Neue Zürcher Zeitung
Geschichten von Jürg Schubiger und Heinrich Hannover
Es begann in den späten sechziger und in den siebziger Jahren. Damals wurden Geschichten, die die Welt in einfache Bauteile zerlegten, um sie anschliessend ganz anders zusammenzusetzen was den Blick der Lesenden ins Philosophische erweiterte , ganz plötzlich zu Kindergeschichten. Peter Bichsels «Kindergeschichten» sind so ein Beispiel. Aber auch die frühen Texte des Zürchers Jürg Schubiger. Und ein bisschen etwas davon haben auch jene des Norddeutschen Heinrich Hannover. Ein bisschen, wie gesagt. Der Unterschied liegt vor allem in der Moral, welche diese Geschichten an ihren Schluss setzen. Bei Schubiger ist diese Moral schwer fassbar. Seine Geschichten enden so, wie sie beginnen: im scheinbaren Zufall. Hannover hingegen weiss, was er seine Leserschaft lehren will. Von beiden sind in diesem Herbst Geschichtenbände erschienen. Heinrich Hannover bringt noch einmal gesammelte alte Geschichten, Jürg Schubiger hingegen legt neue Texte vor. Und beides ist den behutsam illustrierten Bänden auch anzumerken.
Ein Hauch kästnersche Moral, verpackt in den Geist der späten sechziger und siebziger Jahre, das tritt einem im Band «Die untreue Maulwürfin» von Heinrich Hannover entgegen mit gesammelten Geschichten, mit bunten, humoristischen Zeichnungen von Manfred Bofinger. Das Unglaubliche, das kühn Erfundene, das keck Verdrehte und das nett Verspielte verweisen darin vor allem auf sich selbst. Nicht traumtänzerische Nachdenklichkeit dominiert diese kurzen, anekdotenhaften Erzählspiele, sondern so etwas wie nüchterner Humorismus. Gepaart mit einer Moral, die sich am Lebensalltag misst. Das ist geeignet, um mit Kindern gelesen zu werden. Denn ob es sich nun um das hochsprungbesessene Pferd Schwuppdiwupp, um verschiedene Nachtausflüge des Mondes oder um Frau Butterfelds «singendes» Hotel handelt, die Geschichten lassen sich einfach mit kindlichen Alltagserfahrungen erklären oder sogar spielerisch umsetzen.
Da macht es einem Jürg Schubiger schon schwerer. Auch er führt fort, was er in den siebziger Jahren begonnen hat. Seine Geschichten aber sind weniger von der literarischen Mode jener Zeit geprägt. Was die Erzählungen im neuen Band «Wo ist das Meer?» von seinen früheren unterscheidet, ist eine stärkere, märchenhafte Psychologisierung. Was gleich geblieben ist: das Staunen der Geschichten über sich selbst. Sie bringen auch eine erwachsene Leserschaft zum Staunen. Auch wenn diese damit rechnen muss, dass mithörende Kinder über ganz andere Dinge staunen. Der Erzähler Schubiger ist ein Suchender, genau wie seine vielen Figuren es sind. Er weiss, wer etwas finden will, muss die scheinbar naiven Fragen des Kindes stellen: Was tut ein Teppich eigentlich unter dem Tisch? Wie war das, als die Welt noch nicht vorhanden war? Was ist eigentlich ein Winterschlaf? Wozu wollen die Menschen reisen? Warum soll ein Hund nicht Himmel heissen? Was sind Meerschnecken? Warum gibt es gerade zwölf Monate und nicht dreizehn?
Immer wieder weitet Schubiger das Fragespiel in seinen Geschichten zu einem manchmal sichtbaren, dann wieder unsichtbaren Frage-Antwort-Spiel aus. Und die Illustratorin Rotraut Susanne Berner hat das in ihrem Gestaltungskonzept noch weitergeführt. Die vignettenhaften Schwarzweisszeichnungen, denen ein Strich Blau die richtige melancholische Denkfärbung gibt, sind untrennbar mit dem Text verwoben. Berners Bilder greifen Schubigers Fragen direkt auf und geben auch Antworten. Antworten, die selber schon wieder Fragen enthalten. So wie Schubigers Geschichten auch. «Wo ist das Meer?», fragt die Sau alle, die sie unterwegs trifft. Und muss am Schluss, als sie es gefunden hat, feststellen: «Das Meer ist wirklich sehr, sehr . . . Aber ein bisschen langweilig ist es auch.»
Gerda Wurzenberger
Jürg Schubiger: Wo ist das Meer? Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner. Beltz & Gelberg, Weinheim 2000. 128 S., Fr 24.80.
Perlentaucher.de
In einer Doppelrezension bespricht Gerda Wurzenberger zwei Erzählbände für Kinder.
1.) Schubiger / Berner (Ill.): "Wo ist das Meer?" (Beltz & Gelberg)
Im Vergleich zu früheren Geschichten Schubigers diagnostiziert die Rezensentin hier eine "stärkere, märchenhafte Psychologisierung". Ansonsten scheint es jedoch nicht ganz leicht zusammenzufassen, wovon das Buch handelt. Klar wird, dass es um Fragen, um Staunen und um Antworten geht. Etwa um die Frage, was vor der Welt da war oder wieso das Jahr nicht dreizehn Monate hat. Wurzenberger betont das Suchende in diesem Buch, was durch die Illustrationen von Rotraut Susanne Berner noch unterstrichen werde. Ihre Schwarzweiß-Zeichnungen mit ein wenig Blau geben nach Ansicht der Rezensentin nicht nur die "richtige melancholische Denkfärbung" wieder, sondern liefern auch Antworten auf einige der im Buch gestellten Fragen und werfen doch auch wieder neue Fragen auf.
2.) Hannover / Bofinger (Ill.): "Die untreue Maulwürfin" (Aufbau)
Wurzenberger weist zwar darauf hin, dass dieses Geschichten nicht ganz neu sind, dennoch gefallen sie ihr. "Nüchterner Humorismus" ist für sie der Grundcharakter des Buchs, bei dem sie sich sogar gerade was die Moral betrifft an Erich Kästners Geschichten erinnert fühlt. Wurzenberger schwärmt von dem "kühn Erfundenen, dem keck Verdrehten" in diesem Buch, dass aber trotz aller Phantasie immer einen direkten Bezug zum wirklichen Kinderalltag behalte. Auch die "bunten, humoristischen" Illustrationen von Manfred Bofinger scheinen ihr gut zu gefallen.
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