Neue Zürcher Zeitung
Bosnische Endspiele Ivo Andrics düstere Erzählungen aus der Zwischenkriegszeit Gross ist sein Ruhm, doch seine Gegenwart ist kleiner geworden. Anlässlich des blutigen Zerfalls der jugoslawischen Volksrepublik mag in deutschsprachigen Landen mancher Ivo Andrics monumentale Balkan-Chroniken «Die Brücke über die Drina» und «Wesire und Konsuln» aus dem Bücherschrank geholt haben, um sich Klärung über die tiefer reichenden historischen Kräfte zu verschaffen, die in Bosnien, an der Schnittstelle zwischen muslimischer und christlicher, orthodoxer und katholischer Welt, am Werk sind und waren. Zur Erkenntnis von Andrics Kunst hat solch stofflich dominiertes Interesse wenig beigetragen. Es ist daher zu begrüssen, wenn der Zsolnay-Verlag unter Federführung von Karl-Markus Gauss versucht, den Kosmos des Literaturnobelpreisträgers von 1961 neu zugänglich zu machen, und zwar über eine weniger bekannte Seite, die Erzählungen aus der Zwischenkriegszeit (die in der Edition leider undatiert bleiben). Hier findet sich alles, was die Grösse Ivo Andrics ausmacht: der Horizont des Historikers und die Schärfe des Zeitkritikers, die Empathie des Psychologen und die Unerbittlichkeit des Skeptikers. Handwerklich perfekt und mit Leidenschaft wird hier erzählt von den Abgründen des 20. Jahrhunderts und den Aporien des Humanen. Zeitalter der Extreme Ivo Andric (18921975) wurde in eine Zeit epochaler Umbrüche hineingeboren. Vom Untergang des Habsburger-Imperiums über den Aufstieg und Fall des Jugoslawischen Königreichs bis zum Zweiten Weltkrieg und zur Inthronisation des Tito-Kommunismus reicht die Spanne seines Lebens. Als Diplomat hatte er von 1924 bis 1941 (zuletzt als Botschafter in Berlin) Gelegenheit, das Zeitalter der Extreme aus nächster Nähe zu verfolgen. Andric begriff den Menschen als geschichtlich geformtes und verfasstes Wesen, als Individuum, dem bei aller Determiniertheit und Einbindung, bei aller Beschränkung von Freiheit und Würde die Wahl zwischen Gut und Böse aufgegeben ist. Der Weg zur Gegenwart führt bei ihm stets über die Vergangenheit. Deshalb darf man den Hass, den Andric in seiner berühmten Erzählung «Brief aus dem Jahre 1920» provokativ als «bosnische Krankheit», als «Instrument des Vernichtungswillens und des Selbstvernichtungstriebes» diagnostiziert, auch nicht zur Schicksalsmacht erheben und zum Argument dafür machen, dass es in Bosnien niemals ein friedliches Zusammenleben zwischen den Volksgruppen und Religionen geben könne. Zu Recht weist Karl-Markus Gauss darauf hin, dass Ivo Andric wie wenige gegen den Wahn steht, auf dem Balkan ethnisch homogene Verhältnisse schaffen zu wollen. Jeder Versuch einer Ethnie, den Schriftsteller für sich zu vereinnahmen, stellt einen Verrat an dessen Werk dar. Glücksritter des Wandels Wie in vielen der Prosastücke verbirgt sich Andric auch im «Brief» hinter einer Berichterstatterfigur. Gern gibt er vor, lediglich eine Geschichte weiterzutragen, die ihm ein Dritter (ein Bekannter, ein Passant oder ein Fremder) persönlich erzählt bzw. aufgedrängt hat. Oft entpuppt sich dieser andere als Aussenseiter, als Kauz, wenn nicht gar als Spinner und fast immer als Opfer seiner eigenen hochfliegenden Pläne und hochfahrenden Träume. So reiht sich eine zerbrochene Kleinbürger-Existenz an die andere: In «Zeichen» ist sich ein Lehrer der vermeintlichen Liebe einer Primadonna so sicher, dass er wider alle Vernunft auf seiner Illusion beharrt mit selbstzerstörerischen Folgen. «Familienbild» enthüllt eine nach aussen hin perfekte Belgrader Ehe im Wohlstand der Zwischenkriegszeit in deren Innern der blanke weibliche Terror wütet. «Ferien im Süden» an der Adria wiederum schildert