Pressestimmen
VCS-Magazin 02.07.2008
Kurzbeschreibung
- Italo Calvino, der immer ein Erzähler war, nie eine Zeile Lyrik schrieb, hat mit den Unsichtbaren Städteneins der schönsten, zugleich phantasievollsten und präzisesten Poeme verfaßt.
Über den Autor
Auszug aus Die unsichtbaren Städte von Italo Calvino, Burkhart Kroeber. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Despina erreicht man auf zweierlei Weise: per Schiff oder per Kamel. Die Stadt präsentiert sich unterschiedlich, je nachdem, ob man vom Land oder vom Meer zu ihr kommt. Der Kamelreiter, der am Horizont der Hochebene die Spitzen der Wolkenkratzer, die Radarantennen, die flat ternden weißroten Windsäcke und die rauchenden Schlote auftauchen sieht, denkt an ein Schiff, er weiß, daß es eine Stadt ist, aber er denkt sie sich wie ein großes Wasserfahrzeug, das ihn aus der Wüste fortbringt, ein Segelschiff, das gleich ablegen wird, während der Wind bereits die noch nicht losgebundenen Segel bläht, oder ein Dampfschiff mit vibrierendem Kessel im eisernen Rumpf, und er denkt an all die Häfen, an die Waren aus Übersee, die von den Kränen auf den Docks entladen werden, an die Tavernen, in denen Crews aus verschiedenen Ländern einander Flaschen auf den Schädeln zerbrechen, an die erleuchteten Fenster im Erdgeschoß, jedes mit einer Frau darin, die sich kämmt. Im Dunst der Küste unterscheidet der Seemann die Form eines Kamelhöckers, eines mit glitzernden Fransen verzierten Sattels zwischen zwei gefleckten Buckeln, die schwankend näher kommen, er weiß, daß es eine Stadt ist, aber er denkt sie sich wie ein Kamel, von dessen Tragsattel Schläuche und Doppelsäcke mit kandierten Früchten, Dattelwein, Tabakblättern hängen, und er sieht sich schon an der Spitze einer langen Karawane, die ihn aus der Meereswüste fortbringt zu Süßwasseroasen im gestreiften Schatten der Palmen, zu Palästen mit dicken Kalkmauern und gekachelten Höfen, in denen Tänzerinnen barfuß tanzen und die Arme mal unter, mal über dem Schleier bewegen. Jede Stadt empfängt ihre Form von der Wüste, der sie sich entgegenstellt; und so sehen der Kamelreiter und der Seemann Despina, die Stadt auf der Grenze zwischen zwei Wüsten. Die Städte und die Zeichen 2
Aus Zirma kehren die Reisenden mit sehr deutlichen Erinnerungen zurück: ein blinder Schwarzer, der in die Menge ruft, ein Verrückter, der sich über den Dachsims eines Wolkenkratzers beugt, ein Mädchen, das mit einem Puma an der Leine vorübergeht. Tatsächlich sind viele der Blinden, die mit ihrem Stock auf das Pflaster von Zirma klopfen, Schwarze, in jedem Wolkenkratzer gibt es jemanden, der verrückt wird, alle Verrückten verbringen Stunden auf Dachgesimsen, und es gibt keinen Puma, der nicht für die Launen eines Mädchens aufgezogen worden wäre. Die Stadt ist redundant: Sie wiederholt sich, damit etwas im Gedächtnis haftenbleibt. Auch ich kehre aus Zirma zurück: Meine Erinnerung umfaßt Luftschiffe, die auf Fensterhöhe in alle Richtungen fliegen, Ladenstraßen, in denen Seeleuten Tätowierungen in die Haut geritzt werden, Untergrundbahnen voll schwergewichtiger Frauen, die unter der schwülen Hitze leiden. Meine Reisegefährten schwören jedoch, sie hätten nur ein Luftschiff zwischen den Turmspitzen der Stadt schweben, nur einen Tätowierer Nadeln, Tinten und perforierte Zeichnungen auf seiner Bank ausbreiten, nur eine Tonne von Frau sich auf der Plattform eines Wagens Luft zufächeln gesehen. Die Erinnerung ist redundant: Sie wiederholt die Zeichen, damit die Stadt zu existieren beginnt. Die fragilen Städte 1
Isaura, die Stadt der tausend Brunnen, erhebt sich, so nimmt man an, über einem tiefen unterirdischen See. Bis überall dorthin, wo es den Bewohnern durch das Bohren von tiefen Löchern gelungen ist, Wasser heraufzuholen, hat die Stadt sich ausgebreitet und weiter nicht: Ihr grüner Umkreis wiederholt den der dunklen Ufer des begrabenen Sees, eine unsichtbare Landschaft konditioniert die sichtbare; alles, was sich in der Sonne bewegt, wird von den Wellen getrieben, die von unten gegen den Kalkhimmel des Felsens schwappen. Infolgedessen gibt es zwei Arten von Religion in Isaura. Nach der einen wohnen die Stadtgötter in der Tiefe, in dem schwarzen See, der die unterirdischen Adern nährt. Nach der anderen wohnen sie in den am Seil heraufgezogenen Eimern, wenn diese über dem Brunnenrand erscheinen, in den sich drehenden Flaschenzugrollen, in den Winden der Hebewerke, in den Hebeln der Pumpen, in den Schöpfrädern der Windmühlen, die das Wasser aus den Bohrlöchern fördern, in den Stützen der Drehbohrer, in den hängenden Wasserbehältern auf Stelzen über den Dächern, in den schmalen Bögen der Aquädukte, in allen Wassersäulen, senkrechten Rohren, Ventilkolben, Überläufen, bis hinauf zu den Wetterfahnen hoch über den Gerüsten von Isaura, der Stadt, in der alles nach oben drängt.
