aus unzähligen Informationen eine Geschichte zu spinnen, die mir stimmig scheint und spannend zu lesen ist. Kommt hinzu, dass ich kein Buch über diese Zeit und die Entwicklung eines Volkswagens kenne, das mit so interessantem Bildmaterial aufwartet.