Es ist trotz diverser Mittelalter-Moden und längst vorhandenen objektiveren Sichtweisen immer noch ein weit verbreitetes Klischee, vom "finsteren Mittelalter" zu sprechen. "Mittelalterlich" gilt als Synonym für geistige Rückständigkeit, für Unfreiheit, Folter und Hexenwahn, für religiöse Diktatur und Wissenschaftsfeindlichkeit. Erst ein Leonardo da Vinci, die Renaissance und die Reformation des 16. Jahrhunderts, hätten dieses dunkle Zeitalter beendet. Obwohl eine nüchterne Forschung schon längst zu anderen Ergebnissen und Einschätzungen kommt (etwa Jacques Le Goff, Régine Pernoud, Ferdinand Seibt, Kurt Flasch, Arnold Angenendt, Johannes Fried), sind die Vorurteile immer noch verbreitet und bedürfen einer weit ausholenden sachlichen Widerlegung, wie sie nun James Hannam (Grafschaft Kent) mit dem höchst informativem Werk "Die vergessenen Erfinder. Wie im Mittelalter die moderne Wissenschaft entstand" vorgelegt hat. Das in England sehr erfolgreiche Buch war im Jahr 2010 für den Book Prize der Royal Society nominiert und wurde nun vom Augsburger Sankt Ulrich Verlag in sehr gelungener deutscher Übersetzung vorgelegt.
Faszinierend und in dieser Weise einmalig ist, wie Hannam geistes- und naturwissenschaftliche Analysen verbindet und sich ergänzen lässt. Ohne die mittelalterlichen Vorarbeiten, die das griechische, römische und islamische Weltwissen rezipierten und integrierten, hätte es weder einen Galilei noch einen Newton gegeben. Scheinbar alltägliche Dinge wie Brille oder Linse, Kompass oder Uhrwerk, wurden lange vor dem Jahr 1500 erfunden. Auch der moderne universitäre und aristotelische Wissenschaftsbegriff als "scientia" hat seine Wurzeln im Mittelalter bei Anselm von Canterbury, Abaelard und Thomas von Aquin. Hannam sieht eine "Verunglimpfung des Mittelalters" seit dem Humanismus, der das mittelalterliche Latein als "barbarisch" (vulgaris) betrachtete, und dem englischen Empirismus von Francis Bacon, David Hume und John Locke. Diese antimittelalterliche Arroganz setze sich dann in der "Aufklärung" fort bei Voltaire und den Enzyklopädisten. In exakt und verständlich ausgearbeiteten Kapiteln wird dagegen vom Autor die wissenschaftliche und erfinderische Leistung des Mittelalters thematisch aufgezeigt - ob es sich um Medizin, Anatomie oder Alchemie, Mathematik, Astronomie oder Physik handelte. Dabei begegnen die Oxforder Genies wie Roger Bacon, Robert Grosseteste und Richard von Wallingford. Viele weitere Erfinder und Forscher werden vorgestellt, etwa auch der in Rom wirkende Astronom "Regiomontanus" aus Königsberg in Bayern. Zwei Kapitel behandeln Nikolaus Kopernikus, drei Galileo Galileis Auseinandersetzungen und seine erkenntnistheoretischen Wurzeln im Mittelalter: "Galilei fasste viele der Stränge mittelalterlichen Denkens zusammen, um daraus die Basis der modernen Wissenschaft zu formen" (21). Es kann hier nur angedeutet werden, welchen Materialreichtum das Buch von James Hannam enthält. Eine Zeittafel und eine Liste der Schlüsselfiguren ergänzen den Text, der sich in seiner angelsächsischen Nüchternheit an die (leider nicht erwähnten) deutschen Mediävisten Kurt Flasch ("Das Licht der Vernunft. Die Anfänge der Aufklärung im Mittelalter", München 1997) und Johannes Fried ("Aufstieg aus dem Untergang. Apokalyptisches denken und die Entstehung der modernen Naturwissenschaft im Mittelalter", München 2001) anschließen könnte. Aufgrund seiner Allgemeinverständlichkeit, didaktischen Konzeption und informativen Reichhaltigkeit eignet sich "Die vergessenen Erfinder" besonders auch für jüngere Leser und zur Gestaltung des Schulunterrichts in den Fächern Geschichte oder Philosophie.