Oswald Metzger ist 'Distinguished Fellow' des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Er möchte in seinem schmalen Buch vom März 2009 darlegen, »was wir tun können, damit das Gemeinwohl nicht unter der Last der Einzelinteressen zerbricht«. Er versucht, der Politik und dem mündigen Bürger einen ehrlichen Spiegel vorzuhalten. Dazu thematisiert er im ersten Teil seines Buchs Hartz IV, Rente mit 67, ausufernde Beamtenpensionen, Steuerhinterziehungen im großen und kleinen Rahmen, Zwei-Klassen-Medizin, die finanziellen Schieflagen in den Sozialversicherungen allgemein. Er folgert: »Soziale Gerechtigkeit kann auf Dauer nur funktionieren, wenn der Sozialstaat auch von seinen Bürgern soziale Verantwortung einfordert.« Das bedeutet auch mehr interfamiliäre Solidarität und persönliche Verantwortung. Seine Ausführungen, auch zur Agenda 2010, sind einleuchtend, wenn auch nicht originell.
Der zweite Teil seines rund 200-seitigen Werks handelt um die Unehrlichkeit in der Politik. Dabei stellt Metzger die große Koalition als unfähig dar, Oskar Lafontaine ist für ihn offensichtlich der böse Polemiker schlechthin. Im abschließenden dritten Teil unterstellt er mehr oder weniger allen Deutschen ökonomischen Analphabetismus und schließt mit einer Tirade gegen alle, die seine nutzvolle Wiederkehr in den deutschen Bundestag hintertrieben haben. Oswald Metzger schaffte es bekanntermaßen nicht, sich nach seiner Abkehr von den Grünen gegen alteingesessene CDU-Granden in Oberschwaben durchzusetzen, um 2009 erneut in den Bundestag einzuziehen; diesmal für die CDU.
Seine Analyse der aktuellen Gegebenheiten und der jüngeren Vergangenheit ist sicherlich zutreffend. Doch Oswald Metzger zeigt keine begehbaren Wege aus den verfahrenen Situationen auf. Er arbeitet mit Zahlen, die auf Schätzungen des DIW beruhen, anstatt die Empirie zu bemühen. Er erkennt eine Infantilisierung der Gesellschaft, doch er weist keinen Weg aus der leeren Welt des Infotainment, der er sich selbst bedient. Er unterstellt allen Politikern machtpolitischen Opportunismus und ist keinesfalls davon frei. Er pauschalisiert, ist spekulativ, einseitig und undifferenziert; er verkürzt und wiederholt sich gerne; er entwickelt aber keine Vision, keine Idee oder zumindest eine reale Perspektive für eine wirklich am Gemeinwohl orientierte Gesellschaft. Er ist wirtschaftspolitisch auf eine neoliberale Position eingefahren, vergisst dabei die Bedeutung der Binnennachfrage für unsere sicherlich exportorientierte Wirtschaft. Gerade der von der Binnenmarktentwicklung abhängige Mittelstand wie der kleine Handwerker, die Gastronomie oder der Einzelhandel ist auf die positive Entwicklung der Löhne seiner Kunden angewiesen.
Es drängt sich der Eindruck auf, dass Metzger Fakten über alles stellt, dass er insgesamt leider die Menschen vergisst; sie auf das Dasein als WählerInnen reduziert. Er verteidigt mit eigenwilligen Argumenten die Kopfpauschale. Großkonzerne, der Einfluss der Medien, die mächtigen Lobbyverbände werden von ihm nur am Rande erwähnt. Ihm fehlen offensichtlich die grundlegenden soziologischen, psychologischen, philosophischen oder gar theologischen Kenntnisse, um seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Dafür spürt man gerade auf den letzten Seiten seine verletzte Eitelkeit.
Eine nette Pointe zum Schluss: Metzger versucht, die Sprache der Berufspolitiker zu entlarven und übersetzt 'Wir müssen die Wähler mitnehmen' mit 'Wir müssen die Wähler mit neuen Versprechen ködern'. Wenn man 'Wähler' durch 'Menschen' ersetzt, dann ist das genau die Floskel, die Tanja Gönner, Metzgers Parteifreundin aus Sigmaringen und baden-württembergische Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Verkehr, kürzlich für den Einstieg bei den Schlichtungsgesprächen zu 'Stuttgart 21' verwendete.