Ich glaube, seit Jonathan Lethems "Festung der Einsamkeit" hat mich kein Buch mehr so beeindruckt wie "Die verrückten Flanagans". Es ist wirklich kaum zu glauben, dass die Kanadierin Elizabeth Kelly hier ihren ersten Roman verfasst hat. Gut, sie hat Anglistik studiert und als Journalistin schon Preise für mehrere ihrer Artikel gewonnen, aber dass jemand so sicher und phantasievoll mit Sprache hantieren kann, ist sicherlich eine Ausnahme. Elizabeth Kelly ist eine außergewöhnliche Schriftstellerin, eine unglaublich talentierte Autorin und eine fantastische Geschichtenerzählerin. Ich habe "Die verrückten Flanagans" verschlungen, habe auf fast jeder Seite etwas zum Lachen, Schmunzeln, Träumen, Weinen und schlichtweg begeistert sein gefunden und bin so beeindruckt von Kellys Wortjongliererei, dass ich noch gar nicht weiß, wie ich das überhaupt in Worte fassen soll.
Die Flanagans leben auf Martha's Vineyard an der Küste Neuenglands und sind ein völlig durchgeknallter Haufen. Mutter Anaïs, Tochter des millionenschweren Zeitungsbesitzers Peregrine Lowell, den aber alle nur den "Falken" nennen, ist überzeugte Marxistin und hasst ihren Vater inbrünstig. Sie ist sich dennoch nicht zu schade, sich von ihm finanzieren zu lassen, was sie mit kruden politischen Statements vor sich und anderen zu rechtfertigen versucht. Ihr Mann Charlie, gebürtiger Ire und somit natürlich ein Schluckspecht vor dem Herrn, hat das Nichtstun und über das Leben philosophieren zur Kunst erhoben und liefert sich haarsträubende und leidenschaftliche Streitgefechte mit seiner Frau. Onkel Tom steht seinem Bruder Charlie promillemäßig in nichts nach, schafft es aber dennoch, neben seinen Saufgelagen Tauben zu züchten und die Familie zu bekochen. Auch er ist ein cholerischer Redenschwinger, der seine Meinung jederzeit kundtut, egal, ob es jemanden interessiert oder nicht. Umgeben sind alle immer von einem ganzen Rudel Hunde, die zu Mutter Anaïs' Lieblingstieren zählen und das ganze Haus bevölkern. Und in diesem emotionalen Minenfeld und Chaos-Haushalt wachsen die Brüder Bing und Collie, 1963 und 1964 geboren, auf. Bing, von allen Bingo genannt, ist ein charmanter Faulpelz, der das Leben zu genießen weiß und immer bekommt, was er will. Er wird von seinen Eltern schamlos dem ruhigen, einzig Vernünftigen im Hause Flanagan, Collie, vorgezogen und verwöhnt. Collie versucht mühsam und letztendlich Zeit seines Lebens, seinen Platz in dieser durchgeknallten Sippe zu finden und fällt beinahe öfter hin als er wieder aufstehen kann. Als sein Bruder eines Tages vor seinen Augen ertrinkt, wird ihm klar, dass es seiner Familie lieber gewesen wäre, er wäre an Bingos statt gestorben. Nichtsdestotrotz versucht er, seinen Weg zu gehen bzw. zu finden und kann dabei nur bedingt und auf seltsam verschlungenen Pfaden auf die Unterstützung von Großvater, Vater und Onkel hoffen. Wird es Collie gelingen, aus dem riesigen Schatten, den sein Bruder zu Lebzeiten geworfen hat, herauszutreten?
