"Apocrypha, hoc est, narrationes de Christo, Maria, Josepho, cognatione et famila Christi, extra biblia etc."
(Michael Neander, AD 1564)
Das erste Drittel des Buches befasst sich zunächst mit den kanonischen Evangelien. Nach Erläuterung des Begriffes Kanon, eines Lehnwortes aus dem semitischen, das ursprünglich (Maß)Rohr (Maßstab) bedeutete und im griechischen für Norm, Regel, Vorschrift, Liste oder Verzeichnis verwendet wurde, erfährt der Leser Herkunft und Bedeutung des Wortes Evangelium (Abk. Ev;
griech.: Eu angelion= Frohe Botschaft). Es folgt die Entstehungsgeschichte der kanonischen Evangelien, ihren Quellen, (zugeschriebenen) Urhebern und Verfassern, sowie erschiedene Theorien der kritischen Bibelwissenschaft (Traditionshypothese, Fragmenthypothese, Zwei-Quellentheorie etc.). Den Ausführungen zu den vier kanonischen Evangelien (drei "Synoptiker" und JohannesEv) folgt die Geschichte ihrer Kanonisierung, der mehrere Jahrhunderte in Anspruch nahm. Anschließend werden die historische Gründe der Kanonisierung erläutert: Die Christen der ersten Jahrhunderte lebten in verstreuten Gemeinden und folgten verschiedenen Überlieferungen und Traditionen. Marcionismus, Montanismus und Gnosis, sollten schließlich als Häresien erklärt werden und aus der Geschichte verschwinden. Mit ihrer Konsolidierung zu einer katholischen, allumfassenden Kirche ging auch das Bestreben einher, die Auffassung nach der ursprünglichen Lehre Jesu zu sichern. Umstritten war jedoch nicht nur die Kanonisierung des Hebräerbriefes und der Johannesapokalypse, auch die des JohannesEv war strittig, da seine Grenze zur Gnosis fließend ist. Bei den Kriterien zur Kanonisierung war die Apostolizität (der wichtigste Aspekt. Daneben waren "Erbaulichkeit" (=für das christliche Leben lehrreich) ein hohes Alter und Historizität (!), verbunden mit geistlicher Nähe zu Jesus, sowie die Tradition im Gottesdienst (Rezeption) und die Übereinstimmung mit der Orthodoxie von Bedeutung. Die Autoren hinterfragen die subjektive Auslegung dieser Kriterien, denn z. B. "etwas als geschichtlich wahr zu betrachten" ist mehr eine Frage der Macht, um eigene Vorstellungen durchzusetzten. Auch war nicht jede Ansicht, die nicht kanonisiert wurde, automatisch häretisch. Manchmal hatte die entsprechende Gruppe einfach nicht Macht und Einfluss, um ihr Schrifttum in der Großkirche durchzusetzen. Es folgen Ausführungen über Entstehungszeit, Begriff und Gattungen der apokryphen Quellen, sowie ihrer Erforschung. Apokryph (griech: verborgen/geheim) wurde bei Irenäus von Lyon zum Synonym für häretisch und ist erst seit der Synode von Karthago (397) gleichbedeutend mit verboten. In der apokryphen Literatur, die daneben auch Apokalysen, Briefe und Spruchsammlungen kennt, nehmen die Evangelien eine Sonderstellung ein. Es gibt drei Gruppen apokrypher Evangelien: Eng mit den Kanonikern verbunden sind PetrusEv, ÄgypterEv und KoptEv, ThomasEv und das judenchristliche EbjonitenEv. Bei Evangelien mit (teilweise) gnostischem Inhalt treten Erzählungen über Jesu Wirken in den Hintergrund, da es sich um Sprüche Jesu handelt, in denen er seine Erlösungsbotschaft und Wege zum Heil verkündet. (z. B. ThomasEv, PhillipusEv usw.) Zur dritten Gruppe gehören die zur erbaulichen Literatur gerechneten Erzählungen, die weitere Informationen über das Leben Jesu geben sollen. Sie sind jedoch Vermischungen mit anderen Traditionen und Mythen der Volksliteratur, die auch Einfluss auf die bildenden Kunst genommen haben. Bei ihnen werden Randereignisse ausgeschmückt und in den Mittelpunkt gerückt (z. B. KindheitsEv NikodemusEv und Pilatusakten). Das ProtEv des Jakobus mit seiner Mariologie dient als "verbotenes Evangelium" paradoxerweise als Grundlage für das Dogma der Unbefleckten Empfängnis.
Die anderen zwei Drittel des Buches nehmen acht apokryphe Evangelien ein, die nach jeweilig erläuternder Einleitung mit komplettem Text (und kanonischen Entsprechungen als Randnotizen) abgedruckt sind. Literaturhinweise bilden den Abschluss des sehr empfehlenswerten Buches, mit dem Katharina Ceming und Jürgen Werlitz eine umfangreiche, hoch informative und dennoch kompakte Zusammenstellung gelungen ist. Ein klasse Preis-Leistungsverhältnis kommt noch hinzu. Dafür die Höchstwertung: 5 Amazonsterne.