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Die unterschlagene Enzyklika: Der Vatikan und die Judenverfolgung
 
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Die unterschlagene Enzyklika: Der Vatikan und die Judenverfolgung [Gebundene Ausgabe]

Georges Passelecq , Émile Poulat , Markus Sedlaczek

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das historische Buch

Genaueres zu einer Unterlassung

Die päpstliche Enzyklika gegen den Antisemitismus

«Durch eine solche Verfolgung werden Millionen von Menschen in ihrem eigenen Vaterland ihrer elementarsten Rechte und bürgerlichen Ehren beraubt. Des gesetzlichen Schutzes gegen Plünderung und Gewalt entbehrend, jeder Form von Kränkung und öffentlicher Demütigung ausgesetzt, werden unschuldige Menschen wie Verbrecher behandelt . . . Selbst jene, die während des Krieges tapfer für ihre Heimat gekämpft haben, werden wie Verräter behandelt, und die Kinder derer, die ihr Leben für ihr Land gelassen haben, werden gerade wegen ihrer Herkunft für rechtlos erklärt.» Noch vor der «Reichskristallnacht» verfasst, sagen diese Worte wohl etwa so viel, wie man zu dem antisemitischen Treiben in Deutschland einstweilen sagen konnte. Sie stehen im Entwurf zu einem Teil der Enzyklika, die Pius XI. unter dem Titel «Humani generis unitas (Die Einheit des Menschengeschlechts)» zu publizieren gedachte.

Der Papst war auf den amerikanischen Jesuiten John LaFarge aufmerksam gemacht worden, der über Rassismusprobleme in den Vereinigten Staaten gearbeitet hatte. Im Juni 1938 erteilte er ihm den Auftrag, eine Enzyklika über den Rassismus auszuarbeiten. Sie sollte einerseits an das Rundschreiben «Mit brennender Sorge» von 1937 anknüpfen, das gegen die antikirchliche Politik des Dritten Reichs protestiert hatte; andererseits war im einzelnen über «eugenische» Praktiken und über das in die italienische Gesetzgebung eingeführte «Ehehindernis» der Rassenverschiedenheit schon das eine und andere dekretiert worden, das nun in den grösseren Zusammenhang gestellt werden sollte.

Zwei belgische Autoren, Georges Passelecq und Bernard Suchecky , haben jetzt in gewissenhafter Spurensuche ermittelt, wie es dazu kam, dass die geplante und anscheinend nahe an die Vollendung gediehene Enzyklika nicht erlassen wurde. Man muss den Titel ihres Buchs im Original zitieren (so wie man auch für die Lektüre des Buches selbst auf die Übersetzung von Markus Sedlaczek wenn immer möglich verzichten sollte). Er lautet: «L'encyclique cachée de Pie XI. Une occasion manquée de l'Eglise face à l'antisémitisme». Das Rundschreiben ist in der Tat «verborgen» geblieben (der deutsche Leser soll nur gleich wissen, dass es «unterschlagen» wurde); erst 1972 sind Teile davon publiziert worden; die besten, wie man jetzt sieht, da die beiden Autoren einen Text von gut hundert Seiten vorlegen können.

Der Hergang war in den grossen Zügen bekannt, viel Einzelnes hat sich verdeutlicht. LaFarge machte sich an die Arbeit, nicht als «freier Schriftsteller» oder Privatgelehrter, sondern nach Anweisungen des Jesuitengenerals Wlodzimierz Ledochowski. Wie dringend LaFarge seinen Chef gebeten hat, ihm zwei Mitautoren an die Seite zu stellen, wissen wir nicht; die Arbeit wurde jedenfalls zwischen ihm und seinen Ordensbrüdern Gustav Gundlach und Gustave Desbuquois aufgeteilt, und zwar in der Weise, dass der Rassismus als eine von drei falschen Einheitslehren oder -irrwegen LaFarges Thema blieb: neben dem Nationalismus, den Desbuquois, und dem Totalitarismus (vorwiegend kommunistischer Prägung), den Gundlach behandelte.

Nach einem Vierteljahr reichte LaFarge seine Arbeit ein – die Texte liefen bei Ledochowski zusammen –, und von da an geschah nichts Sichtbares mehr. Unter den Verfassern der Enzyklika galt wohl als ausgemacht, dass sich ihr Generaloberer gar nicht beeile, den Text oder die Texte dem Papst vorzulegen. Pius XI. erkrankte gegen Ende des Jahres und starb am 10. Februar 1939; über seinen letzten Informationsstand in dieser Sache weiss man nichts Sicheres.

