Die verfehlte Schöpfung ist eine rasant vorgetragene Attacke auf alle theologisch oder geschichtsphilosophisch verbürgten Sicherheiten, auf die Existenz eines übergreifenden "Sinns", auf die Idee der Erlösung.
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E. M. Cioran wurde 1911 in Rasinari bei Hermannstadt in Siebenbürgen als Sohn eines griechisch-orthodoxen Priesters geboren. 1928 bis 1931 Studium der Philosophie an der Universität Bukarest. Bis 1939 erschienen fünf Bücher in rumänischer Sprache. 1937 kam Cioran als Stipendiat nach Paris, wo er als freier Schriftsteller lebte. Er starb am 20.6.1995 in Paris.
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Cioran zu rezensieren ohne in Gefahr zu laufen ihm in manchen Punkten zu widersprechen ist unmöglich. Seine Ansichten sind so weit gefächert, dass es praktisch unmöglich ist etwas Konkretes zu schreiben ohne das schlechte Gefühl, er würde das partout verneinen. Egal ob es Religion, Sexualität, Tod oder einfach nur Sinngedanken sind, Cioran sucht in allen Winkeln des Bewusstseins nach Antworten und verarbeitet sie, gliedert sie in sein Denken ein und vergrößert ohne Widersprüche die Bandbreite seines Denkens. Dabei vergisst er jedoch nicht leicht und locker und allgemeinverständlich zu schreiben, weshalb der Leser am Ende ein Gefühl des Vestandenseins hat. Dass seine Aphorismen so wenig zitiert werden ist schade, aber auch wieder gut, weil es die Qualität seines Denkens bezeugt. Ein unbedingtes Muss!
- Emile M(ichel) Cioran gehört zu den großen Philosophen, die, das was ist, nicht als endgültig betrachten. Er gehört zu den Menschen, für die das In-Frage-Stellen allerhöchste Priorität einnimmt. Über Grenzen zu gehen, heißt lebendig bleiben und doch zeichnet er die Welt jenseits der Grenzen so, dass man erschrickt ob dieser Gedanken und das Leben wie die Schöpfung gern wieder in den Bahnen hätte.
I) In "Der böse Demirug" zeigt er, dass der Mensch nicht zum Guten neigt, aber es einen Gott geben muss, der ihn dazu drängt. Doch im Sinne der Schöpfung ist dieser erste Gott ebenso böse, denn nur im Bösen wird die Phantasie reichen, so etwas zu schaffen. Der Mensch, eben Abbild, ist damit ebenso böse und Zeuge dieser Gottheit und über Zeugen der tatkräftige Vermehrer dieses Bösen. Engel sind nun mal kinderlos weil geschlechtslos und damit die Inkarnation des Guten. Die Fortsetzung des Lebens ist damit den Gefallenen vorbehalten, die in einer ohne Freude erschaffenen Welt doch im Genuss zeugen, deren zuvor gehende Wollust just in dem Moment der Ekstase katastrophal in sich einstürzt. Der Mensch erhält seine Kraft aus der Unwissenheit seiner Einsamkeit, in dieser Kraft beginnt er zu glauben, es gäbe keinen Gott und doch fordert sein tägliches Staunen dessen Wirklichkeit. Sich von der Angst vor dem bösen Demiurgen zu befreien, heißt das Staunen bleibt vor neuen Fundamenten, die dazu zwingen, sich einem anderen Schöpfer anheimzugeben.
II) "Die neuen Götter" und schon der Plural zeigt, dass einer niemals reicht.... Im Schatten verbrauchter Götter kann man frei atmen, daher scheint es gerade oder nur in der Entstehung von Religionen diesen gewissen Zauber gegeben zu haben, dem man gern folgte. Und wie frenetisch war die Begeisterung, wenn ein Einheimischer sich bekehrte. Im Gegensatz zu allen konnte er sich nur hassen und dieser Hass musste später umgeleitet werden, so dass er ansteckte, um die bisherigen Götter gegen den einen auszutauschen. (Diese Geschichte ist die Konstantins und gerade in Trier im Dreier! Pack anzusehen) Und aus Sicht der Römer musste man sich gegen die Juden wenden, waren sie doch diejenigen, die ihr ganzen Bemühen nur einem Gott gaben. Dieser einzige Gott macht das Leben unausstehlich, das katholische Christentum sah dieses ein und erschuf die Heiligen neben der Dreifaltigkeit. Cioran geht auf der Suche nach all den Göttern durch die Geschichte und findet nicht Halt, selbst dort nicht, wo aus dem Geist der Treue gegenüber einem Gott die Verirrten vernichtet wurden. Die Christen, verfolgt und ermordet über 4 Jahrhunderte hinweg, wurden nun selbst zu unerbittlichen Verfolgern und beharrlichen Rächern ihrer Märtyrer. Ein neuer Gott wird auch in Zukunft kein Mitleid kennen, alles auf seinem Wege zermalen, um soviel Raum wie möglich zu gewinnen. Der Mensch ist folgsam, sagt Cioran, egal gegenüber welchem Führer.
