Mit "Ein echt weißer Ritter" wagt Lackey ihren zweiten Ausflug in "Die verzauberten Reiche". Elena, der Heldin des ersten Buches der Reihe, begegnen wir diesmal allerdings nur in einer kleinen Cameo-Sequenz. Für den vorliegenden Roman stellt die Autorin mit Andromeda eine neue Protagonistin ins Zentrum der Handlung. Die ist eine waschechte Prinzessin und lebt auch in einem anderen, mediterraneren Königreich als Elena - ein Reich, das so klein ist, dass es noch nicht einmal eine eigene Gute Fee besitzt! Andromeda jedenfalls ist die Tochter der schönen, aber intriganten Königin Cassiopeia von Acadia und hat zum Leidwesen eben dieser nicht nur einen Faible für gute Bücher, sondern auch eine Sehschwäche. Als eines Tages aus heiterem Himmel ein leibhaftiger Drache auftaucht, der mit jungfräulichen Opfern besänftigt werden soll, steht Andie's Leben Kopf. Zwar eilt Sir George, Held aus Berufung und auf seiner ersten Quest, zu ihrer potentiellen Rettung herbei. Der Fremde scheint allerdings wesentlich mehr Interesse daran zu haben, sich durch das Erschlagen des Drachen ein Denkmal zu setzen, als darauf, sich mit Andie auseinander zu setzen. (Insofern ist der Klappentext auf dem Buchrücken des Taschenbuches auch nicht ganz richtig!)
Wer jetzt findet, dass der Romanplot wie ein Hybrid aus der griechischen Sage von Perseus und Andromeda und diversen Drachen-Mythen klingt, liegt goldrichtig. "Ein echt weißer Ritter" wäre aber nicht, was er ist, wenn Mercedes Lackey die diversen Motive nicht gehörig auf den Kopf stellen würde. Schlussendlich geht es in ihren Romanen um "Die verzauberten Reiche" ja genau darum: Man nehme einen typischen Märchen- oder Sagenplot, würze ihn mit einer Priese Humor, Ironie und Sarkasmus und betrachte ihn aus einem anderen Blickwinkel.
Diesmal geht ihr das Rezept jedoch leider nicht ganz so gut auf: "Ein echt weißer Ritter" ist nicht unoriginell - im Gegenteil - und auch nicht schlecht geschrieben. Man merkt Lackeys Fantasy-Welt aber an, dass sie relativ schnell zusammengeschustert wurde. Detaillierte Hintergründe, akribisch ausgearbeitete Welten, Historien oder Magiesysteme findet man nicht, mitunter wirkt der Plot etwas schlampig konzipiert. Und auch der große Showdown des Romans und die Auflösung wirkt so hanebüchen, dass das einem in der Retrospektive fast den ganzen Spaß am Roman wieder ruiniert. Ein paar gute Ideen und eine gute Schreibe machen eben noch lange kein Meisterwerk. Diesmal ist es allenfalls Durchschnittskost mit deutlichen Schwächen in der Glaubwürdigkeit.
Da ich die vier in den USA erschienenen Romane um "Die verzauberten Reiche" bereits allesamt im Original kenne, muss ich dem Buch einerseits attestieren, dass es mit Abstand der schwächste Teil der ganzen Reihe ist. Trotzdem hat er mir irgendwie doch gut genug gefallen, dass ich ihn gleich nochmal auf Deutsch gelesen habe. Wer ein nettes Leseabenteuer für Zwischendurch sucht und Drachensagen mag, kommt immerhin auf seine Kosten