die Entrückung eines österreichischen Professors durch die Fülle des Daseins. Das trunkene Glück wird zur tödlichen Falle. «Das gewöhnliche Leben eines gewöhnlichen Menschen» gibt für Andric umso mehr «Anlass zum Nachdenken», als die Zeiten ungewöhnlich sind. Es ist die auf dem Balkan aufziehende Moderne, die den Figuren die Chance der sozialen Emanzipation und des gesellschaftlichen Aufstiegs eröffnet und sie zugleich dem Risiko der Entfremdung und des totalen Scheiterns aussetzt. Ehrgeizig sind die Glücksritter des Wandels und erfüllt vom Hunger nach Leben und Reichtum, doch sei es, dass ihrem Opportunismus archaische Reflexe entgegenstehen, sei es, dass ihnen im Rausch des Erfolgs jede Klugheit, jedes Mass und Mitgefühl abhanden kommt: Auf einen grünen Zweig gelangen sie nicht. In der Erzählung «Buffet Titanic» über die Judenverfolgung unter den Ustascha-Faschisten, dem wohl stärksten Stück des Bandes, treffen die Verlierer aufeinander: da der schmierige jüdische Schankwirt Mento Papo in Sarajewo, der sich vom Glauben wie von der Gemeinde entfremdet hat und zuletzt, von allen vermeintlichen Freunden verlassen, gänzlich allein dasteht; da der Scherge Stjepan Kovic, ein Ausbund des Versagens, der aus Verlassenheit und Scham Papos Mörder wird. Nur wenige der Erzählungen manche reichen zurück bis in die Zeit der osmanischen und österreichischen Herrschaft über Bosnien kommen so handlungsgesättigt daher. Doch selbst wenn sich wenig ereignet: Andric vermag glänzend Stimmungen zu schaffen und Spannungen zu erzeugen, wie denn seine Prosa generell durch Detailreichtum und Anschaulichkeit besticht. Auf klassische Weise hält der Autor Distanz zu seinen Figuren, doch steht sein Erzählen sichtlich im Bann von Zuspitzung und Katastrophe. Oft brechen die Stücke im Moment höchster Spannung ab, eine frustrierende Leere hinterlassend. In der Lebenswelt des Ivo Andric scheint es keine Aufhebung der Konflikte in einer Ordnung zu geben, und so ist es denn nicht zufällig ein Kunstmärchen, in dem sich für einmal alles zum Guten wendet. «Aska und der Wolf» handelt von der Zauberkraft der Kunst: Solange das Lamm tanzt, bringt es der Wolf nicht über sich, es zu reissen. Des Schwachen Rettung ist des Starken Verderben. Die Schönheit vermag die Gewalt zu bannen für jenen utopischen Augenblick des Sinns, in dem das Leben wider alle bittere Erfahrung über den Tod triumphiert.
Pressestimmen
"Man kann nicht genug von Andric bekommen. Seine Stimme hat große Kraft und ist von einer Bestimmtheit, die uns heute beinahe rätselhaft erscheint.Besessen vom Tod, hat er einige der schönsten Leichen der Weltliteratur erschaffen." Robin Detje, Süddeutsche Zeitung "Handwerklich perfekt und mit Leidenschaft wird hier erzählt von den Abgründen des 20. Jahrhunderts und den Aporien des Humanen. Andric vermag glänzend Stimmungen zu schaffen und Spannungen zu erzeugen, wie denn seine Prosa generell durch Detailreichtum und Anschaulichkeit besticht. Auf klassische Weise hält der Autor Distanz zu seinen Figuren, doch steht sein Erzählen sichtlich im Bann von Zuspitzung und Katastrophe." Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung "Andric erzählt mit bewundernswürdiger Ruhe und Genauigkeit. Nichts wird vernachlässigt, die kleinsten und nebensächlichsten Geschehnisse behaupten sich neben den Staatsaktionen und fügen sich in ein Panorama von düster-farbigem Schimmer." Claus-Ulrich Bielefeld, Süddeutsche Zeitung, 07.01.97 "Der Nobelpreisträger Ivo Andric gilt bis heute als die literarische Stimme Bosniens schlechthin." Ekkehard Kraft, Neue Zürcher Zeitung, 01./02.04.00 "Ohne Ivo Andric zu lesen, kann man den Balkan nicht verstehen." Karl-Markus Gauß