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Die unschuldigen Jahre
 
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Die unschuldigen Jahre [Gebundene Ausgabe]

Sibylle Mulot
3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 231 Seiten
  • Verlag: Diogenes (1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257061978
  • ISBN-13: 978-3257061970
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 112.431 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Sibylle Mulot
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Die vierzehnjährige Mimi vergöttert ihre beiden älteren Schwestern und die Welt ist für sie im Lot, solange sie alle drei zusammen sind, alles bereden, alles teilen. Bis der eine kommt, dessen Liebe man nicht teilen kann. Mimi ist wie gelähmt von dem Dilemma, ob und für welche Schwester sie Partei ergreifen soll. Sie erfährt das Trauma, dass die, die sich die liebsten waren, zu Todfeindinnen werden, dass man nicht trösten, nicht vermitteln kann.

carpe.com

Drei Töchter im Haus, zwei davon längst heiratsfähig -- da heißt es den Markt beobachten und gelegentlich steuernd eingreifen. Das Setting in Sibylle Mulots neuem Roman Die unschuldigen Jahre erinnert an Jane Austens Genrebilder. Marga Hülle hat ihre Töchter für die Ehe erzogen und wartet nun ungeduldig auf greifbare Ergebnisse. Für die jungen Damen sind Kleiderfragen von größter Wichtigkeit -- Seidentaft für das Ballkleid oder doch lieber Silberlamé? Man besucht den Ball der benachbarten Kaserne und lädt die Verehrer -- die Brüder Heinz, Witschge mit dem flotten Karmann Ghia, den braven Soldaten Singer -- zur Party nach Hause. Die Mutter, herrschsüchtig und schrill, benimmt sich unmöglich, wie Mrs Bennet. Der Vater zieht sich hilflos und wenig zuständig zu seinen Büchern ins Studierzimmer zurück.

Sibylle Mulots vierter Roman spielt allerdings nicht im englischen Hampshire, sondern auf der Schwäbischen Alb, in Merklingen, einem "Kaff", wo die Familie Hülle sich mühsam mit ihrem durch lateinische Zitate untermauerten Bildungsdünkel über die anderen Spießerfamilien zu erheben versucht. Es ist die Zeit von Franz Josef Strauß (den man schätzt) und Rolf Hochhuth (den man nicht schätzt), die sechziger Jahre, wo man Plastikreifen in die Petticoats zieht und Herren in Anzug und Krawatte mit toupierten Damen Twist tanzen (es stimmt alles, auch der Babydoll, ältere Leser werden sich mit gerührtem Schaudern erinnern). Die Paarungsrituale funktionieren noch wie in alten Zeiten, aber die Brüche sind nicht zu übersehen. Bei Käsewürfeln und Bowle wird nicht nur nach der Nazi-Vergangenheit der Eltern gefragt, sondern auch die bürgerliche Kleinfamilie für tot erklärt. Heiraten, Kochen und Kinderkriegen, das genügt den Mädchen nicht mehr, schließlich haben Deina und Astrid Hülle gerade ihr Staatsexamen abgelegt. Das Hausfrauenvorbild der Mutter wirkt abschreckend. Die jüngste Schwester Mimi hält Heiraten für den direkten Weg in die Sklaverei. Brüchig ist auch die bürgerliche Wohlanständigkeit im Städtchen, zu dünn ist die Decke über der braunen Vergangenheit. Kurz vor der Pensionierung wird auch Vater Hülle von ihr eingeholt. Ein seinerzeit mit heroischer Glut geschriebenes Buch über die Christgermanen verhindert letzte akademische Ehren.

Die Familiengeschichte wird (nicht ganz konsequent) aus der Perspektive der jüngsten Schwester Mimi erzählt. Die Vierzehnjährige verabschiedet sich gerade unter Schmerzen von den Sicherheiten der Kindheit und sucht nach dem Ort, wo das Leben ist. Die Aktivitäten der großen Schwestern begleitet sie mit Sehnsucht und bewundernder Liebe. Als der Bruch dann auch hier kommt, wirkt er verheerend und reisst Mimi in zwei Hälften. Deina und Astrid verlieben sich in den gleichen Mann; die Rivalität lässt frühe Schwesternkonflikte aufbrechen, Intimität schlägt um in Todfeindschaft. Deina reagiert altgriechisch (Meine Schwester hat mir den Mann weggenommen) und verweigert den Kontakt über Jahrzehnte. Mimi kann nur zusehen. Eine Wand ist entstanden wie die Berliner Mauer, die sogar noch deren Fall überdauert.