III) Alle unsere Erfolge einem Gott zuzuschreiben, glauben, dass uns alles gegeben ist, ist nach Ignatius von Loyola das einzige wirksame Mittel gegen Hochmut. Nun, mag das spirituelle Niveau sich heben, der Mensch ändert sich nicht qualitativ, er bleibt begrenzt, da kein Geschöpf in seiner Natur eine höhere Stufe erreichen, ohne dass es aufhörte, zu existieren, bemerkt Aquinus. Will man sich davon befreien, bleibt einem letztendlich nur die Freiheit von dieser Freiheit, man muss alles auf die Stufe des Vorurteils setzen. Man handelt dann ohne zu begehren. Ohne Begehren genießt man die Vorrechte einer Sache oder eines Gottes, und man hängt von niemandem mehr ab. Leuchte für dich selber wie dein eigenes Licht, ist der Ratschlag des indischen Dhammapada.
IV) Aphorismen folgen, sie begegnen dem Selbstmord. Wenn man begriffen hat, dass nichts ist, dass die Dinge nicht einmal den Status eines Anscheins verdienen, so hat man nicht mehr nötig, gerettet zu werden, man ist auf alle Zeit gerettet und unglücklich. Vielleicht nur deshalb, weil man zu schwach ist, ohne Ziel zu leben.
Weiteres Lesen über Unbefreite und erwürgte Gedanken überlasse ich Ihnen.
Damit aber ein Eindruck von Cioran entsteht, ein Auszug aus dem Kirchenlexikon
CIORAN, Emile Michel: mit rumänischem Namen Emil Mihai C., * 1911 in Rèõinari bei Sibiu (Hermannstadt) im ungarischen Teil der Habsburgermonarchie, heute Rumänien, + 1995 in Paris. Der spätere Philosoph und Essayist ist das zweite Kind des orthodoxen Priesters und späteren Erzbischofs von Sibiu Emilian Cioran und seiner Frau Elvira Comaniciu. - Schon während seiner Zeit als Schüler am Gymnasium »Gheorghe Laz×r« in Sibiu (1920-1928) wird Cioran von anhaltender, zermürbender Schlaflosigkeit geplagt, die einerseits in ihm in Zusammenhang mit einem allgemeinen Unbehagen am Dasein die Obsession des Todes auslöst, ihn andererseits quasi ekstatische Zustände erleben läßt. Ab 1926 beginnt C. mit seiner ersten Phase intensiver philosophischer Lektüre und nimmt 1928 sein Studium der Ästhetik und Philosophie an der Universität Bukarest auf. Seine Schwerpunkte sind Kant, Fichte, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche, Simmel, Spengler, Husserl, Heidegger, die russischen Spiritualisten und die orientalischen Mystiker. Äußerst unterschiedliche, kulturell divergierende, ihrem Wesen nach jedoch miteinander verwandte philosophische Tendenzen prägen C.s Denken. Die spanische Mystik, das deutsche Mittelalter, die Widersprüchlichkeit des Pascalschen Menschen, die Verzweiflung Kierkegaards, Nietzsches Negativismus und Vitalismus, der russische Spiritualismus, die Endzeitstimmung eines Spengler, Keyserling, Klages oder Barrès, die Lebensphilosophie seines rumänischen Lehrers Nae Ionescu sind dabei nur die wichtigsten Einflüsse. Indem er sich gegen jede Form von Systemen wendet, spricht er einem Individualismus das Wort, das erst im entgrenzten Erleben zu sich selbst findet. Auch wenn C.s Leben und Werk tiefe mystische Züge tragen, entscheidet er sich zwischen den zwei Möglichkeiten, der Verzweiflung angesichts der Erkenntnis philosophisch zu entkommen: der Mystik und dem Skeptizismus, für den letzteren. Dieser Schritt kommt für ihn einem »Erkennen ohne Hoffnung« gleich. Dabei richtet sich sein Skeptizismus nicht allein gegen Sprache, Philosophie, Geschichte und Religion, sondern in einem beinahe selbstzerstörerischen Duktus auch gegen sich selbst. Im Laufe der Jahre entwickelt sich C.s Philosophie auf eine stoische Position zu, deren Mittelpunkt die Beschäftigung mit dem von Leid, Tod und dem Bösen geprägten Dasein des Menschen bildet. Aufgrund seiner Ideen und seiner eigenwilligen Persönlichkeit kann C. als bedeutendster Skeptiker und radikalster Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts angesehen werden.
