Sándor Márai (*1900 in der heutigen Slowakei, dem damaligen Österreich-Ungarn, gest. durch Freitod 1989 in San Diego, USA) war ein bedeutender ungarischer Schriftsteller. Er hat zahlreiche Werke ins Ungarische übersetzt (Trakl, Kafka). Márai musste ab 1948 ins Exil, bereiste daraufhin viele Länder (Italien, Naher Osten z.B.) und übersiedelte bald nach Amerika. Er war 62 Jahre mit Ilona Matzner, genannt Lola, verheiratet. Leider verstarb sie 1986 an einem Krebsleiden. Sein einziges Kind verstarb bereits mit 6 Wochen und kurz vor ihm verstarb auch sein Adoptivsohn Janos. Sein Freitod hängt höchstwahrscheinlich mit diesen Ereignissen zusammen.
Zwei bekannte Romane von Sándor Márai habe ich gelesen: "Die Glut" und "Wandlungen einer Ehe". Beide Romane sowie dieses in einer Art Tagebuch verfasste Buch "Die vier Jahreszeiten" bestechen durch die ausdrucksstarke Sprache. Márai schreibt poetisch. Er evoziert im Leser sehr oft Bilder herauf, die an gemalten Landschaften aus Pastellfarben mit stark nuancierten Farbtönen erinnern. Diese Bilder, die in ihrer Bedeutung sehr an Metaphern erinnern, schafft er alleine mit seiner Sprache.
"Die vier Jahreszeiten" (1937 geschrieben) teilt er in 12 Monate ein. Jeder Monat wird von ihm als etwas Besonderes beschrieben. Jeder Monat ist für ihn mit bestimmten Vorstellungen und Gefühlen, die sich aus seiner persönlichen Vergangenheit ergeben, verbunden. Jedem Monat folgen kurze Tagebucheintragungen zu den unterschiedlichsten Themen. Ob es sich um Städte, um philosophische Betrachtungen, um Erfahrungen und um ihm bekannte Dichter handelt, er schreibt nieder, was er darüber denkt, sehr persönlich, in wunderbare, bilderreiche Sätze.
Themen, die immer wiederkehren sind: der Tod, der Mensch, Sünden, Schwächen, Schreiben und Dichter.
Insgesamt ein kostbares Schätzchen in meiner Bibliothek.
Hier einige Kostproben:
Es liegt etwas in der Luft; als ob die Welt sich schmollend zieren würde. Ein einziges gutes Wort genügt, und sie fällt dir um den Hals.
Goethe hatte Zeit. Es gibt Menschen, die mit der Stoppuhr in der Hand leben, immerfort auf irgendwelche Ziele zuhasten und die Sekunden zählen. Andere leben wie heranwachsende Bäume, ganz langsam und beharrlich, sie wissen, dass sie noch viel, sehr viel Zeit haben, Jahrzehnte. Viele in meinem Alter wissen schon, dass die eigentliche Zeit ihres Lebens bereits abgespult, dass der Mechanismus im Auslaufen ist. In diesem Alter, um die vierzig, wusste Goethe, dass sich Eile nicht lohnt, dass er noch viel Zeit hat, fast ein halbes Jahrhundert. Ein phänomenales Bewusstsein, das unaufhörlich in uns tickt, die Jahre schlägt, uns daran erinnert, wie viel Zeit uns noch bleibt. Goethe und Tolstoi legten ihr Leben auf achtzig Jahre an. Shakespeare hatte es schon eiliger: Er schrieb in zwanzig Jahren alles nieder, weil er wusste, dass er mit fünfzig aufhören muss. Wir tragen irgendeinen Maßstab in uns, haben ein Bewusstsein gegenüber dem Leben und dem Tod. Hetzen umher, reden über ganz andere Dinge, und doch wissen wir Bescheid.
Und doch ist in dem Ganzen irgendeine geheimnisvolle, unerklärliche Balance. Manchmal glaubst du fast, du kippst, mit solcher Kraft schleudert es dich hoch und lässt dich in die Tiefe fallen - und dieses tödliche Schwingen ist dennoch gewollt, wundervolle Gesetze schützen dich, du bist lebendes Schaubild einer geometrischen Formel ... Eine Schaukel. Irgendetwas sichert, hält das ganze.
Hannibal hat diese Sterne schon gesehen, auch Moses, Christus und Abraham haben sie gesehen, und Napoleon bestaunte unter den Pyramiden bereits dasselbe Firmament. Die Welt ist stabil! - dachte ich erleichtert. Der Stern, unter dem wir geboren sind und sterben werden, verändert sich nicht!
Genie kann kindlich sein, wenn es dichtet; und es ist groß, wenn es nachdenkt.
Der Augenblick, da ich vom Berg herabstieg und die Welt sich mit leichtem, süßem und schuldlosem Glücksgefühl erfüllt hat. Der Augenblick, da ich erwachte, Ende Oktober, frühmorgens, und merkte, dass ich für etwas reif geworden war. Fürs Leben oder für den Tod; und zwischen den zwei Möglichkeiten gar keinen aufregenden Unterschied empfand. Der Augenblick, da der Körper in der erquickenden Flut eines Lebensgefühls seinen Sinn verliert, und der Augenblick, da der Körper seinen unheimlichen Sinn zurückerlangt im Abenteuer der Liebe und des Todes in seiner schicksalhaften Bedeutung. Der Augenblick, da in einem düsteren Saal oder hinter einem halb geschlossenen Fenster, bei regnerischem Wetter die Musik erklingt. Der Augenblick, da du das Schicksal fühlst. Der Augenblick, da du stärker bist als das Schicksal.
Der Augenblick, dieser Kurzschluss im Stromkreis der Zeit. Der Augenblick, diese unendlich verdichtete Zeitspanne, dieses konzentrierte Schicksal.
Ein Mensch stirbt nicht am zwanzigsten April, sondern an einem Tag, der nur ihm allein gehört, und er ist auch nicht mittwochs glücklich, sondern in einem der Zeit entrissenen Augenblick, der noch nie war und nie mehr sein wird, er hat keine Rangfolge und keinen Namen. Man müsste ein wenig so leben wie in der Steinzeit: ohne Kalender, nur in der Zeit, zwischen Leben und Tod.
Bestimmte Wörter wecken eigenartige Erinnerungen, die nichts mit dem eigentlichen Sinn des Wortes zu tun haben. Wörter bedeuten auch noch etwas anderes, als das Wörterbuch lehrt.
Möchtest du stark sein? So bleibe gelassen, aufmerksam und demütig.
Die größte Überraschung des Mannesalters besteht darin, dass die Wirklichkeit viel interessanter ist, als wir sie uns im Nebel jugendlicher Fieberträume vorgestellt haben.
Inzwischen habe ich aber gelernt, dass man Liebe nicht bekommen kann, man muss sie immer nur geben, so ist sie zu handhaben.
Solange wir leben, sind wir um einen Punkt weniger wert. Denn wir haben etwas Unvollkommenes, etwas Flüchtiges und auch irgendwie nicht ernst zu Nehmendes in uns. Offenbar, weil wir Menschen sind. Das macht dieses Minus in uns aus. Doch sobald wir gestorben sind, werden wir um ein paar Punkte wertvoller, sogleich stellt sich heraus, dass wir etwas Hehres, etwas Einmaliges und Unersetzliches hatten. Offenbar, weil wir Menschen waren.