Wie Jane Austen nutzt Mulot für ihre Milieuschilderungen das Mittel der Ironie, allerdings wesentlich direkter. Sie kennt die schwäbische Enge aus ihrer Kindheit in Reutlingen wohl zu gut, als dass sie sich gelegentliche Überzeichnungen ihrer Figuren versagen könnte. Marga Hülle, mit ihrem Mann im erklärten Willen zur Normalität verbunden, streift mit ihren Denkklischees die Grenze zur Karikatur. Wir haben unseren Töchtern immer gesagt: Alles dürft ihr nach Hause bringen, alles. Nur keinen Katholiken. Und natürlich auch keinen Neger. Und keinen Juden und keinen Scheich. Der satirische Einschlag nimmt dem Schwesterndrama viel von seinem Gewicht. Umgekehrt verhindert die Ironie, dass die Biederkeit der dargestellten Welt auf die Darstellung übergreift. Er kannte das Leben, heißt es über den Landgerichtsrat Dopff. Er hatte die Scheidungssachen. Die eifrig betriebene Schuldverdrängung der braven Kleinstädter als zentrales Thema des Buches gibt auch dem Titel einen schönen ironischen Doppelsinn. --Eva Leipprand


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Kundenrezensionen

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Natürlich geht es nicht um eine spannende oder besonders aufregende Familie; vielmehr um eine ganz normale, gutbürgerliche und schwäbische Familie in den 60er Jahren. Die Geschichte beschreibt vorwiegend das Leben dreier Schwestern aus der Sicht der Jüngsten, die in einer engen und moralischen Umgebung aufwachsen. Alle drei versuchen ihren Weg zu finden, mehr oder weniger losgelöst von den Vorstellungen ihrer Eltern. Besonders gut hat mir an diesem Buch gefallen, dass keinerlei Bewertungen oder Analysen der Personen vorgenommen wurden. Nicht ständig die Frage "Warum"? oder Erklärungen, sondern: die Personen sind eben wie sie sind und die Geschichte ist so wie sie ist. Sybille Mulot schreibt klar und ohne Schnörkel. Ich mag diese Geschichte, sie wirkte auf mich ehrlich, realistisch und war sehr kurzweilig.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Die Familie Hülle ist eine normale, gutbürgerliche Familie, die in den frühen sechziger Jahren ihre Stellung in der westdeutschen Gesellschaft sucht. Der Vater ist zwar aus dem Krieg zurückgekehrt, doch glaubt die jüngste Tochter, die vierzehnjährige Mimi(aus deren Sicht vieles erzählt wird), daß er doch irgendwie getötet wurde-wie alle Soldaten irgendwie tot aus dem Krieg kamen. Mimi hat zwei ältere Schwestern, um deren Leben das Ihre kreist. Die schöne, offenherzige Deina und die tiefgründige kühle Astrid lieben sich, halten gegen die alles beherrschende, neugierige Mutter zusammen- bis zu dem verhängnisvollen Wochenende, an welchem Deina erfahren muß, daß Astrid ihr den Mann weggenommen hat. Ganz klar wird aus der Geschichte nicht, weshalb dies Deinas Leben zerstört -zumal auch andere Männer im Gespräch sind-, jedoch wird der Bruch mit der Familie, besonders mit Astrid, ein lebenslanger. Mimi versucht zu vermitteln, erkennt jedoch ihre Ohnmacht. Eine Art Epilog, in welchem ein Freund der Familie, mittlerweile Großvater, Mimi einen Brief schickt, versucht das Drama der Geschichte der beiden Schwestern zu erklären. Man weiß nicht so recht, welche oder wessen Geschichte Sibylle Mulot eigentlich schreiben wollte: die von Mimi? Ihrer Mutter? Ihrer Schwestern? Oder einfach nur ein Sittengemälde der frühen Sechziger? Letzteres ist ihr sehr gut gelungen. Selbst 1950 in Reutlingen geboren, hat sie die Stimmung dieser Jahre subtil eingefangen. Wer mag, kann sich mit Mulots „Unschuldigen Jahren" in diese Zeit zurückversetzen.
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