Anhand ausgewählter Beispiele von türkischstämmigen Migranten, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, wird dem Leser ein wichtiger Einblick in Denkmuster türkisch-muslimischer Männer und ihr Leben gewährt. Biografien, die in der Quersumme immer um Wörter kreisen wie: Umma als immanentester Schritt hin zur Sozialisierung, überdehntes Wir-Gefühl, Respekt vor dem/n Ältesten. Diese lassen deutlich erkennen WIE viele dieser Männer ticken.
Den in einigen negativen Rezensionen angeklungenen Vorwurf fehlender tiefpsychologischer Deutungen kann ich nicht nachvollziehen. Sicher kann man der Autorin vorwerfen, dass ihre verallgemeinernden "Aufleitungen" in Bezug auf türkische Männer hinken, da sie von Strafgefangenen berichtet (freilich nicht nur) und das Bild des türkischen Mannes darauf projiziert. In erwähnten Fällen mag sie durchaus Recht haben; dass ihre Interview-Ergebnisse jedoch keine allgemein gültigen Prämissen bilden, sollte jedem Leser klar sein. Dennoch gelingt es der Autorin meines Erachtens vortrefflich, den Geist der Erziehung wiederzugeben.
Erst wenn man die Situationen der hiesigen Migranten, ihre Lebensumstände vor und nach der Einreise und Einflüsse (aus Tradition, Religion etc.) genauer kennt, kann man sich disputierend der Lösungen annehmen. Und genau da bietet dieses Buch eine gute Hilfe, eventuell auch einen ersten Schritt, türkisch-muslimische Männer zu verstehen.
Ich fand es interessant zu erfahren (was ich längst vermutete), dass Integration für viele Türken gar kein erstrebenswertes Ziel ist! Dass für viele Türken Deutschland ein fremdes Land ist/bleibt und sie erst gar nicht verstehen wollen wie die Deutschen eigentlich sind. Vielen Männern ging und geht es nur darum in Deutschland Geld zu verdienen. Die Kinder bleiben in solchen Fällen auf der Strecke. Bleiben sie in der Heimat, ist der Besuch einer Schule oft nicht möglich (und das nicht nur bei Vätern, die im Ausland Geld verdienen), weil sie auf den Feldern mithelfen müssen. Gute Leistungen der Kinder, die mit nach Deutschland genommen werden, scheinen nicht erstrebenswert zu sein, weil viele Familien Deutschland nur als Zwischenstation sehen oder eigene Pläne bezüglich ihrer Kinder haben. Wie aber sollen die Kinder gut in der Schule sein, wenn ihre Eltern sie nicht dazu ermutigen, zu Hause nur Türkisch gesprochen wird und Freundschaften sowie außerschulische Aktivitäten vor allem mit deutschen Kindern (Freundinnen - o großer Gott - schon gar nicht) absolut verpönt sind?!
Dass die Kinder den Entscheidungen des Vaters sich nicht widersetzen (können) oder erst gar nicht in der Lage sind, eigene Ideen zu entwickeln, verdeutlichen die im Buch auftauchenden Beispiele immer wieder. Die herrische Position des türkisch-muslimischen Mannes ist ein ganz entscheidender Aspekt nicht nur der Erziehung, sondern auch des Erwachsenwerdens und der Sozialisation des türkischen Mannes, wo Respekt groß geschrieben wird, der Älteste geachtet, der Kontakt zu Frauen aufs Nötigste beschränkt wird.
Äußerst schlimm, ja beklagenswert ist die Situation der türkischen Frauen. Klar weiß man das. Und trotzdem macht es einen wütend, wenn man hinter die Fassaden blickt. Zwangsverheiratung - als Spitze des Eisbergs - sowohl in der Türkei als auch in der BRD. Das Unvermögen des Mannes in der Frau eine Gehilfin, eine (ebenbürtige - nie und nimmer) Partnerin zu sehen. Wie denn auch, wenn Eltern entscheiden, wen man heiraten darf?!
Zwar ist es nicht ausgeschlossen, dass man in solch einer "Zweckgemeinschaft" glücklich wird. Fataler ist die machistische Denkart des türkischen Mannes, der es für legitim erachtet seine Frau zu schlagen, für den Bordellbesuche kein Tabu sind und der seine Gemahlin deshalb auch mal "gerne" als Hure beschimpft, wenn sie nicht nach seiner Pfeife tanzt.
Der Koran gibt ihm ja in diesem Fall Recht. "In seiner letzten Stunde soll der Prophet gesagt haben: `Was die Frauen betrifft, sie sind Gefangene in eurer Hand.` Und im Koran steht, wenn sich eine Frau weigert, ihren "Pflichten" nachzukommen, hat der Ehemann das Recht, diesen Widerstand zu brechen. Sure 4, Vers 34, lautet: `Diejenigen aber, deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet, ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!`"
Da wähnen sich nominal gläubige männlich Jugendliche, die x-mal sich auf Allah berufen und ihre Gebetsketten schwingen, im Recht, wenn sie vor der Heirat so richtig Spaß haben können und auch mal das eine oder andere Mädel durchpoppen können. Schließlich ist der Mann nach türkischer Auffassung gar nicht in der Lage, sich zu beherrschen oder zu kontrollieren; vor allem im Übergangsalter macht ihm sein "verrücktes Blut" zu schaffen, so dass es ihm gestattet ist, sich auszutoben! Diese heißblütigen Coolen sind es auch, die im gleichen Atemzug die Frau als Hure abstempeln, wenn diese Sex vor der Heirat hatte. Aber nach der Heirat ist dann natürlich Schluss mit den exzessiven Sexerlebnissen, dann wird nach dem Koran gelebt ... (Wie oft hab ich solche Protzereien schon im TV und im realen Leben gehört. Reaktion: Wut.)
