Neue Zürcher Zeitung
Hu. Auf Madagaskar spielen sichtbar in allgegenwärtigen Riten der Tod und die Beziehung zu den Verstorbenen eine eminente Rolle. Eine Zeremonie der im Westen der Insel lebenden Sakalava, bei der die Gebeine der reichsbildenden Könige gewaschen und neu gebettet werden, steht im Zentrum de Romans «Die verbotene Frau», dem zweiten von Michèle Rakotoson (im Original 1988; vor einem Jahr erschienen ihr Kurzroman «Dadabé» sowie zwei Erzählungen in deutscher Übersetzung). Ausgehend von diesem Ritus, führt die madagassische Autorin die Leser in eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Kultur, Geschichte und gegenwärtiger Misere in Madagaskar. Besonders wichtig ist dabei die Instrumentalisierung der Religion durch verschiedene Repräsentanten der Macht im Land. Rakotoson, die wesentlich zur Erneuerung der modernen französischsprachigen Literatur ihrer Heimat beigetragen hat, versteht es vorzüglich, diese öffentlichen Belange mit einer individuellen Geschichte zu verweben: mit derjenigen Ranjas aus der Hauptstadt Antananarivo, der einen Film über die Zeremonie drehen soll. In dieser Figur wird das Scheitern einer ganzen Generation sichtbar, die es nicht vermochte, die Insel nach der Unabhängigkeit in eine bessere Zukunft zu führen. Anders als in «Dadabé», der mit Techniken des Erinnerns arbeitet, kommt «Die verbotene Frau» einer allerdings literarisch verfremdeten Reportage nahe.
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Voll des Lobes für diesen - stilistisch einer Reportage ähnlichen - Roman von Michèle Rakotoson ist der Rezensent mit dem Kürzel "Hu.". Seiner Ansicht nach schafft die französischsprachige, madagassische Autorin "eine vielschichtige Auseinandersetzung" mit der politischen und kulturellen Situation auf der Insel, vor allem mit der "Instrumentalisierung der Religion". Im Zentrum der Geschichte steht Ranja, die einen Film über eine rituelle Zeremonie mit den königlichen Ahnen der Insel drehen soll. Rakotoson liefert nach Ansicht des Rezensenten ein realistisches Porträt ihrer Protagonistin, die das "Scheitern einer ganzen Generation verkörpert".
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Kurzbeschreibung
Ein Kult-Roman aus Madagaskar
Der Fernsehjournalist Ranja soll auf Madagaskar einen Film über das Bad der königlichen Reliquien drehen, einen Totenkult, dem er selbst zum Opfer fällt, weil er zu sehr von der "verbotenen Frau" fasziniert ist.
Aus allen Landesteilen des östlichen Madagaskars werden die Menschen des Stammes herbeiströmen, um an der Zeremonie teilzunehmen. Sie werden ihre Könige feiern, ihre Ahnen, ihre Geschichte. Ranja soll das alles filmen, sogar die Szenen, in denen die Ahnen von auserwählten Lebenden Besitz ergreifen. Eine Sensation! Ranja soll der Erste sein, dem dieses Recht zugestanden wird. Er reist in die Provinz, lernt eine öde Gegend kennen, hört von den Nöten ihrer Bewohner, von der Landflucht der jungen Generation, von Hungertoten. Selbst die ehedem großen Viehherden der heiligen Zebus sind radikal dezimiert. Doch die "Macht aus den Gräbern" lenkt für kurze Zeit davon ab. Auch Ranja, der von dem Kult gebannt ist, verfällt einer jungen Frau ...Michele Rakotoson wurde 1948 in Madagaskar geboren. Seit 1983 lebt sie in Frankreich. Sie hat Theaterstücke, Erzählungen und einen Roman veröffentlicht. Seit 1994 arbeitet sie bei Radio France International (RFI). In der Reihe "Black Women" erschien bereits von ihr "Dadab" - Zwei Erzählungen und ein Kurzroman aus Madagaskar" (Lamuv Taschenbuch 245).