So muss eine Biographie sein! Ich griff zu diesem wunderbaren Buch von Bernadette Conrad, weil ich vor kurzem den Erzählband "Die Zigarette und andere Stories" von Paula Fox gelesen hatte und durch ihre wunderschönen Kurzgeschichten, Erzählungen und Essays erst auf diese Autorin aufmerksam wurde. Nachdem ich nun dieses biographische Werk Conrads gelesen habe, weiß ich gar nicht, welches Buch dieser grandiosen Schriftstellerin, die Paula Fox schlicht und ergreifend ist, ich zuerst lesen soll.
Conrads Vorgehen ist für mich von ganz besonderer Güte. Anstatt einfach nur aus dem Leben Paula Fox' zu berichten, ein bisschen den Wortlaut diverser Interviews wiederzugeben und aus ihren Büchern zu zitieren, wählt sie eine andere Lösung. Zwar gibt es in "Die vielen Leben der Paula Fox" von all dem eben aufgezählten auch eine Menge zu lesen, aber das allein reichte Bernadette Conrad nicht. Stattdessen erzählt sie, teilweise auch in der Ich-Form und in einer Sprache, die manches Mal auch schon etwas Poetisches besitzt, von ihren Reisen, in denen sie die Schauplätze, die im Leben der Autorin eine große Rolle spielte, selbst besuchte und zu erfahren und zu erspüren versuchte, was Paula Fox dort erlebt hatte. Dazu suchte sie frühere Wohnadressen und Urlaubsdomizile auf, von der Kindheit bis heute, von New Orleans, quer durch Amerika und sogar bis Italien. Sie besuchte alte Freunde der Autorin und bat um ein Bild Paula Fox' durch deren Augen. Ebenso lernte sie die Söhne und die Tochter Paula Fox' kennen und führte Gespräche mit Schriftstellerkollegen. So entstand ein vielschichtiges Bild dieser großartigen Autorin, deren Leben von Anfang an kompliziert, holprig und emotional verstörend war. Als Kind von den eigenen Eltern in ein Findelhaus gegeben, wurde sie ihre komplette Kindheit eigentlich nur hin- und hergereicht, weil ihre Eltern sie zwar nicht wollten, sie aber auch nie ganz loslassen konnten. So verweigerten sie dem Pfarrer, der die kleine Paula die ersten Jahre bei sich aufnahm, und der der einzige Mensch war, der das Kind bedingungslos liebte und dem die Kleine vertraute, die Adoption. Mit 17 heiratete sie dann das erste Mal, wurde mit 20 schwanger, als ihre Ehe schon längst nicht mehr bestand, und gab ihre Tochter weg, was sie ihr Leben lang bereuen sollte. Und so ging ihr Leben weiter, sie blieb eine Wandernde und fand erst spät einen Halt im Leben.
Sie schrieb mehrere Romane und einige Jugendbücher, für die sie auch mehrfach ausgezeichnet wurde, doch so richtig bekannt wurde sie nie. Ihre Werke erlebten Anfang der 90er Jahre zwar eine kurze Renaissance, als Jonathan Franzen eins ihrer Bücher las und so begeistert war, dass er ein Essay dazu schrieb, aber diese Welle ebbte schnell wieder ab. Einen Grund für ihren erstaunlich niedrigen Bekanntheitsgrad nennt am Ende der Biographie die Autorin Shirley Hazzard, deren Worte ich auch ans Ende dieser Rezension stellen möchte, da sie prägnant zusammenfassen, was Paula Fox ausmacht:
"Wenn ich an Paule denke, muss ich gleich lächeln ... Ich habe immer viel mit ihr gelacht, und das ist umso erstaunlicher, als Paulas Grunderfahrung des Lebens ja eine drastische ist. Sie vereinbart in sich ein paar Dinge, die selten so zusammenkommen; dieser fixe Geist, ihre Lebhaftigkeit und das tiefe Wissen um das Tragische im Leben. Das Einzige, was sie nie konnte, war: sich selbst zu vermarkten. Das ist in sich etwas Tragisches, denn sie ist eine der Großen."