Liebe Leser,
1. Vorwort in eigener Sache:
Ich habe gestern hier eine Rezension für dieses Buch geschrieben, dass mir wirklich überhaupt nicht gefallen hat. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde eine meiner Rezension vom Autor des Buches kommentiert.
Dieser Kommentar veranlasst mich dazu, die Rezension unter einem Pseudonym neu zu formulieren. Gleichzeitig möchte ich mich dafür entschuldigen, falls ich einem Leser zu nahe getreten sein sollte, weil ihm das Buch gefallen hat und mir nicht.
Außerdem möchte ich davor warnen, dass ich hier SPOILE.
2. Zum Buch
a) Mein Standpunkt ändert sich durch die neue Rezension nicht. In diesem Roman wird aufgrund eines Irrtums ein junges Mädchen entführt, das noch nicht einmal debütiert hat (in der damaligen Zeit war es also etwa 16-18 Jahre alt). Sie wird zur Ehe gezwungen und dann in der Hochzeitsnacht mit Gewalt genommen.
Mir ist durchaus bewusst, dass es unzählige Romane gibt, bei denen man darüber diskutieren könnte, ob der Mann die Frau vergewaltigt hat und ich denke, dass es eine Fall-zu-Fall-Frage ist. Fakt ist aber, dass es sich hier NICHT um einen Fall von männlicher Dominanz handelt, die aus Leidenschaft geboren wurde. Es handelt sich hier auch nicht um einen Fall, in der der Ehemann das Recht einfordert, seine Frau zu gebrauchen (was heute auch als Vergewaltigung zählt in Deutschland, damals aber noch bestand und deshalb im historischen Kontext ok gewesen wäre). Nein, hier liegt brutale Gewalt vor, weil der männliche Prota durch Wut, Hass und lodernde Rachegelüste motiviert wird. Er hält sie (irrtümlicherweise) für eine amoralische Frau (man könnte fast sagen Hure), weil sie seinen Bruder (ihren Verlobten) betrogen und diesen damit in den Selbstmord getrieben hat.
Dass genau diese Motive sein Handeln bestimmen, hat die Autorin übrigens sehr gut dargestellt (dafür einen halben Stern). Welcher normal denkende Mann würde sich an einer Frau rächen, indem er sie heiratet (sie nach dem Tod seines Vaters zur Countess macht, weil er den Titel erbt) und dann auf seinem riesigen, reichen und wunderschönen Landgut abstellt, wo sie sogar ihre Eltern besuchen kommen? Auf einen so hirnrissigen Plan kann nur ein Mann kommen, der unfähig ist klar zu denken, weil Wut, Hass und Rache seinen Verstand beherrschen. Ein weiterer Beweis dafür ist, dass er wirklich jeden Zweifel, der auch nur irgendwie in ihm aufkeimt (z.B. ihr unschuldiges Verhalten in bestimmten Situation) einfach wegfegt und sich so zurecht biegt, dass es in sein Bild von der Hure passt. Ihre Unschuld ist gespielt, ihre Erklärungen, dass sie nicht Henrietta wäre, sind Lügen. Jemand, der so blind für die Wahrheit ist, muss von seiner Wut wirklich zerfressen sein. Durch Einschüchterung und einen (wohl sehr festen) Handgriff verhindert er deshalb, dass sie bei der Hochzeit dem Pfarrer gegenüber die Wahrheit ausplaudert. Himmel, muss das Mädchen Angst gehabt haben, wenn sie einen solchen Kerl heiratet anstatt die bereits begonnenen Worte zu Ende zu sprechen. Wie kann man bei einem solchen Plot und Hintergrund nicht von einer Vergewaltigung sprechen?
Dass der männliche Protagonist seinen Fehler nach der Entjungferung erkennt und das durch einen weiteren (zärtlichen) Akt wieder gut zu machen versucht, beschwichtigt mich dabei in keiner Weise. Ich finde es sogar empörend, dass in dem Roman das Bild vermittelt wird, man könne unmittelbar nach der Vergewaltigung durch bloße Zärtlichkeit den Schmerz und die Angst des Mädchens wieder wegpusten und alles ist gut. Noch schlimmer finde ich, dass das sogar gelingt, weil das Mädchen den zweiten Akt so toll findet. Genau deshalb halte ich das alles für eine Banalisierung einer Vergewaltigung.
b) Ich halte sein Verhalten aber auch aus anderen Gründen für unverzeihlich, wobei dies auch daran liegt, dass mir bestimmte Handlungen nicht einleuchten. Auf dem Landgut lebt eine Geliebte. Er hat sie dort abgestellt, weil sie vom Rang her zu niedrig war, um sie sich als echte Mätresse zu halten. (das habe ich inhaltlich nicht verstanden - wieso kann sie keine echte Mätresse sein, sondern muss als Hausmädchen arbeiten? - aber egal.) Nach der Hochzeitsnacht reist er umher und schläft mit jedem Rock, den er finden kann, um die Frau zu vergessen, die offenbar alles mit sich machen lässt und die er trotz seiner Hassgefühle attraktiv findet. Aber warum versucht er das "Loch in seinem Herzen" oder seine Triebe nicht mit seiner Geliebten zu füllen? Dafür ist sie doch eigentlich da und er hat sie doch sicherlich erwählt, weil sie ihm einmal gefallen hat?! Die einzige logische Erklärung ist, dass er wollte, dass diese Geliebte das Leben seiner Frau zur Hölle macht, sie versucht umzubringen und sogar dafür sorgt, dass Eve das Kind verliert. Warum sonst setzt er eine eifersüchtige Geliebte ins selbe Haus wie seine Frau? Warum nimmt er die Geliebte nicht in sein Bett, damit sie das tut, wofür er sie bezahlt? Ist das nicht unverzeihlich? Eve hat ihr Baby verloren, wäre selbst fast gestorben!