Es ist keine Kunst, vielleicht aber etwas zu leicht, Ledochowski allein dafür verantwortlich zu machen, dass Pius XI. ein halbes Jahr nachdem er das Rundschreiben in Auftrag gegeben hatte, noch keinen unterschriftsreifen Text erhielt. Dass der Jesuitengeneral meinte, Europa und die katholische Kirche würden durch den Kommunismus auf dauerhaftere Weise bedroht als durch den Nationalsozialismus, dürfte allerdings stimmen, und dazu passt, dass er auch in «Humani generis unitas» die Gefahr, die ihm als Polen (gerade noch) zu dominieren schien – die russische eben –, nicht vernachlässigt sehen wollte. Der ursprüngliche Auftrag Pius' XI. an LaFarge wurde dadurch wenn nicht verfälscht, so jedenfalls kompliziert.

Aber Ledochowski war wenn auch ein autoritärer Herr, doch nicht völlig auf sich gestellt. Im besonderen verstand er sich mit dem Kardinalstaatssekretär Pacelli so gut, dass er dessen Wahl zum Nachfolger Pius' XI. höchst angelegentlich (und mit Erfolg) betrieb. Schwer denkbar, dass Pius XII. vom Entstehen der Enzyklika nichts gewusst haben sollte; undenkbar, dass er sie nicht spätestens in den ersten Tagen seines Pontifikats hat lesen können. In einem Memorandum von 1934 hatte er die «Trutz- und Trugbotschaft eines neuen Materialismus der Rasse» kritisiert; er wusste, worum es ging.

Nur musste diesem auf Überblick aus grosser Höhe bedachten Diplomaten die «Einbindung» der nationalsozialistischen Greueltaten (deren volles Ausmass noch nicht bekannt, auch noch gar nicht erreicht war) in das Ganze einer bedrohlichen Lage nicht unsympathisch sein. Und da das Wort «Diplomat» schon gefallen ist (die beiden Autoren verwenden es auch, ohne aus der Charakterisierung viel abzuleiten) – darf man dann nicht eine nur wenig später schon aktenkundige Überlegung Pius' XII. in die damalige Situation zurückprojizieren? Während des Kriegs hat er widerstandsbereite deutsche Bischöfe, namentlich Preysing in Berlin, davon überzeugen müssen, dass eine Kirchenpolitik, die auf einen weniger oppositionsfreudigen Klerus nicht auch Rücksicht nähme, zum Scheitern verurteilt wäre. Nimmt man dies – auf eigene Gefahr, die Autoren tun es nicht – so zusammen, dann wird die Frage fällig, ob sich der Papst vom deutschen katholischen Milieu schon 1939 keinen ausreichenden Konsens für kirchlichen Widerspruch gegen den Antisemitismus versprach.

Nun verdanken wir diesem Buch – und zwar wirklich erst ihm – eine weitere Information: Der Entwurf, so wie er aus der Arbeit der drei Jesuiten und aus redaktioneller Aufbereitung hervorgegangen ist, lässt sehr zu wünschen übrig. Von der Absicht geleitet, den Antisemitismus nicht zu isolieren (was aber Pius XI. gerade gewollt hatte), ist man in eine allzu weit gespannte Betrachtung anstössiger Zeiterscheinungen hineingeraten. Und noch innerhalb des Abschnitts, der dem Rassismus eingeräumt bleibt, wird das Judentum nicht nur in seiner aktuellen Bedrohung, sondern auch in seiner «religiösen Sonderstellung» behandelt, der Leser also zur Differenzierung zwischen modern-vulgärem Antisemitismus und historisch-kirchlichem Antijudaismus aufgefordert – was gewiss nicht als Abschwächung des lehramtlichen Einspruchs gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung gedacht ist, aber schon durch die Unterscheidung als solche relativierend wirkt. Die Sätze, die wir anfangs zitiert haben, sind bei weitem die schärfsten; sie stehen im 132sten von 179 Abschnitten. Die Bezeichnung «cachés» haben auch sie verdient.

Wie immer man sich die Geschichte von «Humani generis unitas» vorstellen mag, sie hat mit dem Verzicht auf eine Publikation geendet, die aller Wahrscheinlichkeit nach keine nennenswerte Stosskraft entwickelt und kaum den Eindruck einer energischen Intervention hinterlassen hätte.

Hanno Helbling

Pressestimmen

"Ein bedeutsames Dokument zum belasteten Verhältnis zwischen Christentum und Judentum." (Focus)

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