Zunächst möchte ich mein Leseerlebnis kurz schildern:
in spannungsvoller Erwartung öffnete ich die Umschlagseite und freute mich, bei kurzem Durchblättern, über viele beigefügte Bilder. Der Anfang ist einfach und durch den leichten und zum Teil schönen, abwechslungsreichen Sprachstil bleibt ein informativer Lesefluss. Zur Hälfte des Buches allerdings wurde ich unruhig, denn irgendwas sperrte sich bei mir, es weiter als ein wissenschaftlich fundiertes Buch zu betrachten. Während des Lesestopps fand ich am Ende des Buches drei Seiten Reklame von always-HygieneArtikel. Grummel. Den Verweis auf die 'freundliche' Unterstützung durch die Procter und Gamble GmbH bei der bibliographischen Information hatte ich bis dahin übersehen gehabt. Grund für meine Skepsis waren allerdings mehr wiederholte Häme gegen 'männliche' Interpretationen der weiblichen Körperfunktionen und Wiederholungen in Sinn und Aussagen, als auch versandete Informationsstränge. Wird es spannend, reißt der Faden ab und es wird ein Allgemeinplatz bedient, eine Wiederholung getätigt oder die Häme betrieben.
Aber nicht immer. Trotz dieser markanten Positionierung, die nicht unerlaubt sein soll, ergeben sich viele Einblicke. Besonders interessant fand ich, wie die Vorrezensentin bereits erwähnte, den Abschnitt über die Frauen im Dritten Reich. Trotz propagierter Bevölkerungsmehrung der 'Reinrassigen' kam es auf Grund mehrerer Faktoren, nicht zum gewünschten Ergebnis. Der Frauenkörper samt der Psyche ist eben viel sensibler, als es ein Bevölkerungsplan dieser (und vielleicht auch künftiger und jetziger) Zeit je einkalkulieren konnte. Ungeachtet dessen fanden Geburten statt. Ein Gegenbild zu den nichtgebärenden 'Blonden' wäre interessant gewesen.
Weiterhin interessant der Einblick in verschiedene Theorien über die Funktionsweise des weiblichen Körpers im Laufe der Zeit. Durch beständiges Neuerzählen bleibt das Menstruationgift hierbei Spitzenreiter. Was ich hier jedoch vermisst habe, sind wie bei dem Beispiel des einen Arztes, der Untersuchungsreihen dazu aufgestellt hatte, eine methodische und keine hämische Auseinandersetzung der Autorinnen mit diesem Vorgang. Sie stellen fest, dass es sowohl methodische Fehler, als auch, bzw. daraus ableitend, Auswertungsfehler gab. Sie bleiben allerdings die Benennung dieser Fehler schuldig und versanden. Wesentlicher dabei ist doch, dass die eindeutig wissenschaftliche Feststellung des Nichtvorhandenseins eines Menstruationgiftes erst im 20. Jahrhundert erbracht wurde. Wird von der Theorie eines Menstruationsgiftes ausgegangen, sind die daraus zu machenden Schlussfolgerungen konsequent. Eindeutig liegt der Fehler der Ärzte und Theoretiker nicht darin, frauenfeindlich zu sein, sondern in einer inkonsequenten Beweisführung. Solche Inkonsequenzen in der Wissenschaft beschränken sich aber nicht auf frauenspezifische Felder. Ich denke, hier machen es sich die Autorinnen zu einfach.
Einfach hingegen haben sie es sich nicht mit zahlreichen Recherchen gemacht. Es ist ein Leseschmaus, die vielen Originalzitate zu lesen, wenn auch manchmal die Auswahl unklar bleibt. Wie die Autorinnen anmerken, gab es neben dem Antifeminismus, immer auch den Drang zum Wissen, welches die Menstruationsforschung weiter voran brachte. So zeigen die beiden (Hering und Maierhof) wie mit Hilfe neuer Erkenntnisse die jeweiligen Diskurse beeinflusst wurden, wie verschiedene Gebiete ineinander verschlungen sind.
Besonders gelungen fand ich auch den Abschnitt, in dem es eine imaginäre Reise in verschiedene Praxen Deutschlands gibt. Was wäre die Behandlungsmethode der Wahl gewesen, wäre frau in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts von Menstruationsbeschwerden betroffen gewesen.
Die heutige Zeit wurde leider sehr kurz beleuchtet. Hier hätte ich mir wieder mehr Material über die heutige Bandbreite von Menstruationsleidenstheorien gewünscht. Die Autorinnen machen klar, dass es keine eindeutigen Mittel, sondern nur individuelle Ansätze gibt. Doch wäre es interessant gewesen, ob und wie die Gesetzgebung, z.B. Arbeitsverträge oder dergleichen mit 'den Tagen' umgehen. In unserer Gesellschaft ist die Leistungsfähigkeit der Frau unausgesprochenes Gebot. Das sie menstruiert wird auch heute weiter in der Arbeitswelt tabuisiert. Auch von der always-Werbung, bei der eine in weißer Hose gekleidete Frau sich mit unnatürlich ausgestrecktem Po auf den Cafestuhl setzt. Statt einer Auseinandersetzung mit heutigen Tabus und Lenkungsversuchen durch Medien endet das Buch mit der Bewerbung der Ultra-Binden als den reformierten Hygieneschritt. Ungeachtet dessen, dass ich selbst die UltraBinden nicht missen möchte, denke ich, die Darlegung der Position der menstruierenden Frau in der heutigen Gesellschaft wäre ein besserer Abschluss gewesen. So bleibt ein Geschmäckerl, als wäre Ziel des Buches gewesen, den UltraFortschritt der Hygieneartikel aufzuzeigen.
Trotzdem empfehle ich dieses Buch. Es zeigt sehr anschaulich die Verbindung von Wissenschaft und Alltagskultur, von Traditionen und Denkmustern auf, nebenbei zeigt es interessante Aspekte wohlbekannter historischer Ereignisse auf, wie dem Ersten Weltkrieg und dem Dritten Reich, wodurch Geschichtsschreibung nochmals vorgeführt wird.
Fazit: es lohnt sich.