Wieder einmal schafft es K.M. Gauß, in seiner ihm eigenen, sehr umsichtigen Art ein Thema zu behandeln, dass sonst häufig den Ewiggestrigen überlassen wird: die deutschen Minderheiten im Osten und ihre Leidensgeschichte.
Aus sehr persönlichen Porträts, z.B. von verirrten ostpreußischen Flüchtlingskindern, die in Litauen adoptiert wurden, von steinalten Frauen am Schwarzen Meer, die sich von Gauß ein deutsche Lied vorsingen lassen, und nur noch kaum des Deutschen mächtigen deutschen Vereinsmeiern in der östlichen Slowakei, entsteht eine Momentaufnahme der bedrohten ethnischen Vielfalt im östlichen Europa. Nahezu jedes, der beschriebenen Schicksale lädt zum Bedauern ein; aber Mitleid zu erzeugen, ist nicht das Ziel des viel und intensiv reisenden Salzburger Essayisten. Er möchte zeigen, wie sich in den Geschichten der Menschen und Völker immer wieder dieselben Leiden wiederholen, sobald der Nationalismus Nachbarn in Mehr- und Minderheiten, in Fremde und Hiesige unterteilt.
Eine der Grundfragendes Buchs ist außerdem "Wer ist ein Deutscher?" Wie gut oder wie oft muss man deutsch sprechen, um als deutsch zu gelten? Wie viele nicht-deutsche Vorfahren darf man als Deutscher haben? Ist die politische Einstellung der Vorfahren ein Argument für oder gegen das eigene Deutschtum? Auf all diese Fragen gibt K.M. Gauß keine Antworten. Aber er stellt an Hand der geschilderten Schicksale fest, dass jede Antwort, die die Menschen in Rassen und Völker einteilen will und so das Trennende über das Gemeinsame stellt, falsch sein muss.