Cioran ist heftig, nicht am Abend zu lesen, schrieb jemand. Was ist er: Er ist der kühnste Belastungszeuge für das Leben.Lesen Sie weiter... ›
... ist Cioran - wahnsinnig brillant in des Wortes tiefster und wörtlichster Bedeutung. Was über das Werk zu sagen ist, hat schon " kpoac " sehr schön in allen Einzelheiten dargelegt - besser und rundherum ausführlicher kann man es kaum zum Ausdruck bringen. Deshalb will ich mich auf eine etwas andere Weise dem Werk nähern und mich äußern. Ein Buch, das man immer einmal wieder zur Hand nimmt, wenn man im Hader ist mit dieser Welt, ihren Institutionen ( Kirche wie auch Staat) und ihren Menschen. Trinkt man aber zuviel aus dem dargebotenen Becher des Zweifels, ist es, als werde ätzende Säure in die Innereien gegossen ... und der Zweifel wird zur Verzweiflung. Hinterfragung und Zweifel sind zunächst immer zulässig und auch unbedingt wünschenswert - ja machen jedwede Philosophie erst wesentlich. Ver-zweiflung aber kann die Sackgasse mit dem "point of no return" sein. Dahin wollte auch Cioran eigentlich nicht. Hätte er sonst so sehr den Suizid verherrlicht und verklärt , ohne ihn selbst tatsächlich zu begehen ? Oder war es s e i n Weg des langsamen Suizids, die Befreiung von Vergangenheit und Gedächtnis als Befreiung schlechthin anzustreben, um dann in eben dieser Gedächtnislosigkeit (Alzheimer) verlangsamt unterzugehen? Ich kann die Widersprüchlichkeiten Ciorans durchaus zulassen und genießen, wie ich sie auch bei Nietzsche genießen kann - auch sogar die selbstquälerischen Attitüden... Man darf sich ruhig einmal für eine Weile mitquälen... in Maßen, in homöopathischer Dosis ... dann bleibt sie heilsam - diese bittere Medizin für Geist und Seele.... Auch auf Cioran paßt das Zitat aus Nietzsches "Zarathustra": *Du bist frömmer, als du denkst in deinem Unglauben. Der Gott in dir bekehrte dich zu deiner Gottlosigkeit.*Lesen Sie weiter... ›
Zu Cioran könnte man Vieles sagen, weil er eigentlich, wenn auch auf negative Weise, zum Denken anregt. Die Rezensionen hier scheinen auch überdurchschnittlich lang zu sein. Ich will versuchen, mich etwas knapper auszudrücken, auch wenn das etwas ruppig wirken mag. Ich könnte alles begründen und belegen, aber das würde längerer Beitrag werden.
Cioran ist keine richtige Philosophie und keine richtige Literatur. Mit etwas Humor könnte man sagen, er ist nahezu Gruselliteratur. Er stellt sich doch hin und konstatiert ungeniert, die Schöpfung sei verfehlt. Er stellt sich also auf eine Stufe mit einem oder gar über einen hypothetischen Schöpfer! Nach der Lektüre seines Buches und nachdem ich etwas über ihn nachgeforscht habe, möchte ich behaupten, er ist ein Megalomane, Selbststilisierer, Heuchler, ein Autor der Hybris, eitel und übermütig. Als eine seiner Quintessenzen hat er uns zu bieten "Selbstmord - das einzig Vernünftige!" Das war eine Art Lebensmotto für ihn, mit dem er immerhin 82 Jahre alt geworden ist. Soll ich hier die psychologische Binsenwahrheit anführen, dass Selbstmörder viel mit Mördern gemeinsam haben? Das Maß wird voll gemacht, wenn man noch erfährt, dass er die "kleine menschliche Schwäche" hatte, Hitler und Faschismus glühend zu bewundern. In Manchem erinnert er an Nietzsche.
Cioran ist wie ein Baby, das, obwohl gesättigt und frisch gewickelt, immer nur schreit und schreit und seine Eltern an den Rand der Verzweiflung treibt. Ich sehe ihn als ein enfant terrible, als eine Art intellektuellen Kinski. Was soll man denn mit diesem Propheten der Hoffnungslosigkeit anfangen?... Sollten wir vielleicht eher Mitleid mit ihm haben wie mit einem Extremtraumatisierten? In der Literatur scheint Houellebecq dieser Gemütsverfassung zu entsprechen.
Wenn ich in einer Melancholie bin, wenn ich den Blues habe, lese ich lieber z. B. Schopenhauer oder Charles Bukowski, das sind Pessimisten, die einen paradoxerweise aufrichten und nicht herunterziehen. Und wenn ich gründlich und fundamental über das Leben nachdenken will, lese ich Buddhas Schriften. Da erfahre ich nicht nur die Leidenswahrheit, sondern auch die Heilung und den Weg zur Heilung.
Selbst wenn Ciorans apokalyptische Visionen einmal wahr werden sollten, wird er im Jenseits vielleicht gefragt werden, warum er kein Mitgefühl entwickelte.Lesen Sie weiter... ›