Zu Büchern wie dieses werde ich wohl immer ein gespaltenes Verhältnis haben. Denn einerseits erliege ich ebenfalls der Faszination einfacher Typisierungen, andererseits stossen mir allzu saloppe Verkürzungen auf. Wenn der Klappentexter die Autorin als eine der weltweit bekanntesten Expertinnen zum Thema Liebe bezeichnet, suggeriert er damit elegant, "bekannt" und "anerkannt" würden sich in der Bedeutung nur unwesentlich unterscheiden. Aber anerkannte Neurowissenschaftler sind bei der Einteilung von Menschen in verschiedenen Persönlichkeitstypen doch zurückhaltender als Helen Fisher. Jedenfalls würden sie kaum schreiben, dass sich Dopamin den Entdeckern, Serotonin den Gründern, Testosteron den Wegbereitern und Östrogen den Diplomaten zuordnen lässt.
Die an der Rutgers University lehrende Anthropologin wurde eines Tages angefragt, ob sie als wissenschaftliche Beraterin eines grossen Dating-Unternehmen tätig sein wolle. Und wahrscheinlich nahm sie die Einladung nicht nur wegen des Honorars an, sondern fühlte sich auch magisch von der grossen Datenbank angezogen. Denn so leicht kommt ein Wissenschaftler nicht dazu, 40'000 Teilnehmer zu befragen, um seine eigenen Theorien zu überprüfen. Aber ich bin gespannt, wie Fachkollegen die angekündigten wissenschaftlichen Aufsätze beurteilen, in denen Helen Fisher ihre Studien detailliert vorstellen will. Vorderhand muss der Leser einfach glauben, dass das Setting und die Auswertungen den Anforderungen empirischen Forschung genügen. Und wahrscheinlich wird Helen Fisher in ihren Aufsätzen auf Formulierungen wie "ohne jeden Zweifel" verzichten.
Obwohl oder gerade weil die Beweisführung ihrer Thesen populärwissenschaftlichen Charakter haben, ist die Lektüre faszinierend, wozu natürlich auch der Test im zweiten Kapitel beiträgt. Wer zu den 52 Aussagen über die eigene Persönlichkeit Stellung bezieht, kann danach einfach auswerten, ob er eher zu den Entdeckern, Gründern, Wegbereitern oder Diplomaten gehört. Aber wenn Helen Fisher sich schon gerne auf die Neurowissenschaften beruft, hätte sie ihre Leser vor Testbeginn zumindest darauf aufmerksam machen müssen, wie stark Selbst- und Fremdeinschätzung bei bestimmten Themen auseinanderklaffen und welche Methoden es gibt, die Fehlerquote wenigstens teilweise einzuschränken. Aber ich stimme der Autorin zu, dass solche Tests Anhaltspunkte zum eigenen Persönlichkeitstyp geben können, falls man beim Ausfüllen nicht allzu sehr an seine Karriere, den Chef oder Wunschpartner denkt. In meinem Fall hielten sich die Korrekturen in engen Grenzen, als ich meine eigene Einschätzung mit denen verglich, die andere von mir machten.
Wer seinen Persönlichkeitstyp weiss, kann nach einem Übergangskapitel, in dem die Typenlehre historisch verteidigt wird, erfahren, zu welchen Verhaltensmustern sein Typ neigt. Den meisten Lesern wird es allerdings schwer fallen, sich der selektiven Wahrnehmung entziehen zu können. Und viele werden es wahrscheinlich so handhaben, dass sie zuerst im Anhang nachschauen, welcher Typ am besten zu ihrem Typ passt. Weil die Autorin sicher nichts dagegen hätte und ein solches Vorgreifen die Lektüre des Buches spannender macht, möchte ich dies sogar empfehlen.
Mein Fazit: Wie weit die Forschungsarbeiten der Autorin auch wissenschaftlichen Kriterien genügen, wird sich zeigen, wenn sie in detaillierterer Form in Fachpublikationen erscheinen. Immerhin kann Helen Fisher dank ihrer Beratungstätigkeit für ein Dating-Unternehmen auf so viele Daten zurückgreifen, dass ihre Hauptaussagen wahrscheinlich zutreffen. Jedenfalls hat mich die Lektüre ihres Buches sehr viel mehr überzeugt als Werke von Autoren, die vorwiegend ihrer eigenen Beobachtungsgabe vertrauen oder ihr ideologisches Menschenbild mit angelesenen Versatzstücken aus den Neurowissenschaften legitimieren wollen.