Prinzessin Andromeda streckte ihre Arme dem Wind entgegen. Sie stand am Rand eines Felsvorsprungs auf dem Weg zu der Klippe über dem Palast ihrer Mutter, Königin Cassiopeia von Acadia. Der Wind presste ihr die Tunika an den Körper und wehte ihr Haarsträhnen ins Gesicht, die sich aus ihrem Nackenknoten gelöst hatten. Sie hob das Gesicht zur Sonne und schloss die Augen.
Ich wollte, ich hätte Flügel. Als ich klein war, habe ich vom Fliegen geträumt. Es wäre so herrlich, einfach einen Schritt von diesem Felsen hinunter zu machen und zu fliegen, der Tristheit des Daseins einer Prinzessin zu entfliehen, der Litanei von Geboten und Verboten, die sie tagein, tagaus von Gouvernanten, Hauslehrern, den Hofdamen ihrer Mutter und natürlich ihrer Mutter selbst hörte. Insbesondere den Verboten.
Es gab gewaltig viele Verbote: Man darf nicht zu laut lachen. Man darf nicht ungefragt seine Meinung sagen. Man darf mit niemandem unterhalb des Standes eines Adeligen sprechen, außer um einen Befehl zu erteilen. Man darf nicht lesend in der Öffentlichkeit gesehen werden. Man darf in der Öffentlichkeit nicht die Stirn runzeln. Man darf niemanden unterhalb des Standes eines Adeligen anlächeln, und junge Männer darf man überhaupt nicht anlächeln. Man darf sich von niemandem mit "Andie" ansprechen lassen, sich auch selbst nicht so nennen. Man darf sich nicht dabei erwischen lassen, sich anders als anmutig schreitend fortzubewegen ... die Liste war endlos. Es schien, als würde sie nur zu hören bekommen, was sie nicht tun sollte. Nie sagte ihr jemand, was sie tun durfte - außer dekorativ auszusehen und den heiter-dümmlichen Blick einer Statue zur Schau zu tragen. Niemals kam jemand zu ihr und sagte: "Prinzessin, es gibt da eine Aufgabe, die nur Ihr allein erfüllen könnt." Einem "Gebot" dieser Art hätten hundert leidige "Verbote" gegenübergestanden - doch dazu kam es nie.
Natürlich war das nicht das Los ihrer Mutter gewesen. Cassiopeia hatte ihr Leben als Kronprinzessin und spätere Königin damit begonnen, dass sie Verantwortung getragen hatte. Auch deshalb, weil ihr Gatte, zumindest den Gerüchten nach, es so gut verstanden hatte, ihr aus dem Weg zu gehen. Deshalb hatte der alte König, Andies Großvater, sie unter den Töchtern seiner Edelleute sorgsam ausgewählt. Er hatte ein Mädchen mit Ehrgeiz gewollt, da sein Sohn offenbar keinen besaß, und eines, das dafür sorgen würde, dass die wichtigen Dinge getan wurden.
Wer in aller Welt wäre dumm genug, das Los einer Prinzessin zu beneiden, die alldem ausgesetzt war? Nichts als Einschränkungen und keine Verantwortung. Ich bin weniger frei als eine Sklavin und darf nichts tun, was irgendwie bedeutungsvoll ist.
Sie atmete die salzhaltige Seeluft tief ein und stieß sie seufzend wieder aus. Wenigstens würde ihre Mutter sie heute Nachmittag nicht mit einer ihrer unangekündigten Kontrollen plagen, Kontrollen, die unvermeidlich mit enttäuschtem Gemurmel und der Ernennung einer neuen Gouvernante endeten. Königin Cassiopeia gewährte den Kapitänen der acadischen Handelsflotte eine höchst private Audienz, gefolgt von einer weiteren für die ausländischen Handelsherren, die regelmäßig die acadischen Gewässer befuhren. Diese Besprechungen würden voraussichtlich den ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein dauern. Handel war die Lebensader Acadias. Ohne Handel wäre das Königreich vermutlich zugrunde gegangen. Jeder Rückgang des Handels und der Steuern, die er einbrachte, bedrohte Acadia mehr als jede feindliche Armee. Obwohl die Königin von ihrer Tochter darum gebeten, darum angefleht worden war, teilnehmen zu dürfen, hatte man Andie gesagt, sie solle sich "trollen". Unter allen anderen Umständen wäre sie glücklich darüber gewesen, von der Aufsicht durch ihre Gouvernante befreit zu sein, die Möglichkeit zu haben, an die frische Luft zu kommen und die Bibliothek zu plündern. Aber wie ein Kind behandelt zu werden verlieh dem Vergnügen einen bitteren Beigeschmack.
Sie schob die starren Drähte - Teil einer Erfindung, die man "Augengläser" nannte - hoch, vergewisserte sich, dass sie sicher auf ihrem Nasenrücken saßen, und legte dann die Seitenbügel hinter die Ohren. Die Augengläser waren etwas lästig, doch ohne sie wäre sie halb blind gewesen. Der Magier der Königlichen Garde hatte sie ihr angefertigt, als er gemerkt hatte, dass sie schrecklich kurzsichtig war. Er hatte beobachtet, wie sie als Kind versuchte, ein Buch dicht vor ihre winzige Nase zu halten. Die Königin war nicht gerade erfreut gewesen, als sie ihre Tochter zum ersten Mal mit dem komischen Ding aus Draht und Glaslinsen im Gesicht herumhüpfen sah. "Das ist unnatürlich!", hatte sie geklagt. "Es sieht wie eine billige Maske aus! Wozu muss eine Prinzessin überhaupt deutlich sehen können?"
Endgültig damit abgefunden hatte sie sich erst, als sich herausstellte, dass Andies endlose Serie von Stürzen mit blauen Flecken ein abruptes Ende fand, als sie sehen konnte, wo sie hinlief.
Dabei kümmerte es Mutter nicht, ob sie fiel; nur waren ihr all die blauen Flecken peinlich. Andie seufzte erneut. Nie kann ich sie zufriedenstellen, was ich auch tue. Ich wünschte, sie würde sich einfach daran gewöhnen und sich das zunutze machen, was ich wirklich kann.
Königin Cassiopeia wollte eine rosig-weiße, zuckersüße Prinzessin, eine bildhübsche Tochter, ein Kind mit Rüschen und Gekicher, großen blauen Augen und Goldlocken. Und später eine Erwachsene, die ihr jüngeres Ebenbild war: tadellos zurechtgemacht, einwandfrei gewandet, anmutig, liebreizend - außerdem still, fügsam, unkompliziert, klaglos und hirnlos. Eine Schachfigur in einer Ehe, die sich nicht über irgendetwas streiten, keine lästigen Fragen stellen oder irgendwas tun wollte, außer möglichst schön auszusehen.
Andie tadelte sich innerlich. Vielleicht nicht hirnlos. Doch bestimmt folgsamer, als sie es war. Und ganz gewiss viel hübscher und adretter und weit mehr um ihre äußere Erscheinung besorgt als das, wozu Andie sich jemals würde zwingen können. Für ihre Mutter war die äußere Erscheinung eine weitere Waffe im Arsenal einer entschlossenen Frau.
Cassiopeia verbrachte nie weniger als zwei Stunden unter den Händen ihrer Zofen, bevor sie sich erstmals außerhalb ihrer Gemächer zeigte. Andie konnte es kaum ertragen, wenn die Zofe ihr das Haar kämmte und aufsteckte, und bestand darauf, ohne all die Öle und Parfüms zu baden, die ihre Mutter anscheinend für unerlässlich hielt.