Ausgesandt zur Inspektion der entlegenen Provinzen, kehrten die Boten und Steuereintreiber des Großkhans pünktlich zurück zum Palast von Kai-ping-fu und den Magnoliengärten, in deren Schatten wandelnd Kublai ihre langen Berichte entgegennahm. Die Gesandten waren Perser, Armenier, Syrer, Kopten, Turkmenen; der Kaiser ist derjenige, der für jeden seiner Untertanen ein Fremder ist, und nur durch fremde Augen und Ohren konnte das Reich seine Existenz dem Herrscher manifestieren. In Sprachen, die dem Khan unverständlich waren, berichteten die Gesandten, was sie in Sprachen gehört hatten, die ihnen unverständlich waren. Aus diesem dichten Gewirr von Lauten ragten die Summen hervor, die der kaiserliche Fiskus eingenommen hatte, die Namen und Vatersnamen der abgesetzten und enthaupteten Funktionäre, die Längen und Breiten der Bewässerungskanäle, welche die mageren Flüsse in Zeiten der Dürre speisten. Doch als der junge Venezianer mit seinem Bericht an die Reihe kam, entstand zwischen ihm und dem Kaiser eine andere Kommunikation. Neu eingetroffen und der Sprachen des Ostens total unkundig, konnte sich Marco Polo nicht anders als durch Gesten, Sprünge, Ausrufe der Bewunderung und des Entsetzens, Bellen und andere Tierlaute ausdrücken, oder durch Ge genstände, die er aus seinen Doppelsäcken hervorholte - Straußenfedern, Blasrohre, Quarze -, um sie dann wie Schachfiguren vor sich auszubreiten. Zurück von den Missionen, mit denen ihn Kublai betraut hatte, improvisierte der einfallsreiche Fremde Pantomimen, die der Herrscher sich deuten mußte: Eine Stadt wurde durch den Sprung eines Fisches bezeichnet, der dem Schnabel eines Kormorans entglitt, um in ein Netz zu fallen, eine andere Stadt durch einen nackten Mann, der durchs Feuer ging, ohne zu verbrennen, eine dritte durch einen Totenschädel, der zwischen seinen grünschimmligen Zähnen eine schneeweiße runde Perle trug. Der Großkhan entzifferte diese Zeichen, doch die Verbindung zwischen ihnen und den besuchten Orten blieb ungewiß: Er wußte nie, ob Marco ein Abenteuer darstellen wollte, das ihm unterwegs widerfahren war, eine Tat des Gründers der betreffenden Stadt, die Weissagung eines Astrologen, ein Bilderrätsel oder eine Charade, um einen Namen zu nennen. Aber mochte es offenkundig oder dunkel sein, alles, was Marco vor zeigte, hatte die Macht der Embleme, die man, hat man sie einmal gesehen, nie mehr vergessen oder verwechseln kann. Im Geiste des Khans spiegelte sich das Reich in einer Wüste von Daten, flüchtig und austauschbar wie Sandkörner, aus denen für jede Stadt und Provinz die Gestalten hervorgingen, die der Venezianer mit seinen Logogryphen evoziert hatte. Im Laufe der Jahre und Reisen erlernte Marco die Tartarensprache und viele nationale Idiome und Stammesdialekte. Seine Berichte waren jetzt die präzisesten und detailliertesten, die sich der Großkhan nur wünschen konnte, und es gab keine Frage oder Neugier, die sie offenließen. Dennoch rief jede Mitteilung über einen Ort dem Kaiser jene erste Geste oder Sache in Erinnerung, mit denen Marco ihn einst bezeichnet hatte. Das neue Datum erhielt einen Sinn durch jenes Emblem und fügte gleichzeitig dem Emblem einen neuen Sinn hinzu. Vielleicht ist das Reich, dachte Kublai, nichts anderes als ein Tierkreis von Phantasmen des Geistes. »Wenn der Tag kommt, an dem ich alle Embleme kennen werde«, fragte er Marco, »wird es mir dann gelingen, mein Reich endlich zu besitzen?« Darauf der Venezianer: »Sire, glaub das nicht. An dem Tag wirst du selbst zu einem Emblem unter Emblemen.« -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.