Elizabeth Kelly gelingt es, den Leser von der ersten Seite an für diesen Haufen Verrückter einzunehmen. Sie hat so wundervoll vielschichtige, verschrobene, exzentrische, intelligente und beeindruckende Charaktere geschaffen, dass man sich an ihnen gar nicht sattlesen kann. Man reibt sich förmlich bei jedem anstehenden Streitgespräch zwischen Charlie und Anaïs oder Charlie und Tom vorfreudig die Hände, man genießt Peregrine Lowells knochentrockene Kommentare zur in seinen Augen vollkommen degenerierten Sippe um seine Tochter und man verfolgt schmunzelnd die Auseinandersetzungen der ungleichen Brüder. Darüber hinaus hat Kelly ein so farbenfrohes, intensives und herrliches Universum aus Reichtum und Wahnsinn geschaffen, dass man sich schon nach wenigen Sätzen in Collies Umfeld zu Hause fühlt und sich haargenau vorstellen kann, wie es im Flanaganschen Anwesen am Meer und auf Großvater Lowells riesigem Besitz Cassowary aussieht. Man kann den Geruch des Meeres, der vom Strand herüberweht, förmlich riechen, man spürt die salzgetränkte Luft, die durchs Fenster in die Küche weht, wenn Onkel Tom mal wieder eine seiner seltsamen kulinarischen Kreationen kocht, man hat den feuchtwarmen Atem der Hunde förmlich in der Nase und möchte sich am liebsten in die daunenweichen Federbetten kuscheln, in denen Collie und Bingo als Kinder mit ihren Eltern kuscheln.
Natürlich möchte man nie im Leben in so einem Haushalt aufwachsen und kann sich ab und an nur entsetzt die Haare raufen, wenn man liest, wie oft die Brüder ihren besoffenen Vater und Onkel irgendwohin hieven müssen oder beide tagelang verschollen bleiben, weil sie sich im Ort die Hucke vollsaufen. Anaïs' hysterische Hasstiraden gegen ihren Vater sind für Kinderohren ebenso wenig geeignet wie die hemmungslose Bevorzugung eines Kindes gegenüber dem anderen. Für emotional fragile Kinderseelen muss es zumindest zeitweise ein Horror gewesen sein, in einem so irrationalen, leidenschaftlichen und instabilen Haushalt aufzuwachsen. Aber es birgt immenses humoristisches Potenzial. Die hochintellektuellen Wortgefechte zwischen Charlie und Tom, generell ihre fortwährend publizierten Aussagen, sind ein literarischer Hochgenuss, der einem teilweise die Tränen vor Lachen in die Augen treibt. Die Dialoge sind scharfzüngig, anspruchsvoll, sarkastisch und brüllkomisch. Selten haben sich Intelligenz und Humor so perfekt miteinander gepaart wie in diesem Buch. Am Ehesten kann sich der Leser natürlich mit Collie identifizieren, der mit zunehmendem Alter distanzierter und souveräner, aber liebevoll auf die Reste seiner verrückten Familie zurückblickt. In der zweiten Hälfte des Buches, nach Bingos Tod, schleicht sich denn auch öfter Trauer, Wehmut und Melancholie ein, wobei Charlie und Tom auch mit zunehmendem Alter nichts von ihrer Streitlust und Trinkfestigkeit verloren haben. Collies Weg in sein eigenes Leben ist beschwerlich und von bedauerlichen Rückschlägen geebnet, aber irgendwie fällt er doch immer wieder auf die Füße, wenn auch mit schmerzverzerrtem Gesicht.
"Die verrückten Flanagans" ist schlicht und ergreifend ein Meisterwerk ironischer, phantasievoller und phantastischer Erzählkunst, überbordender Leidenschaft für Literatur und Familienverbände und eine grandios-verrückte Parallelwelt, die man nach 400 Seiten bedauernd verlässt, weil man einfach immer so hätte weiterlesen können. Elizabeth Kelly ist ein atemberaubendes Debüt geglückt, etwas, das ich so in der Art noch nicht gelesen habe. Ich bin begeistert, ehrfürchtig, ergriffen und glücklich, dass ich dieses Buch gelesen habe und kann es jedem mit Hang zum Skurrilen, Wortgewaltigen und Phantastischen nur wärmstens empfehlen. Jeder, dessen Herz für die Ästhetik und Kreativität der Sprache schlägt, wird seine wahre Freude an dieser herrlich schrägen Familiensaga haben. Volle fünf von fünf verrückten Familienmitgliedern, die einen ebenso zum Lachen bringen wie in den Wahnsinn treiben können.