Das Traurige ist ferner die geistige Unterwerfung des Mannes von Kindheit an. Eine Abnabelung von der Umma (Gemeinschaft) findet nicht statt, Individualisierung ist so nur beschränkt möglich. Viele Jugendliche - und das scheint in fast jedem Interview durch - lernen MACHT als Dumpfe Gewalt kennen (Vater darf sie z. B. schlagen und nicht nur). Sie entwickeln einfache Formeln, die sie auch auf den Alltag und den Umgang mit anderen übertragen. Schläge bedeuten dann Macht. Respekt = Angst des anderen. Schande, wenn man selbst Angst hat. Sie werden geschlagen; dafür dürfen sie schlagen. Eine Bindung zu ihrer/ihren Schwestern ist quasi nicht vorhanden. Die strenge Trennung von Mann und Frau trägt ein Übriges dazu bei.
Glücklicherweise gibt es auch Familien, die Integration zulassen, ohne ihre religiösen Ansichten gefährdet zu sehen. Und auch davon ist im Buch die Rede. Hier kann Frau Kelek sozusagen auf unmittelbare Erlebnisse zugreifen. Sie selbst ist Kind einer türkischen Familie, die nach Deutschland auswanderte. In Deutschland studierte sie, erlebte mit wie ihre große Schwester einen Mann heiraten musste, den ihre Eltern - ob seines Doktorgrades - für eine gute Partie hielten und die trotzdem nicht glücklich geworden ist. Freilich war der Freiheitsdrang der Tochter dem Vater zuviel; er überwarf sich mit seiner widerspenstigen Tochter und fuhr zurück in seine Heimat.
Necla Kelek hat sich im Laufe ihrer Karriere und ihrer Forschungen intensiv mit dem Thema "Parallelgesellschaften" befasst. Im Unterabschnitt "Last Exit Veddel" erzählt sie die Geschichte dreier Jugendlicher aus einem Problemviertel (mit hohem Migrantenanteil) in Hamburg. Ich werde nun einige Passagen aus dem Buch zitieren, die mir wichtig scheinen (wobei einige nicht nur auf türkischstämmige Bürger zutreffen):
* Jugendliche (...) benutzen Handys, als seien sie damit auf die Welt gekommen, bewegen sich eckig wie die Helden ihrer Computerspiele, gucken sich aus Actionfilmen Gesten und Sprüche ab und reden abgehackt in unvollständigen Sätzen, als würde ein Störsender ihre Sprache dekonstruieren.
* Mehr als den verbalen Appell des Vaters, lernt, lernt, lernt, haben sie nicht für die Bildungskarriere ihrer Söhne getan.
* In ihrer abgeschlossenen Welt, in der es auf Gehorsam, auf Dienen und Nachahmung ankommt, sind Neugier, Eigenständigkeit, "Welteroberung", Bildung keine Werte, sondern Gefährdungen ihrer alten Traditionen.
Ferner zeigt Frau Kelek auf wie schwer es ist mit den archaischen Mustern zu brechen; sie geht auf die Entwicklung Europas ein und stellt dieser die "Entwicklung" des Islams gegenüber, wobei sie deutlich macht, dass "ohne die Ächtung der Scharia und des Prinzips der Vergeltung alle Bemühungen um Integration der Muslime zum Scheitern verurteilt sind". Im Anschluss nennt sie dann einige Vorschläge, die Integration erleichtern oder besser ermöglichen.
Ich halte dieses Buch für wichtig, weil es:
* durch die vielen Einzel-Beispiele einen Teil der türkischen Kultur begreifbar macht
* auf Probleme türkischstämmiger Migranten und ihrer Eltern in und außerhalb Deutschlands aufmerksam macht
* die religiösen Praktiken und Traditionen beleuchtet
* Vorschläge für Integrationshilfe liefert
* Ansatzweise archaische Traditionen fortschrittlicher Angepasstheit an die Moderne gegenüberstellt
* Stoff zum Nachdenken bereitstellt
Trotz eines grobschlächtigen Denk- oder Druckfehlers, der Frau Kelek unterläuft, wenn sie schreibt: "Apostel Paulus (...) lehnte die "Beschneidung des Herzens", wie er die Amputation der Vorhaut nannte (DAS tat er NICHT; er machte lediglich deutlich, dass Beschneidung an sich - als ritueller Vorgang - ohne adäquates Handeln absolut keinen Wert hat), als Demütigung ab." Und trotz ihres innigen Wunschs, die Beschneidung per se zu verbieten, weil sie mit dem Grundgesetz unvereinbar sei, ist dieses Buch eine Horizont erweiternde, spannende Lektüre!