Selten ist es mir so schwer gefallen nach dem ich ein Buch gelesen hatte, dessen Nachhall zu verarbeiten, wie bei diesem beklemmenden Stück Geschichte. "Die unsichtbare Brücke" von Julie Orringer gehört zu den Büchern, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen und von dem ich mir sicher bin, dass ich auch nach Jahren noch an dieses beeindruckende Werk denken werde.
Julie Orringer erzählt die Familiengeschichte ihrer Großeltern Andras und Claire. Sie beginnt 1937 als Andras nach Paris kommt, um Architektur zu studieren. Der kommende Krieg wirft schon seine Schatten voraus und Andras bekommt immer stärker den wachsenden Antisemitismus zu spüren. Er lernt die neun Jahre ältere Ballettlehrerin Claire Morgenstern kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Als sein Visum in Frankreich nicht verlängert wird, reist er zusammen mit Claire zurück nach Budapest und wird dort ebenso wie seine beiden Brüder zum Arbeitsdienst eingezogen. Immer stärker werden die Schikanen gegen die ungarischen Juden im eigenen Land in dem sie geboren sind und für das ihre Väter im vorigen Krieg gekämpft haben, doch niemand kann sich vorstellen, was der Familie noch alles bevorsteht...
Wie auch bei anderen Katastrophen der Menschheit, die in ihren grausamen Ausmaßen so groß und daher so abstrakt zu fassen sind, braucht es die Geschichte einzelner Personen, um zu nachfühlen zu können, was geschehen ist. Zusammen mit Andras und Claire erlebt man die Zeitgeschichte und indem man sie im Laufe des Buches immer besser kennenlernt, leidet man mit ihnen unter dem Unrecht, dass ihnen und ihrem Volk angetan wird. Das Schicksal der ungarischen Juden ist nicht mehr nur eine lange zurückliegende Sache aus alter Zeit - durch die beiden Protagonisten und ihre Familien erlebt man mit, was es z.B. bedeutete, zum Arbeitsdienst einberufen zu werden, was Menschen anderen Menschen antun konnten und noch können.
Der Stil Julie Orringers ist eher nüchtern zu nennen. Sie braucht keine Ausschmückungen, da die Geschehnisse für sich sprechen. Sie scheint keine Partei zu ergreifen, obwohl das, was sie schildert, so unendlich wütend macht und erschüttert.
Die Verluste, die viele Menschen erleiden mussten, sind in vielerlei Hinsicht beklemmend und man mag sich eigentlich nicht freiwillig damit beschäftigen, dass so etwas der eigenen Familie passieren könnte. Einer ganzen Generation werden Gesundheit, Vermögen und berufliche Zukunft genommen. Viele überleben es nicht und die, die es schaffen, sind schwer traumatisiert.
Im Mittelpunkt der Handlung steht immer Andras aus dessen Sicht das Ganze erzählt wird. Mit seinen Augen wirft man einen Blick auf die aus den Fugen geratene Welt. Es braucht keine tieferen Einblicke in die Gedanken und Gefühlswelt der einzelnen Personen, es reicht schon, wenn man zusammen mit ihm sieht, was mit ihm und den Menschen geschieht, die ihm nahe stehen. Hier schafft die Distanz zum Erzähler mehr Nähe, als man an einigen Stellen ertragen kann und möchte. Allein das Lesen des Erlebten weckt so viele Emotionen, dass ich an einigen Stellen Angst davor hatte, die nächsten Seiten zu lesen.
Man kann nur ansatzweise versuchen, diesem Buch gerecht zu werden. Für mich war es ein erschütterndes und beeindruckendes Leseerlebnis - ein Buch, dass ich so schnell nicht vergessen werde und das meiner Meinung nach noch sehr viele Leser verdient hat.