Dass er das nicht gewollt hat, wird später im Roman deutlich und ich bezweifle auch, dass die Autorin diesen Gedankengang gehabt hat. Ich halte diesen Aspekt des Romans deshalb für eine inhaltliche Schwäche.
c) Der Mann hatte schon keine Sympathien mehr bei mir. Aber sollte da noch ein winziges Fünkchen bestanden haben, dann ist es mit seinen Aktionen danach erloschen. Er kehrt nämlich nach seiner einjährigen Reise und der Erkenntnis, dass er seiner Frau Unrecht getan hat, zu ihr zurück. Aber ganz unehrenhaft betritt er nicht einfach sein Haus und entschuldigt sich, sondern beobachtet sie, verfolgt sie bis zum Friedhof und besucht dann lieber eine Woche lang jeden Tag das Grab seines toten Kindes anstatt sich mit seiner Frau zu befassen, die noch lebt und vor allem leidet. Als sie ihn dann schließlich sieht und erkennt, schreit sie ihn an, rennt weg und jagt ihn zum Teufel und was tut er? Er geht wirklich!!!! Er kämpft nicht um sie, versucht nichts zu erklären oder Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Er geht und verschwindet eine lange, lange Zeit.
Liebesromane sind unrealistisch. Das weiß ich, und deshalb fand ich gerade diese Handlung in Anbetracht der übrigen in dem Roman erschreckend realistisch. Es gibt diese feigen Männer, aber ich hatte in ihm nichts Derartiges vermutet. In einem Liebesroman möchte ich aber eigentlich von einem starken Mann lesen, einem Mann, der zu seinen Fehlern steht, der Buße tut und eben zeigt, dass er die Verantwortung übernimmt. Was ist das für ein Kerl, der nach Ägypten verschwindet und seine Frau zurücklässt in ihrem Leid wegen des verlorenen Kindes? Durch das, was dann in Ägypten geschieht, wird sie (irrtümlicherweise) vorzeitig zur Witwe erklärt. Sie muss noch einmal Trauer und dann monatelang Halbtrauer tragen.
Für einen kurzen Moment habe ich gedacht: Vielleicht übernimmt er Verantwortung, indem er sich vollkommen aus ihrem Leben zurückzieht und auf Titel und Geld verzichtet, damit sie sich mit einem neuen (und vernünftigeren Mann) ein glückliches Leben aufbauen kann. Vielleicht will er ihr einen Schlussstrich unter ihre Leiden ermöglichen und verzichtet daher auf alles, was ihm rechtmäßig zusteht. DAS hätte mich ehrlich beeindruckt. Aber dass dem nicht so ist, erfahre ich fünf Jahre später. Nicht nur, dass er unerkannt nach London zurückkehrt! Nein, er schleicht sich auch sogleich in ihr Bett und schläft mit ihr. Der einzige Grund, warum es in diesem Moment zum Akt kommt, ist jedoch nicht eine gegenseitige Aussprache mit Vergebung und Liebesschwüren. Nein, der Grund ist, dass sie glaubt zu träumen und gegen einen schönen Traum ja nichts einzuwenden ist. Himmel, was denkt dieser Mann sich eigentlich? Er weiß, dass ihn die Welt für tot hält und geht einfach so zu ihr ins Bett und nimmt sich, was ihm gefällt? Vielleicht wusste er nicht, dass sie nur glaubte zu träumen, aber irgendwie finde ich trotzdem, dass dieses Verhalten vollkommen inakzeptabel ist. Ich finde das nicht romantisch oder gar erotisch. Ganz gleich, was ich für diesen Mann gefühlt hätte - ich wäre auf jeden Fall beklommen gewesen, weil er so selbstverständlich über mich verfügt. Dazu kommt, dass er ja offiziell tot war. Hat er sich auch nur mit einer einzigen Frage damit befasst, ob sie sich vielleicht in einen anderen Mann verliebt hat? Zeit genug hatte sie dafür und frei war sie ja (offiziell) auch. Nein, es hat ihn nicht einmal interessiert. Dabei hätte der Ton-Klatsch ihm vermutlich sofort mitgeteilt, dass es da einen Mann gab, der um ihre Hand anzuhalten gedachte. Der männliche Prota hätte (wenn er rücksichtsvoll gewesen wäre) zumindest diese Frage mit ihr klären müssen.
d) Tja und dann kam der Punkt, an dem ich aufgehört habe zu lesen. Nicht die Existenz einer solchen Satans-Sekte hat mich gestört. Mich hat gestört, dass er ihr nach dem Wiedersehen erklärt, er befände sich (noch immer) auf dem Rachefeldzug, weil er neue Erkenntnisse hinsichtlich des Todes seines Bruders gewonnen hätte.
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